Porträtfotografie: Erschöpft, aggressiv, euphorisiert

Von Johan Dehoust

Rockstars, wie sie wirklich sind: Beim Hamburger Reeperbahn Festival sind ab Freitag riesige Textilabzüge aus dem großartigen Band "The Moment After The Show" zu sehen. An einem ungewöhnlichen Ausstellungsort.

Es fing an mit einer Verspätung. Weil Matthias Willi zu viel zu tun hatte, schaffte er es nicht rechtzeitig zum Promotion-Termin der Sängerin Juliette Lewis in Luzern. Sein Auftrag aber war es, Porträts zum Konzertbericht des Journalisten Olivier Joliat zu liefern. Was machen? Da Joliat nicht nur ein Kollege, sondern auch ein Freund ist, half er in der Not: Er fragte die US-Rockerin während des Interviews einfach, ob sie direkt nach ihrem Konzert noch eine Minute Zeit für Fotos hätte. Sie willigte ein. Und als die zwei Schweizer danach die Bilder sahen, waren sie begeistert. "Es hat uns die Augen geöffnet", sagt Willi.

In diesem Frühjahr, sieben Jahre nach dem Konzert von Lewis, haben Willi und Joliat gemeinsam den Fotoband "The Moment After The Show" (Rough Publications) herausgebracht. Darin zu sehen: über hundert verschwitzte Musikstars direkt nach ihrem Auftritt. Etwa von The Kooks, Mando Diao oder Placebo. Es sind Bilder, die eindringlich zeigen, wie Rockstars aussehen, wenn die Show beendet ist. Mal erschöpft, mal aggressiv und mal euphorisiert.

An diesem Wochenende präsentieren die beiden in Basel lebenden Künstler ihr Buch erstmals in Deutschland - im Rahmenprogramm des Hamburger Reeperbahn Festivals, bei dem etwa 200 Bands in Clubs rund um den Kiez auftreten. Ausstellungsort: die Millerntor Gallery. In den Katakomben des FC St. Pauli-Stadions hat die Initiative Viva con Aqua eine Schau mit unterschiedlichen Künstlern organisiert. Willi und Joliat haben sich dafür etwas Besonderes einfallen lassen: Sie haben sechs ihrer Porträts in Lebensgröße auf Textilposter drucken lassen. Darunter das von der Punk-Ikone Iggy Pop, dem Metallica-Bassisten Robert Trujiilo und - na klar - der Sängerin Juliette Lewis.

Kunst trifft Fußball

Wie beim ersten ihrer Porträts mussten der Journalist und der Fotograf bei ihrem Projekt häufig vorgehen. "Kein Manager wollte seine Musiker erschöpft und hilflos sehen", sagt Willi. Die beiden merkten daher schnell, dass es keinen Sinn machte, offizielle Anfragen zu stellen. Stattdessen arrangierte Joliat Schein-Interviews. Er plauderte ein bisschen und fragte dann wie zufällig, ob der Künstler nicht Lust hätte, sich nach seinem Konzert für das Buch ablichten zu lassen. Die meisten Musiker stimmten zu. Und so wartete dann Willi, ausgestattet nur mit einer Kamera, einem Stativ und einem Blitz, zwischen Bühne und Backstage-Bereich.

Zwei Fotos für Evan Dando von den Lemonheads, "thirty fuckin' seconds" für Iggy Pop: Viel Zeit, um sein Equipment zu positionieren hatte Willi nicht. Dafür hatten die Musiker aber auch nicht die Gelegenheit, sich groß in Pose zu werfen. Unsicher, fast entblößt stehen sie auf den Porträts vor Flurwänden, vor Toiletteneingängen oder in Fahrstühlen. Eine Situation, die bei Mike Patton von der Rockgruppe Fantômas ein solches Unbehagen hervorzurufen schien, dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als zwei ausgestreckte Mittelfinger in die Kamera zu halten.

Die sechs Poster, die ab heute unter der Haupttribüne des Millerntor-Stadions zu sehen sind, sollen noch etwa ein halbes Jahr dort hängen bleiben. Kunst trifft Zweitliga-Fußball. Danach, so hoffen Willi und Joliat, finden sich Käufer für sie. Der Erlös von jeweils 1000 Euro soll dem Verein Viva con Aqua zugutekommen, der sich für Trinkwasserversorgung in Entwicklungsländern engagiert. Der viele Schweiß der Stars ist also nicht umsonst geflossen.


Die Millerntor-Gallery im Stadion des FC St. Pauli, am Heiligengeistfeld, hat am Freitag, 21.09, von 18 bis 1 Uhr und am Samstag, 22.09, von 12 bis 1 Uhr geöffnet.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Kulisse
Ronald Dae 21.09.2012
Ansich ein schönes Projekt. Mir gefällt auch die Methode, die Künstler zum Portrait zu "überreden". Als Portrait-Fotograf finde ich die Ergebnisse jedoch zu "ge-posed". Am deutlichsten ist das bei Kim Gordon von Sonic Youth. Abgesehen von Iggy Pop sind die Künstler einfach nur "aufgestellt" und abgeknipst. Das ist zwar eine mögliche Methode, spannende Bilder ergibt das jedoch nicht. Deshalb ist das einzig berührende Bild wohl auch das Aufmacherbild (Iggy Pop), denn es zeigt keine Kulisse, sondern einen "echten Moment". Ronald Daedalus Vogel
2. Langweilige Schnappschüsse
user_01 22.09.2012
Selten habe ich so langweilige Schnappschüsse gesehen.
3. Außer Iggy Pops Foto
hermes69 22.09.2012
hat keins auf mich eine Wirkung. Wirklich sehr, sehr einfach und langweilig.
4.
max-mustermann 22.09.2012
Muss mich hier hermes69 anschließen außer dem Bild von Iggy Pop nichts besonderes, sehen aus wie Schnappschüsse die im vorbeigehen gemacht wurden.
5. Gestellt, unnötig und nichts sagend!
weltenwind 22.09.2012
Schade, das Thema hätte vieles hergeben können, leider wurde wirklich nichts daraus gemacht. Es sind ja nicht mal Schnappschüsse, die Künstler wurden wohl dazu angehalten, sich in der Pose dahin zu stellen und wurden dann abgelichtet. Ob nun vor oder nach eines Konzertes, völlig egal, nur langweilig.
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