"Kapital" - der Roman zur Krise Banker auf Bonus-Entzug

Willkommen in der Immobilienblase! In "Kapital" nimmt sich John Lanchester eine neureiche Straße im Süden von London vor und lässt kunstvoll die Träume der Bewohner zerplatzen. Ein fulminanter Gesellschaftsroman zur Finanzkrise - der sogar Erbarmen mit den Gierigen kennt.

Corbis

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Bücher können erstaunliche Dinge. Sind sie richtig gut, vermögen sie den Leser sogar dazu bringen, mit einem Banker um seine nächste Bonuszahlung zu zittern. Auf eine Millionen Pfund hofft der Nadelstreifenträger Roger Yount bei der nächsten Ausschüttung. Weniger wäre für ihn eine Katastrophe.

Yount ist eine der zentralen Figuren in John Lanchesters Großroman "Kapital", und minutiös listet der Autor die Kosten auf, die der von Yount als unverzichtbar empfundene Lebensstil verursacht - von den 35.000 Pfund im Jahr für das Kindermädchen, die verfluchten Sozialabgaben inklusive, über die 75.000 des als Drittwagen genutzten Lexus S400 bis zu den etlichen 100.000er-Batzen für die unterschiedlichen Aufwertungsarbeiten am edlen Reihenhaus im Süden Londons.

Und dann, irgendwann 2008, im Jahr der Lehman-Pleite, das Desaster: Als Bonus gibt es nur 30.000 Pfund. All unser Mitleid der gequälten Banker-Seele.

Zahlen und Menschen - wer einen Roman über die Finanzkrise schreiben will, kommt nicht umhin, beides in Beziehung zu setzen. Lanchester hat das mit seinem 700-Seiten-Roman über die psychologische Dynamik hinter dem Crash fulminant geleistet. VWL mit Empathie, so könnte man sein Werk feiern; eine Art Wohlstandsbericht der späten Nullerjahre, der feinfühlig die Vorbeben zum Katastrophen-September 2008 registriert.

Der Mittelstand ist auf einmal Oberschicht

Zentrum von Lanchesters Roman ist eine Straße namens Pepys Road im südlichen London, eine rot geklinkerte Bastion jahrzehntelanger Mittelstandssolidität, die Anfang des neuen Jahrhunderts rasant an Prestige gewann und prosperierte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Häuser einmal für gehobene Angestellte errichtet worden. Rund hundert Jahre später lassen sich jetzt hier mehr und mehr wohlhabende Akademiker oder Manager nieder, die unablässig die Aufrüstung ihrer Eigenheime betreiben. Wer durch die Pepys Road geht, so heißt es einmal im Roman, hört es immer hämmern und bohren.

Wanddurchbrüche, Dachgeschossausbauten, aufwendige Hightech-Verkabelung: Der Mittelstand streckt sich. Und ist auf einmal Oberschicht. Oder wie Lanchester es auf den Punkt bringt: "Das erste Mal seit Entstehen der Straße waren die Menschen, die in ihr lebten - nach globalen und womöglich auch lokalen Maßstäben - reich. Ihr Reichtum ergab sich einfach und allein aus der Tatsache, dass sie in der Pepys Road wohnten. Sie waren reich, weil wie durch ein Wunder alle Häuser in der Straße nun Millionen von Pfund wert waren." Willkommen im Inneren der Immobilienblase.

Lanchester, der neben Romanen auch Artikel für den "New Yorker" und den "Observer" verfasst, flaniert nun die neue Prachtstraße herunter und schaut ihren Bewohnern hinter die Fassade. Dickenssche Fabulierlust inklusive kunstvoller Perspektivwechsel verbindet sich in seinem London-Roman - die Doppeldeutigkeit des Originaltitels "Capital" ist zwangsweise verlorengegangen - mit journalistischer Akkuratesse.

Kapital? Illusion!

Der ewige Umbau der Pepys Road steht stellvertretend für die sozialen Umwälzungen in London - doch die Mobilität innerhalb der Immobilienblase entpuppt sich mehr als einmal als Illusion. Das Kapital wird verbrannt, bevor es überhaupt zum Einsatz kommt. Für die Figuren heißt das: zurück auf Los. So wohnt in Lanchester Pepys Road auch ein dürrer senegalesischer Junge von 17 Jahren, der als neuer Magier des Fußballs gefeiert wird. Er wurde von einem Club für eine achtstellige Summe vom Sandplatz seines Dorfes weggekauft, wird aber nach dem ersten wichtigen Spiel wegen eines komplizierten Bruchs gezwungen, aus dem Profi-Fußball auszusteigen.

Oder es arbeiten hier polnische Handwerker, die den Pepys-Bewohnern zu günstigen Tarifen ihre Wohnträume erfüllen - und interssanterweise mit den schmalen Einkünften wesentlich kenntnisreicher spekulieren als der Banker Roger Yount.

Der ist eigentlich gar kein übler Typ, eher ein Verführter der Umstände, ein Blender und Geblendeter in Personalunion, und wird, wie könnte es anders sein, irgendwann rausgeschmissen aus seiner Bank. Er hört auf, sich zu rasieren, versucht erfolglos das Kindermädchen anzubaggern, bevor er es entlassen muss, und spielt schließlich in seinem untergehenden Eigenheimreich in voller Lautstärke die alten Platten der Punkrevoluzzer The Clash, die schon 1977 forderten, dass London brennen soll.

Ach, hätte der Banker seine Clash-Platten doch früher wieder entdeckt.

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insgesamt 1 Beitrag
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maldini13 26.10.2012
1. Whoops!
Danke für diese Empfehlung. Ich habe kürzlich John Lanchesters Sachbuch über die Finanzkrise gelesen. "Whoops, Why everyone owes everyone and no one can pay" (Penguin Paperback). Ein hervorragendes, sehr gut geschriebenes Buch und deshalb sehr zu empfehlen. Auf der Basis dieser Leseerfahrung werde ich mir sicher auch seinen Roman zum Thema besorgen.
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