In eigener Sache Der Fall "Finis Germania"

Die fragwürdige Nominierung eines rechtslastigen Buches für die "Sachbücher des Monats".


Seit mehr als 15 Jahren veröffentlicht NDR Kultur gemeinsam mit der "Süddeutschen Zeitung" und dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels die Empfehlungen der unabhängigen Jury "Sachbücher des Monats". Dem Gremium gehören Wissenschaftler sowie Autoren und Redakteure großer Medienunternehmen in Deutschland an.

Am Freitag erschien die jüngste Liste des Gremiums - und sorgte für Wirbel, weil sich unter den Empfehlungen auch das umstrittene rechtslastige Buch "Finis Germania" des Autors Rolf Peter Sieferle fand.

Zunächst war unklar, welcher der anonym votierenden Juroren für den Titel gestimmt hatte. Auf die Aufforderung des Juryvorsitzenden Andreas Wang (ehemaliger leitender NDR-Kultur-Redakteur, seit 2010 im Ruhestand) an den Verantwortlichen, zurückzutreten, bekannte sich der SPIEGEL-Redakteur Johannes Saltzwedel dazu, "Finis Germania" empfohlen zu haben.

Saltzwedel, der aus der Jury austrat, sagt:

"Mit der Empfehlung des Buches 'Finis Germania' von Rolf Peter Sieferle habe ich bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen wollen. Sieferles Aufzeichnungen sind die eines final Erbitterten, gewollt riskant formuliert in aphoristischer Zuspitzung. Man möchte über jeden Satz mit dem Autor diskutieren, so dicht und wütend schreibt er. Ich wollte durch meinen Vorschlag auf keinen Fall das Renommee der Sachbuch-Bestenliste beschädigen und bedaure sehr die Verwerfungen, die sich daraus ergeben haben. Deshalb habe ich mich entschieden, aus der Jury auszutreten."

Der Historiker Rolf Peter Sieferle (1949-2016) war von der "Süddeutschen Zeitung" posthum, im Oktober 2016, als "unerschrockener, immer rationaler Denker" und von der Universität St. Gallen als "universaler Denker und sympathischer Kollege" gelobt worden. Aber nach Einschätzung von NDR Kultur und nahezu allen übrigen Kritikern äußerte er in "Finis Germania" rechtslastige Verschwörungstheorien, von denen sich NDR Kultur nun entschieden distanziert. Das Buch erscheint im Verlag Antaios des neurechten Publizisten Götz Kubitschek.

"Ich habe nach der Lektüre der wesentlichen Kapitel kein Verständnis dafür, dass der Kollege Saltzwedel dieses Buch empfohlen hat", so SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, "und wegen des entstandenen Schadens begrüße ich seinen Rücktritt aus der Jury."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.