Folgen der Wirtschaftskrise Der neue Mensch

Nieder mit dem System? Eine Parole von gestern. Brillante Intellektuelle wie Peter Sloterdijk und Ralf Dahrendorf fordern stattdessen eine neue Ethik für den spätkapitalistischen Menschen, rufen in der Wirtschaftskrise nach Mäßigung, Gelassenheit und Übung. Es wird Zeit für neues Denken.

Von Matthias Matussek


Es ist vergleichsweise still in Deutschland. Keine Fabrikbesetzungen, keine Barrikadenkämpfe außerhalb der schon ritualisierten Autonomen-Krawalle und Gewerkschaftsreden. Die Linke rutscht in diesen Zeiten der tiefsten Depression unter die 10 Prozent; gleichzeitig verkündet der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, stolz die ominöse 25-Prozent-Rendite auf Eigenkapital - als sei alles beim Alten.

Geld frisst Krise: Zeit für vollmundige Kritik
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Geld frisst Krise: Zeit für vollmundige Kritik

Das wird mit Melancholie, allenfalls mit Ohnmacht zur Kenntnis genommen. Der Klassenkampf ist wohl endgültig Vergangenheit.

Wir alle drücken dem System, das ohne Alternative ist, die Daumen. Wir alle wünschen uns, dass es gewinnt, allerdings modifiziert, unter wachsam befolgten Regeln und Teilnahme engagierter Bürger.

Der Kampf um die Zukunft wird nicht mehr nach außen geführt, nicht mehr gegen das System, sondern nach innen verlagert.

Er meldet sich in Zweifeln, in Reflexionen, über die Ausbeutung der Natur und der dritten Welt. Kurz: Er verlagert sich vom Politischen ins Anthropologische, in die persönliche Verantwortung.

Es geht um Wiederentdeckung vergessener Werte, die in den letzten zwei Jahrzehnten der "Konsumgesellschaft" (Ralf Dahrendorf) oder der "ironischen Nische" ("Cicero"-Chefredakteur Wolfram Weimer) oder der "Frivolitätsphase" (Peter Sloterdijk) verlorengegangen sind.

Dahrendorf, der besonnene Liberale und ganz sicher kein Panikmacher, will nicht ausschließen, dass sich "der kollektive Unwille" angesichts der Krise auch in Form von "gewaltsamen Ausschreitungen" äußern könnte. Darin stecke Ohnmacht und Angst, führt er in einem Essay für die Zeitschrift "Merkur" aus. Die Arbeiter sähen, wie Manager mit 20 Millionen nach Italien abziehen, während die Arbeitslosigkeit jeden Monat steige.

Doch ein eventueller Volkszorn böte auch eine Chance - für einen dringend benötigten Mentalitätswandel.

Disziplinarmaßnahmen für die Zukunft

Dahrendorfs Essay, der den Titel "Nach der Krise: Zurück zur protestantischen Arbeitsethik" trägt, hat den neuen Menschen im Visier, denn nur der könne Verarmung, wirtschaftlichen Katastrophen und einem Klimawandel mit seinen apokalyptischen Folgen vorbeugen. "Vielleicht sind einschneidende Ereignisse nötig, um zukunftsfähiges Handeln zu befördern. Bangladesh, ja Holland muss möglicherweise in den Fluten des Meeres versinken."

Es geht also nicht nur um Opel, sondern ums Ganze.

Es geht um Werte wie Bedürfnisaufschub, Disziplin, Dienst, Pflicht. Um das, was Max Weber die protestantische Arbeitsethik nannte. Früher waren Arbeiten und Sparen die "prägenden Lebensmaximen". Später blieb zwar am Arbeitsplatz die protestantische Ethik bestehen, doch außerhalb herrschte das genaue Gegenteil: der hedonistische Konsum.

In den letzten Jahrzehnten jedoch, so Dahrendorf, haben wir den Weg vom Sparkapitalismus zum Pumpkapitalismus genommen. Schließlich wurde, in den achtziger Jahren, der nächste Schritt vom Konsumwahn ins "fröhliche Schuldenmachen" getan. Es gab Menschen, die "für ein paar hundert Mark auf sechswöchige Weltreisen" gingen und deren Kosten noch abzahlten, als schon keiner ihrer Freunde mehr die Dias sehen wollte.

