Ferienlektüre Leseglück für Stadt, Land, Fluss!

Egal, wohin wir reisen: Die Literatur war schon da. Warum also nicht das Urlaubsglück verdoppeln und sowohl reale als auch fiktive Ländereien entdecken? Die SPIEGEL-ONLINE-Kritiker präsentieren ihre Lieblingsbücher für die Reisezeit. Einpacken, losschmökern!

Hitzewelle in London: In Rose Tremains Roman scheint auffallend oft die Sonne
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Hitzewelle in London: In Rose Tremains Roman scheint auffallend oft die Sonne

Von Ulrich Baron, Daniel Haas und Sibylle Mulot


Es gibt Orte, an die können wir innerhalb einer Sekunde reisen. Wir müssen nur ein Buch aufschlagen und die erste Zeile lesen - schon sind wir da: Im New York Paul Austers, auf den Gipfeln des Kilimandscharo, wie Ernest Hemingway sie sah, an den Flussufern des Mississippi, wo Huckleberry Finn seine Abenteuer erlebt.

In der Ferienzeit lässt sich das Reiseglück also gleich zweimal erleben: Wir erkunden neue Städte, Länder und Ufer - und navigieren durch die unendliche Welt der Texte. Natürlich gehört zu jeder Expedition die richtige Ausrüstung. Die SPIEGEL-ONLINE-Kritiker steuern den idealen Leseproviant bei: spannende, überraschende, aufschlussreiche Bücher für und über Stadt, Land und Fluss.

Folge eins: Stadtgeschichten

Rose Tremain: "Der weite Weg nach Hause"

"Die Londoner Hitzewelle hielt lange an" - so beginnt ein Kapitel. Auffallend oft scheint in diesem London die Sonne, auch im übertragenen Sinn. Der prächtig realistisch erzählte Großstadtroman berührt so umwerfend positiv, dass man am liebsten gleich mit Lev, dem traurigen Witwer und Wirtschaftsflüchtling aus Osteuropa, im Bus mitfahren und genau das erleben würde, was er in dieser Stadt mitmacht: als Kebab-Imbiss-Prospekteverteiler, Tellerwäscher in einem In-Lokal, phantasievoller Aushilfskoch in einem Altenheim, schließlich tatkräftiger Chef de Cuisine, als er in seine osteuropäische Heimat zurückkehrt.

Tremain ist eine großartige psychologische Erzählerin. Sie schreibt detailgesättigt, überraschend, stimmig und frisch. In diesem Roman bringt sie London, Stadt der Städte (und ihre Heimatstadt) mit einem zartfühlenden, hinterwäldlerischen Helden aus fremder Provinz zusammen und lässt aus diesem Zusammenprall Funken stieben. Sie entwirft Bilder von Stadtlandschaften und Personen, die man so schnell nicht vergisst. Sibylle Mulot

Buchtipp

Rose Tremain:
Der weite Weg nach Hause.

Suhrkamp Verlag; 490 Seiten; 14,90 Euro.

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Haruki Murakami: "Mister Aufziehvogel"

Sommer in der Stadt und kein Job in Aussicht. Macht nichts. Während Toru Okada Spaghetti kocht und Radio hört, öffnet sich die Tür in ein surreales Wunderland. Seltsame Frauen am Telefon, ein lolitahafter Teenager und ein Vogel, dessen schnarrender Ruf so klingt, als würde er das Uhrwerk der Welt aufziehen, sind die Vorboten. Und schon hat ein phantastisches Abenteuer begonnen, das durch die mäandernden Tag- und Alpträume eines coolen Großstadthelden bis in die verdrängte Geschichte japanischer Kriegsverbrechen führt.

Murakamis freien Improvisationen über Motive der Pop- und Hochkultur entfalten einen magischen Sog und entführen in ein postmodernes Neverland voller endloser Vormittage und bodenloser Abgründe. Ein labyrinthischer Roman, in dem man sich immer wieder verlieren möchte. Ulrich Baron

Buchtipp

Haruki Murakami:
Mister Aufziehvogel.

Btb; 764 Seiten; 12,50 Euro.

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Tom Wolfe: "Fegefeuer der Eitelkeiten"

Die Finanzjongleure, die uns in die Pleite stürzten, wie können wir sie angemessen bestrafen? Gemästet mit hohen Abfindungen, verschanzt in Villen und Chalets, scheinen sie immun gegen den Gau, den sie selbst inszenierten. Zum Glück hält die Literatur für jedes Unrecht eine Kompensation bereit. Im Fall des Bankers ist es Tom Wolfes furioser Roman.

