Berliner Komiker Fil Der Anti-Barth

Kennste den? Der Komiker Fil ist der Punker der Herzen. Er füllt keine Riesenhallen, verbiegt sich aber auch nie - weder in seinen berlinernden "Didi & Stulle"-Comics, noch in seinem neuen Spätpubertätsroman.

Fil Tägert mit Comicfigur Stulle
Fil Tägert/ Fiona Krakenbürger

Fil Tägert mit Comicfigur Stulle


Fil ist der Komiker, an dem man sich festhalten kann, wenn Mario Barth mal wieder (wie zuletzt als Entlarver der "Lügenpresse") das Klischee des humorbefreiten Deutschen Berliner Ausprägung satt unterstreicht. Philip Tägert alias Fil bleibt dabei seit Jahren immer knapp unter der Wahrnehmungsgrenze zum Mainstream-Comedian. Das liegt an seinem beinahe rührend altmodisch anmutendem Konzept der Liveauftritte abseits von dümmlichen ProSieben-Comedyshows - und an einer heute nahezu unvorstellbaren Nichtpräsenz im Internet.

Ein paar wackelige Livemitschnitte, auf seiner eigenen Homepage gerade mal vier kurze Videos: Wer Fil richtig sehen will, muss schon hingehen. Gelegenheiten gibt es genug, fast hundert Auftritte pro Jahr reißt der als "Sprachrohr Berlins" und "Punk-Comedian" titulierte Fil im Jahr ab. Dabei lehnt er - logisch - jede Schublade dankend ab: "Labels stimmen nie und sind nur dazu da, um irgendwas zu verkaufen. Image ist nichts, Durst ist alles", sagt er im Interview - und unterstreicht so noch einmal das Alternative seiner Kunst.

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Fil Tägert:
Mitarbeiter des Monats

Rowohlt; 304 Seiten; 19,95 Euro

Mit Berlin und seinen abgefuckten Figuren kennt sich Fil gut aus: Das bewies er schon mit seinen Jugenderinnerungen im autobiografischen Roman "Pullern im Stehn" (2014). Jetzt ist unter dem Titel "Mitarbeiter des Monats" ein zweites Buch über die Leiden des jungen Nick erschienen, der sich durch seine Spätpubertät, seinen McDonald's-Job und die Sinnlosigkeit einer No-Future-Jugendbewegung schlängelt.

Fil führt darin behände durchs Gruselkabinett der Achtzigerjahre: Nazi-Bräute, die dem Protagonisten Avancen machen, Popper und Hippies, die keiner so richtig mag, und Punker, die irgendwie die richtige Attitüde haben und doch gleichzeitig wissen, dass das Ende ihrer Ära naht. Durch diese Szenerie schlufft der Protagonist Nick, der mit seinem Autor die eine oder andere Gemeinsamkeit haben dürfte - nicht zuletzt die, dass Fil selbst zwei Jahre lang Burger unter dem Goldenen M wendete.

Erwartungen zu erfüllen, ist Fils Sache nie gewesen

Unausweichlich springen den Leser Vergleiche mit Heinz Strunks trauriger Vorstadtjugend voller Masturbation und Pickel an, die der Hamburger in seinem Bestseller "Fleisch ist mein Gemüse" niederschrieb. Schließlich gehört auch hier ein etwas ekliges physisches Tabuthema zum Repertoire, in Fils Fall die kapitelübergreifende Beschreibung einer schiefgelaufenen Vorhautbeschneidung. Aber ganz so trist wie bei Strunk geht es in "Mitarbeiter des Monats" dann doch nicht zu.

An der Seite von Typen, die "Speichel" oder "Milbe" heißen, geht es flott durch diese Milieustudie. Den oft derben Punkersprech muss man mögen, aber wenn man sich auf den jugendlichen stream of consciousness einlässt, ist das Buch eine unterhaltsame Epochenposse mit reichlich Pop-Zitaten, fiesen Bossen, Spelunken im Wedding und niedlichen Wuschelpunks aus dem Westen.