Im Übergang vom Konsum zum Pumpkapitalismus wurde auch die Schwelle vom Realen zum Virtuellen, von der Wertschöpfung zum Derivatenhandel getan. "Sie erfasste alle Bürger", schreibt Dahrendorf, "auch die, die das heute nicht gerne hören." Und sie wurden zur Einladung an die subtilen Konstruktionen derer, die sich darauf kaprizierten, "aus Geld Geld zu machen".

Ein Merkmal des Pumpkapitalismus war die außerordentliche Kurzatmigkeit allen Handelns. "Kaum war eine Transaktion beendet, gab es schon Bonuszahlungen."

Das jetzt geplante Regelwerk für den Finanzsektor sei wichtig, aber nicht ausreichend. Die Krise wird dauern und uns alle verändern. Eine der größten Veränderungen werde unser Verhältnis zur Zeit betreffen. Mehr Aufschub, mehr Gelassenheit, statt sofortiger Bedürfnisbefriedigung.

Auch Wolfram Weimer, Chefredakteur von "Cicero", nimmt in seinem brillant geschriebenen Manifest "Freiheit, Gleichheit, Bürgerlichkeit" Abschied von den leichtsinnigen turbokapitalistischen neunziger Jahren, von "Spaßgesellschaft" und "Globalisierungs-Get-together".

Die überreife Kultur der Ironie, so Weimer, bringt sich selbst ins Wanken - wenn Schulden nur als virtuelle Größe wahrgenommen werden, dann holt die Wirklichkeit diese Gesellschaften ein. Doch auch Weimer begreift die Rezession als Chance: "Wir wären ansonsten in unseren Wohlstandslounges bei Chillout-Musik eingeschlafen."

In einem Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der "Brisanzkrise" empfiehlt Weimer einen "geistigen Instrumentenkasten", einen "Risikoschirm der Haltung, um unsere weltanschaulichen Einlagen abzusichern". Darunter ein Lob auf die retardierenden Momente Europas im Gegensatz zu den angelsächsischen Rasereien, sowie eine "Kultur der Verlässlichkeit": Glaube statt Gold, Familie statt Finanzen. Und Sparsamkeit: "Der Homo ludens der Börsenkultur dürfte vom homo credens der neuen Bescheidenheit abgelöst werden."

Kurskorrektur am Limes

Am radikalsten jedoch geht der Philosoph Sloterdijk mit uns Bisherigen ins Gericht. Umkehr, Entsagung, das sind ebenfalls Grundmotive in seiner großangelegten philosophischen Dichtung, die seit Wochen in der Bestsellerliste steht: "Du musst dein Leben ändern". Selten ist in jüngerer Zeit so artistisch gedacht, so assoziationsreich vorgestoßen worden in die Grenzbereiche von Biologie und Metaphysik, wo er eine neue Anthropologie ansiedelt.

In immer neuen Anläufen beschwört Sloterdijk durch die Kulturgeschichte hindurch die großen Einzelgänger, die über sich Hinausgreifenden, die Nichtmitmacher, die "neuen Menschen" in der Tradition Nietzsches. An Athleten und Künstlern und Mönchen führt er das vor, was er "Anthropotechnik" nennt.

Der Mensch wird zum Übenden, und als Übender ist er ein Spezialist der Askese. Wir lebten in einer Situation, so Sloterdijk, in der die Siege des Eigenen nur mit der Niederlage des Fremden zu bezahlen waren. In ihr herrschten die Egoismen von Nationen und Unternehmen. Doch nun habe die Weltgesellschaft den "Limes" erreicht.

Statt Kommunismus empfiehlt Sloterdijk: "Ko-immunismus". Ein gemeinsames Abwehrsystem gegen die planetarische Bedrohung, gegen das Abkippen in die Barbarei, die durchaus in Sichtweite liegt. Ko-Immunismus: "Eine solche Struktur heißt Zivilisation. Ihre Ordensregeln sind jetzt oder nie zu verfassen. Unter ihnen leben zu wollen würde den Entschluss bedeuten: in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens anzunehmen."