Fast ein Vierteljahrhundert ist "Fegefeuer der Eitelkeiten" alt; das Buch manövriert einen Börsenmakler so zielsicher in die Katastrophe, dass man 1987, als das Werk erschien, beinahe Mitleid mit dem Helden empfand. Heute aber kann man die Geschichte von Sherman McCoy, der einen Millionendeal vermasselt und dann auch noch unter Mordverdacht gerät, mit lüsterner Häme lesen.

New York ist in diesem Roman ein Labor für soziale Kämpfe und Intrigen, ein Spielfeld der Gemeinheiten, in der alle buchstäblich hoch hinaus wollen - McCoy lebt in einem Apartment mit Vogelperspektive, was den Absturz um so drastischer macht. Eine City, die niemals schläft, sondern stündlich neue Albträume ausheckt. Vorzugsweise zu lesen in einer gut klimatisieren Hotelsuite mit Blick auf den Central Park. Daniel Haas

Buchtipp

Tom Wolfe:
Fegefeuer der Eitelkeiten.

Rowohlt Taschenbuch Verlag; 928 Seiten; 12,95 Euro.

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Craig Russell: "Lennox"

Nach drei Romanen mit dem Hamburger Hauptkommissar Jan Fabel überrascht Craig Russell jetzt mit einem Krimi im Hardboiled-Stil der Schwarzen Serie: Glasgow 1953. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Gerade noch hatten die Gangsterbosse der Stadt ihre Claims abgesteckt, da schießen zwei mittelprächtige Ganoven quer.

Nachdem einer der beiden an etwas gestorben ist, was der Volksmund als "Bleieinlauf" bezeichnet, will sein Bruder Frankie den zynischen Kriegsveteranen Lennox als Ermittler anheuern. Kein guter Gedanke, findet Lennox. Und lehnt ab. Wenig später ist auch Frankie tot. Jetzt muss Lennox den Fall übernehmen, denn sein Auftrag kommt von jemandem, bei dem man nur einmal im Leben "nein" sagt.

Doch die Könige der Glasgower Unterwelt müssen erkennen, dass sie nur noch in der Regionalliga spielen. Das verströmt den zynischen Charme der Pulp fiction, in der Killer noch keine Künstler, sondern brutale Handarbeiter waren, und zeigt zugleich, wie deren Ära zu Ende ging. Ulrich Baron

Buchtipp

Craig Russell:
Lennox

Lübbe; 379 Seiten; 8,99 Euro.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
mavoe 23.07.2010
1. Mein Tipp:
Zitat von sysopEgal, wohin wir reisen: Die Literatur war schon da. Warum also nicht das Urlaubsglück verdoppeln und sowohl reale als auch fiktive Ländereien entdecken? Die SPIEGEL-ONLINE-Kritiker präsentieren ihre Lieblingsbücher für die Reisezeit. Einpacken, losschmökern! http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,705687,00.html
Endlich mal Goethe lesen. Den Faust. Beide Teile. Wäre mir früher nie eingefallen, bis ich mal für längere Zeit in Indien war, rucksacktechnisch.
Monsieur Rainer 23.07.2010
2. Wollen Sie Frankreich richtig kennenlernen ?
Dann lesen Sie die Krimiserie "Commissaire Carlucci". Da stimmt jede Strasse, jedes Bistro und jede Sehenswürdigkeit. Die Krimis sind realistisch und eignen sich auch als Reiseführer!
Dr. Peter Otte 24.07.2010
3. Lesen gegen das Aufschieben des Lesens
Zitat von sysopEgal, wohin wir reisen: Die Literatur war schon da. Warum also nicht das Urlaubsglück verdoppeln und sowohl reale als auch fiktive Ländereien entdecken? Die SPIEGEL-ONLINE-Kritiker präsentieren ihre Lieblingsbücher für die Reisezeit. Einpacken, losschmökern! http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,705687,00.html
Ich lese gerade im Urlaub das Buch: "Jetzt tu ich erstmal nichts - und dann warte ich ab" von dem Coach und Kabarettisten Malte Leyhausen. Wer Literatur, Komik und Psychologie im Urlaubsformat wünscht, kommt hier auf seine Kosten.
Ute Wohlrab 25.07.2010
4. immer wieder schön
... alles von Joachim Fernau. Immer wieder fesselnd, zynisch, beobachtend. Und irgendwie trotz allem immer wieder aktuell. Mein persönlicher Favorit: Disteln für Hagen. Außerdem: Wibke Bruns - meines Vaters Land. Ich lese praktisch ständig, nicht nur im Urlaub und hätte wahrscheinlich 100 Bücher, die mich immer wieder faszinieren... Hesses Knulp beispielsweise. Oder Stackelbergs "Verwehte Blätter"...
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