Ferienlektüre, Teil 3 Wir setzen Sie unter Strom!

Egal, wohin wir reisen: Die Literatur war schon da. Warum also nicht das Urlaubsglück verdoppeln und auch noch fiktive Ländereien entdecken? Die SPIEGEL-ONLINE-Kritiker präsentieren ihre Lieblingsbücher für die Reisezeit. In dieser Folge: Stoff für Wasserratten.

Sich erstmal ein schönes Buch angeln (Szene aus "Aus der Mitte entspringt ein Fluß")
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Sich erstmal ein schönes Buch angeln (Szene aus "Aus der Mitte entspringt ein Fluß")

Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot


Die Strömungen des Zeitgeists sind das eine, das Verfließen der Zeit beim Lesen das andere. Im Urlaub wollen wir die Routinen des Alltags hinter uns lassen und aufbrechen zu neuen Ufern. Dafür muss man nicht auf Reisen gehen. Es genügt, ein Buch zu öffnen - und schon ist man da: an den Gestaden neuer Welten, in den Strudeln aufregender Geschichten.

Folge drei: Fließtexte

Esther Kinsky: "Sommerfrische"

"Die hiesigen Flüsse sind wie die Schlangen, sie liegen im tiefen Gebüsch und tun, wie es ihnen beliebt. Trotzdem will jeder sie lieben (...) all die Wasserlustigen in einem Land, das fern von jedem Meer liegt". Wie Ungarn zum Beispiel, wo Alltag, Langeweile und Hitze einen melancholischen Film über die Landschaft ziehen, gleichzeitig Pläne- und Geschäftemacher besonders munter werden.

Nur jemand, der das Land und die Sprache gut kennt, kann diese spezielle Atmosphäre in Worte fassen. Esther Kinsky hat viele Jahre in einer Kleinstadt zwischen Szeged und Arad unweit der rumänischen Grenze verbracht. Ihre dichte Beschreibung ist exemplarisch: Nicht nur die Bewohner des Theiß-Beckens leben so, sondern der gesamte ländliche Raum Ungarns; werktags in langweiligen Dörfern und (Stadtrand-)Siedlungen, sonntags in winzigen Ferienhäuschen am Wasser.

Erst am Ufer der verschiedenen "Schlangen" atmet man auf; sie strömen dahin, kühlen, glitzern und verschlingen Menschen, bevor sie in der Hitze selbst verschwinden. Ein Roman wie ein Gedicht. Sibylle Mulot

Buchtipp

Esther Kinsky:
Sommerfrische.

Matthes & Seitz Verlag; 118 Seiten; 16,80 Euro.

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Jerome K. Jerome: "Drei Männer in einem Boot"

Mit diesem Buch hat Jerome K(lapka) Jerome (1859-1927) im Jahre 1889 einen Klassiker des britischen Humors geschaffen. Eine wagemutige Odyssee auf der Themse vereint drei Freunde schicksalhaft auf ihrem Boot mit dem Terrier Montmorency. Situationskomik, Wortwitz und Ironie verbinden sich auf dieser Flussfahrt mit einer empfindsamen Reise durch das England von gestern.

Kämpfte ein Don Quixote gegen Windmühlen, so kämpfen die Freunde mit Konservendosen, die sich nicht öffnen wollen, und mit diversen menschlichen Unzulänglichkeiten, die einem beim Gebrauch einer Campingausrüstung vor allen an den anderen auffallen.

Hier kann man die Ahnen von Laurel & Hardy und der Monty Pythons dabei verfolgen, wie sie Picknicks in Schlachtfelder und sportlichen Wettstreit in einen Jahrmarkt der Peinlichkeiten verwandeln. Doch in die Heiterkeit mischt sich auch leise Nostalgie. So unbeschwert, wie auf diesem Fluss, reist man heute nicht mehr. Ulrich Baron

Buchtipp

Jerome K. Jerome:
Drei (3) Männer in einem Boot... ganz zu schweigen vom Hund.

Piper Verlag; 247 Seiten; 8,95 Euro.

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Georges Simenon: "Maigret und der Treidler der 'Providence'"

Mark Twain hatte seinen Mississippi, der Belgier Georges Simenon hatte die Flüsse und Kanäle Westeuropas. So wurde sein Kommissar Maigret auf einem Boot geboren, das dem Schriftsteller 1929 als Wohnung und Arbeitsplatz diente.

Ein Jahr nach dessen Debüt in "Maigret und Pietr der Lette" entstand dann dieser Roman aus dem Milieu der französischen Binnenschiffer. Hier treffen sich arme Handlanger und reiche Yachtbesitzer. Eine schöne Tote am Marnekanal führt Maigret aus Paris zu den Wasserstraßen der Provinz, wo Lastkähne noch von Treidlern gezogen werden und Schleusenwächter den Takt des hin- und herpendelnden Schiffsverkehrs bestimmen. Der Mord hat diesen gemächlichen Takt gestört, bis Maigret zum Fahrrad greift und eine halsbrecherische Verfolgungsjagd beginnt.

Eine schöne Lektüre, um vom Tempo des Alltags auf Urlaub zurückzuschalten. Außerdem ist Spannung ja keine Frage der Geschwindigkeit. Ulrich Baron

Buchtipp

Georges Simenon:
Maigret und der Treidler der 'Providence'.

Diogenes Verlag; 167 Seiten; 9,00 Euro.

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Gerhard Roth: "Der Strom"

Ein imaginärer Pinsel scheint zu Beginn die verschlungenen Wasseradern des Nildeltas vergoldet zu haben - "mit Giottogold, der entrücktesten aller Farben". Doch der milde Glanz trügt. Der junge Österreicher Thomas Mach soll in Kairo die Stelle einer Reiseleiterin übernehmen, die beim Sturz aus dem 16. Stockwerk des Sheraton-Hotels ums Leben gekommen ist. War es Selbstmord oder Mord, wie ihre Notizen anzudeuten scheinen? Und ist das ein Kriminalroman oder ein literarisches Labyrinth, in dem jede Antwort neue Fragen aufwirft?

Die für sich schon so bedrängende wie irritierende Wirklichkeit Ägyptens scheint hier nur ein dünner Firnis zu sein, unter dem man manchmal die Konturen eines Romans von Eric Ambler, manchmal mythische Abgründe wahrzunehmen glaubt. Und am Ende sieht es so aus, als könne das alles auch der Tagtraum eines Augenblicks gewesen sein. In diesem Strom mag man gerne verloren gehen. Ulrich Baron

Buchtipp

Gerhard Roth:
Der Strom

Fischer S. Verlag; 343 Seiten; 19,90 Euro.

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