Das Nachdenken über uns und die Welt nach der Krise - es hat gerade erst angefangen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
TommIT, 01.05.2009
1. Jaha
die Mässigung soll natürlich aus eienem gesciherten privaten Umfeld erwachsen. Wobei wir vom Omega wieder beim Alpha wären.. Es wächst kein Wohlstand auf Bäumen und wird es nie! Ohne zwischenmenschliche Existenzabsicherung auf -Nullbasis- bzw unentgeltliche Nächstenhilfe und Subsidiarität wird das nicht funktionieren . PUNKT
stiip 01.05.2009
2. Same procedure ...
Nachdem die Bosse den Karren aber sowas von an die Wand gefahren haben und dabei leider der ganze Wein übern Jordan ging, wird uns Lemmingen Wasser empfohlen. Nur, was soll daran brilliant sein?
...ergo sum, 01.05.2009
3. da geht mir langsam aber ...
Ja und was genau soll mir nun der soundsovielte Artikel zum Thema mitteilen ? "der Mensch" = ? Halten wir einmal fest: Bereits seit mindestens ! 25 Jahren haben bestimmte Herrschaften zum Nutzen und Frommen ihrer ganz privaten Renditeerwartungen damit begonnen sich eine ganz eigene und zweckgebundene "Moral" aufzubauen. Diese "Werte" setzten sie unter Zuhilfenahme von Freunden und Gleichdenkenden und den Politikern Stückchen für Stückchen zunächst unter sich um. Später drückten sie, infolge ihrer Macht, diese ihre selbsterwählten "Werte" nach unten durch. Ob Konsum, massives Ellenbogeneinsetzen, Schuften für immer weniger Geld und Überstunden ohne Freizeit - oder Lohnausgleich, Erpressungen, Mobbing unliebsamer (diese "Werte" nicht Mittragenwollender), Sozialneid .... DAS sind die Werte die man nach Wunsch und Willen der Wirtschaft und der Politik als Bürger vorweisen muß um akzeptabel zu erscheinen, um dazu zu gehören, um "Leistungsträger" sein zu dürfen ... WER hat´s fleißig verbreitet und mitgeholfen ? Die Journalisten aller Farben und Institutionen. Auch in den letzten Gesetzen ht diese Einstellung, diese "Werte" immer mehr Eingang gefunden. Nicht zuletzt in den Hartz IV-Gesetzen. Wer will schon seinem Enkel usw. Geld zukommen lassen, seinen Kindern eine neue Waschmaschine kaufen ect. pp. wenn das Jobcenter das sofort als geldwerte Leistung vom Regelsatz abzieht ? Solidarität ? Quatsch ! Entsolidarisierung auf breiter Front, nach Willen und Wunsch der Machthaber. Beispiele gibt es in rauhen Mengen, - ob stückchenweise Aushöhlung des Arbeits- und Kündigungsrechts (zur Not auch durch entsprechende Gerichtsurteile unserer "freien" Justiz), ob stete Veränderung der rentenformel, ob willkürliche Festsetzung des Grundbedarf-Regelsatzes (entgegen von Urteilen), ob Aushöhlung des Postgeheimnisses über das BKA-Gesetz, .... Weshalb liest man in einem solchen Artikel nichts davon? Weshalb immer dieses allgemeine moralinsaure Blabla ? Weshalb nicht Roß und Reiter benennen, Beispiele anführen ? Genua ! Deshalb !
JuliusK 01.05.2009
4. Folgen der Wirtschaftskrise: Der neue Mensch
Slterdijk "brillanter Intellektureller"? Herr Matthusek so viel Ironie? Höchstens intelligenter Neologismen Autor.
e.schw 01.05.2009
5. Die Vergessenen nicht vergessen...
Zitat von sysopNieder mit dem System? Eine Parole von gestern. Brillante Intellektuelle wie Peter Sloterdijk und Ralf Dahrendorf fordern stattdessen eine neue Ethik für den spätkapitalistischen Menschen, rufen in der Wirtschaftskrise nach Mäßigung, Gelassenheit und Übung. Es wird Zeit für neues Denken. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,622302,00.html
Zitat Spiegel Online: “Statt Kommunismus empfiehlt Sloterdijk: "Ko-immunismus". Ein gemeinsames Abwehrsystem gegen die planetarische Bedrohung, gegen das Abkippen in die Barbarei, die durchaus in Sichtweite liegt.” Sloterdijk sieht die Gefahr, die der globalen Gesellschaft infolge der Wirtschaftskrise droht. Nur - wie will er die bisher von der Gesellschaft Vergessenen in diesen Ko-immunismus mitnehmen, wenn diese von der Gesellschaft enttäuscht sind. Um diese zu gewinnen, müssen Vorleistungen erbracht werden. Das wird nicht billig. Oder will man etwa wieder auf Gewalt setzen, um diese Enttäuschten zur Gefolgschaft zu zwingen?
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