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Feminismus-Buch "Tussikratie": Jetzt übernehmen wir

Von Johan Dehoust

Autorinnen Bäuerlein und Knüpling: Beim Thema Feminismus kann man viel verkehrt machen - die beiden nicht Zur Großansicht
Tom Eckert; Andreas Geigl/ Heyne

Autorinnen Bäuerlein und Knüpling: Beim Thema Feminismus kann man viel verkehrt machen - die beiden nicht

Statt die Verhältnisse zu hinterfragen, denken viele Frauen zu stark an die eigene Macht: Das finden Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling und zweifeln in "Tussikratie" an der aktuellen Gender-Debatte. Eine wohltuend differenzierte Mahnung.

Feminismus, uff. Es fällt schwer, einen Einstieg in dieses große Thema zu finden. Man kann einfach so wahnsinnig viel verkehrt machen. Nähert man sich ihm verspielt, läuft man Gefahr, als Ignorant der harten Realität zu gelten. Versucht man es über ein konkretes Beispiel, fühlt es sich an, als reduziere man ein facettenreiches Phänomen unzulässig auf einen Aspekt. Beginnt man mit einer steilen These, zieht man automatisch Ärger auf sich.

Das Gute ist, dass man mit genau diesen Zweifeln dann doch direkt im Thema von Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling gelandet ist: Die zwei Autorinnen beschreiben in ihrem Buch ein verunsicherndes, einschüchterndes Klima rund um die Debatten zur Gleichstellung von Frauen.

"Tussikratie", so haben die zwei Journalistinnen, beide Anfang 30, ihr Buch genannt. Was sie unter dem Begriff verstehen, erläutern sie bereits im Klappentext: 1. Eine pseudofeministische, eigentlich aber sexistische Diskursherrschaft. 2. Ein Weltbild, in dem Männer a) trauriges Beiwerk oder b) übermächtige Gegner sind. 3. Die Verschleierung von Klassendifferenzen als Frauenproblem. Diese knackige Aufzählung, umgeben von neon-orange und schwarz, macht einen gefasst auf eine geifernde Abrechnung, auf eine Streitschrift.

Rütteln an der Frauen-Männer-Front

Tatsächlich ist "Tussikratie" nur selten polemisch. Vielmehr gelingt Bäuerlein und Knüpling eine ruhig vorgetragene, wohltuend differenzierte Mahnung. Im ersten Kapitel, dem Herzen des Buches, erläutern die beiden genauer, was ihr Anliegen ist: Sie glauben, dass zahlreiche Debatten um die gesellschaftliche Teilhabe von Frauen Gefahr laufen, nicht wirklich auf eine Gleichstellung, sondern auf eine Umkehrung abzielen. Allzu oft offenbare sich ein Verhalten, das zum Habitus einer Tussi gehöre - es dominiere das Angsthafte, Rachsüchtige, Reflexhafte.

Bäuerlein und Knüpling sind keine Anti-Feministinnen. Im Gegenteil: Sie halten die Gleichstellung von Frau und Mann selbstverständlich für erstrebenswert. Ihre Hoffnung ist es allerdings, dass die Geschlechter zusammen eine bessere Gesellschaft erschaffen. Weniger hierarchisch, mit höheren Löhnen und flexibleren Arbeitszeiten.

Leider, so ihre Beobachtung, blieben die grundlegenden Verhältnisse derzeit aber viel zu oft unangetastet, es ginge immer nur darum, die Macht neu zu vergeben - und zwar an die Frauen. Überspitzt gefragt: Was bringt es, wenn statt eines Mannes eine Frau auf einem Chefsessel sitzt, ihre Untergebenen aber genauso drangsaliert?

Nach ihrer einleitenden Analyse rütteln Bäuerlein und Knüpling die schlichte Frauen-Männer-Front ab, in 14 klugen, vielfältigen Kapiteln. Taugt der sogenannte Gender Pay Gap wirklich immer als Argument? Warum werden Männerstammtische verteufelt und trotzdem neue Frauennetzwerke gebildet? Wie sinnvoll ist es, Girls' und Boys' Days zu veranstalten? Man muss nicht immer einer Meinung mit den Autorinnen sein, aber: Ihre Texte sind eine angenehme Mischung aus nüchternen Verweisen auf vorausgegangene Gender-Beiträge, markanten Beispielen und uneitlen Reflexionen zu ihren eigenen Lebenssituationen. Ein lockerer Erzählton, der die verkniffene Geschlechterdebatte zu entkrampfen versucht.