So lernt man ein bisschen was über das Jahrzehnt und über Berlin natürlich, denn wo sonst sollte die Geschichte spielen? Dass die schönsten Mädchen aus dem Märkischen Viertel stammen zum Beispiel. Wie Jacky, in die sich Nick verliebt. Um Liebe zu beschreiben, muss sich ein Autor allerdings trauen, die Ironie abzustreifen. Nicht einfach für einen Komiker wie Fil.

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Fil:
Didi & Stulle (Gesamtausgabe)

Reprodukt; 772 Seiten; 99 Euro (3 Bücher)

Es gelingt ihm aber leidlich, seinen Protagonisten ohne Albernheit durch allerlei erotische Verwicklungen zu bugsieren, allerdings mit offenem Ausgang. Denn Erwartungen zu erfüllen, ist Fils Sache nie gewesen: "Erfolg ist was für Flaschen, das finde ich nach wie vor. Man soll machen, was einem Spaß macht, nicht womit man sich am besten in die weichen Herzen seiner Mitbürger schleimen kann." Dass ihm Spaß macht, was er tut, merkt man jederzeit - ob in seinen Büchern, Comics oder auf der Bühne.

Bei seinen Liveauftritten produziert Film mit dem Handpuppen-Hai Sharkey irgendwas zwischen Dada und Gaga, ein bisschen dreckig, ein bisschen klug, ein bisschen absurd. Kein Wunder also, dass er als Spiegel seiner Heimatstadt wahrgenommen wird. Das liegt vor allem auch an seinen bekanntesten Comicfiguren.

Deren gesammelte Abenteuer, die von 1997 bis 2015 als Comicstripreihe "Didi & Stulle" im Berliner Stadtmagazin "Zitty" erschienen sind und Nicht-Berliner regelmäßig leicht irritiert zurückließen, erscheinen jetzt als Komplettausgabe.

Fil-Cartoon "Didi & Stulle"
Fil Tägert/ Reprodukt

Fil-Cartoon "Didi & Stulle"

Die zwei kleinen Unsympathen, die eigentlich nur berlinernd Quatsch verzapfen und ihre Nonkonformität abfeiern, wurden durch Fils absurde Einfälle zum Gegenentwurf des "Arm aber sexy"-Berlins und zu echten Kultfiguren. Im vergangenen Jahr war Schluss, bereut hat es der 50-Jährige seitdem nicht: "Ich höre gern Sachen auf. Ich schmeiß' lieber alte Klamotten weg, als mir neue zu kaufen. Eine Sache, die du 35 Jahre gemacht hast freiwillig aufzuhören ist ein Luxus ohne Ende." Jetzt sei er eben Schriftsteller, sagt Fil: "Mal was anderes."

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
gekreuzigt 21.11.2016
1. Was ist schon Barth
gegen einen Liebling der linken Szene. Fil spiegelt schon ganz gut das Niveau der sog. freien Szene wieder, wenn man ihn als Höhepunkt derselben begreift. Warum er keine größeren Auftritte möchte, sondern bei seinem überschaubaren Stammpublikum bleibt, wird er selbst am besten wissen.
tsitsinotis 21.11.2016
2. Keiner kann so authentisch
berlinerisch ins Schriftliche umsetzen.
nolabel 21.11.2016
3. Fil up
Pullern im stehen war klasse, bin schon gespannt auf den Mitarbeiter des Monats. Beim Vergleich mit Strunk frage ich mich zwar, was bei dem "trist" sein soll, aber egal, gut dass Fil hier mal besprochen wird. Und #1: Die richtig Guten füllen keine Stadien, Qualität schlägt Quantität. Wer über Mario Barth lachen kann, hat wohl sonst nix zu lachen.
bibobird 22.11.2016
4. Bitte korrigieren
Fil im Text Film zu nennen geht höchstens im Radio. Für die Mühe des Korrekturlesens vielen Dank im Voraus. #mitdemfahrradimerstenwagen
troy_mcclure 22.11.2016
5. Kennt keiner...
Aber wenn man den kennt dann kann man zeigen, dass man nicht so Mainstream wie die anderen ist. Ich persönlich gebe zu, dass ich Mario Barth manchmal witzig finde, eine ganze Show anschauen würde ich aber nicht.
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