Und allein das kann so falsch nicht sein.


Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling: Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können. Heyne Verlag, München; 320 Seiten; 16,99 Euro.

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insgesamt 34 Beiträge
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1. optional
thomas.b 23.04.2014
Die Lektüre scheint zu lohnen. Allerdings werden das Buch genau die nicht lesen, die dadurch enttarnt werden.
2. Klingt gut
jagenauundso 23.04.2014
Das klingt ausnahmsweise mal nach einem Buch zum Thema, das sich zu lesen lohnt. Wir brauchen keine K(r)ampf-Emanzen nach dem Alice-Strickmuster, sondern emanzipierte Menschen, männlich wie weiblich, die Gleichberechtigung nicht als Kampfsport sehen, nicht als den Versuch der Gleichmacherei, nicht als Machtumkehrung mit den alten Fehlern, nur dieses Mal vom anderen Geschlecht begangen.
3. falsche Definition
california2000 23.04.2014
Dieser Artikel macht deutlich was in der ganzen Debatte schief läuft. Nämlich die Gleichsetzung von Feminismus und Gleichstellung. Der Feminismus fordert keineswegs die Gleichstellung von Mann und Frau sondern, um es verinfacht auszudrücken, ein Leben ohne denn Mann. Feminismus ist eine Ideologie der Apartheit gegen den Mann und das hat mit Gleichstellung nichts zu tun. In unserer Gesellschaft mangelt es in vielen Bereichen an einer echten Gleichstellung / Gleichberechtigung, aber dank dummer Politik werden viele Felder von Feministen okkupiert und damit politisch radikalisiert. Dazu braucht man sich nur mit den ideologischen Vordenkern des Feminismus auseinandersetzen. Hedwig Dohm ist eine von ihnen und sie beschreibt in ihrem Buch "Die Antifeministen" als die gefährlichsten Gegener des Feminismus nicht Männer, sondern Frauen die glücklich verheiratet sind und Kinder haben. Und für Sulamith Firestone ist die Liebe noch mehr als das Kinder kriegen der Schlüssel zur Unterdrückung der Frau. Für Eva Illouz ist die romantische Liebe der Mechanismus, der Frauen dazu bringt sich dem Mann unterzuordnen. Hier geht es also nirgens um zu begrüßende und notwendige Gleichstellung von mann und Frau sondern um die Überwindung des Mannes, um ein Leben ohne Mann. Die große Vernebelungsaktion des Feminismus liegt in der geglückten Verschleierung der wahren Ziele und unter einem anderen Deckmantel zu erscheinen. Was das für Folgen hat zeigt ein einziger Blick auf Amazon, wo es Bücher mit Titeln wie folgt gibt: Warum Hunde besser als Männer sind Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer Nur ein toter Mann ist ein guter Mann Sternzeichen Scheißkerl Männer haben keine Zukunft Männer taugen nichts Männer sind infam solange sie Männer sind Ein bisschen Männerhass steht jeder Frau Auslaufmodell Mann etc. Diese Liste läßt sich lang fortsetzen. Es hätte einen rieseigen Aufschrei gegeben, wäre auch nur in einem dieser Buchtitel des Wort Mann durch Frau ersetzt worden. Also mit Gelcihstellung hat dies in meinen Augen nichts zu tun. An den Autor: Bei diesen Themen ist intensive Hintergrundrecherche sehr geboten um sich nicht einspannen zu lassen. Über die Qualität und den Inhalt des hier beschriebenen Buches werde ich mich erst äußern wenn ich es gelesen haben. Es klingt zumindest vielverprechend. Mann kann aber nicht Feminist sein und gleichzeitig für Gleichstellung. Das widerspricht sich im Kern.
4. Ernstzunehmende Feministinnen!
Kurt Kraus 23.04.2014
Gute Nachrichten, Männer. Wir sind doch nicht mit den Kindern allein.
5. es tut gut ...
dumovic 23.04.2014
zu lesen, dass die Erkenntnisse zumindest in diesen beiden Frauenköpfen gediehen sind. Mir kommt es schon lange so vor, als wenn die Emanzipationsbemühungen nur noch auf die Unterdrückung der Männer abzielen. Manche möchten wohl gerne auf High Heels in die Männerbastionen einziehen. Überspitzt: Jetzt haben wir uns das Recht erstritten, als Soldatin der Bundeswehr zu kämpfen, brauchen nur noch jemanden, der uns das Sturmgepäck trägt. Ich werde das Buch wohl kaufen!
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