Mitterrand-Briefe an Geliebte "Du warst das Glück meines Lebens"

Ein Pariser Verlag veröffentlicht die Briefe von François Mitterrand an seine Geliebte Anne Pingeot. Sie zeugen von Leidenschaft, vom Reiz der verbotenen Liebe und von der Selbstherrlichkeit des französischen Ex-Präsidenten.

Gallimard/ DR

Von Petra Truckendanner


Mehr als 1200 Liebesbriefe schrieb der 1996 verstorbene französische Staatspräsident François Mitterrand zwischen 1962 und 1995 an seine geheime Geliebte Anne Pingeot. Sie erscheinen am Donnerstag in Buchform beim Pariser Verlag Gallimard - rechtzeitig zum 100. Geburtstag des ersten sozialistischen Präsidenten der fünften Republik am 26. Oktober 2016.

Mitterrand gilt bis heute als Referenz, nostalgische Hommagen schieben die Schattenseiten der Person oft in den Hintergrund. Neben der verheimlichten Zugehörigkeit zum Vichy-Regime gehörte dazu auch sein auf Staatskosten betriebenes Doppelleben. In den "Lettres à Anne" ("Briefe an Anne") kann man nun Mitterrands persönliche Haltung dazu nachlesen.

Alles begann in den Sechzigerjahren im südwestfranzösischen Badeort Hossegor. Mitterrand war damals 46, Senator, seit 1944 mit Danielle Gouze verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Anne Pingeot war 19 Jahre alt und stammte aus einer gutbürgerlich-katholischen Familie. Sie war die älteste Tochter des Industriellen Pierre Pingeot, mit dem Mitterrand befreundet war und mit dem er sich zum Golfspielen in Hossegor traf. Die ersten Annäherungen waren zögerlich. Anne wohnte abwechselnd im Elternhaus und in einem Internat in Paris: Geheime Treffen, Berührungen unter den Kastanienbäumen im Jardin de Tuileries in Paris, schließlich eine gemeinsame Reise nach Amsterdam.

"Nur der Tod kann mich Ihnen entreißen"

Schon der erste Brief Mitterrands vom 19. Oktober 1962 aus dem Palais du Luxembourg, dem Sitz des französischen Senats, an "Mademoiselle Pingeot", musste die junge Frau schwer beeindruckt haben. Er versprach der Literaturbegeisterten, er werde ein bestimmtes Werk von Sokrates für sie besorgen, über das sie im Sommer davor so innig diskutiert hatten.

Es folgen noch mehr als tausend weitere Briefe - insgesamt sind es 1218 -, allesamt abgefasst in sorgfältigem Sprachstil. Die Beziehung zu der über 20 Jahre jüngeren Frau und späteren Konservatorin im Louvre-Museum in Paris sollte bis zu Mitterands Tod fortbestehen. Er hatte schon früh an die Dauerhaftigkeit dieser Liebe geglaubt: "Ich habe Dich kennengelernt und sofort geahnt, dass ich mich zu einer langen Reise aufmache" (15. November 1964). Dabei mussten sich Sätze wie "Nur der Tod kann mich Ihnen entreißen" (3. Mai 1964; 23 h 30) für die junge Frau wie eine bedrohliche Last angehört haben.

Als ob Mitterrand es erwartet, ja damit gerechnet hätte, dass seine intimen Briefe eines Tages an die Öffentlichkeit gelangen, übt er sich wie nach klassischem Vorbild in der Literatur kunstgerecht und mit langen Passagen über die Sehnsucht nach der oft fernen Geliebten. Manche Briefe bezeugen seine tiefe und unersättliche Leidenschaft: "Ich liebe Deinen Körper, die Freude, die mich durchströmt, wenn ich Deinen Mund nehme. Besitz, der mich verbrennt aus allen Feuern der Welt, das Sprühen meines Blutes tief in Deinem Inneren, Deine Lust, die aus dem Vulkan unserer Körper herausspringt, Flamme im Weltall, Feuersbrunst." (16. Juli 1970)

Er schreibt auch über Politik, schildert seine Gedanken auf dem Weg zu Treffen mit Kollegen aus der sozialistischen Partei - eine "politische Gattung, die tief geprägt ist von der Erinnerung der Klassenkämpfe...".

Die Korrespondenz zeigt auch die Krisen in der Beziehung. Anne Pingeot versuchte zuweilen, aus dem Schattendasein auszubrechen. Mitterrand hatte niemals in Erwägung gezogen, sich von seiner Frau zu trennen, und Anne Pingeot blieb nicht die einzige Geliebte. Trotzdem wachte er eifersüchtig und besitzergreifend über die Frau, die seine Tochter hätte sein können und von der er sich ein Kind wünschte.

"Ich liebe Dich mit meinem ganzen Fleisch (...). Nichts anderes hat je existiert. Jeder Fehler ist damit ausgeschlossen; oh perfekter Inzest! (…) Du bist das Kind, das ich jeden Tag erträumt habe. (...) Dich zu verlieren, bedeutet alles Unglück auf einmal. Mir vorzustellen, dass Du einem anderen gehören könntest, ist eine physische Qual." (…) "Ich habe oft daran gedacht, Dir ein Kind zu machen. Freud wäre zufrieden gewesen über die Übertragung. So hätte ich zumindest ein Wesen geschaffen, das Du bist."

"Du wirst mich später kennenlernen"

Sein Wunsch geht in Erfüllung. Mazarine wird am 18. Dezember 1974 in Avignon geboren, Vater unbekannt. Sie muss später in der Schule lernen, zu lügen. Das Geheimnis muss bewahrt bleiben. Erst 1994 erfährt die Öffentlichkeit durch ein Cover des People-Magazins "Paris Match" von der bis dahin verborgen gehaltenen Tochter des an Krebs erkrankten Staatschefs.

Er ist entzückt von diesem Baby. Im Januar 1975, schreibt er ihr einen Brief:

"Mazarine chérie , ich schreibe zum ersten Mal diesen Namen. Ich bin verängstigt gegenüber dieser neuen Persönlichkeit auf Erden, die Du bist. Du schläfst, Du träumst. (...) Du wirst mich später kennenlernen. Wachse auf, aber nicht zu schnell. Bald wirst Du Deine Augen öffnen: Welch Überraschung, die Welt! (…) Anne ist Deine Mama. Du wirst sehen, wir konnten sie uns nicht besser aussuchen, Du und ich."

Am 10. Mai 1981 wird Mitterrand Präsident. Danach werden die Briefe spärlicher. Das verborgene Doppelleben wird mit erhöhtem Aufwand weiterbetrieben.

Anne Pingeot selbst hat nur wenige Dokumente in die veröffentlichte Korrespondenz beigelegt.

Darunter ihr Brief vom 9. November 1981: "Sie erzählen mir in der Rue de l'Université von Ihrem Krebs, den Metastasen und der Prognose: zwischen drei Monaten und zwei Jahren."

Die letzten Briefe Mitterrands zeugen von der Krankheit und dem verzweifelten Festhalten am Leben und an der Liebe. "Das Böse der Strahlen hat mich überwältigt und raubt mir meine Energiereserven. Aber es kann mir nichts wegnehmen; weder Gefühle, Leidenschaft noch Schmerzen oder die Hoffnung, die mich an Dich bindet."

Der letzte Brief ist datiert vom 22. September 1995, wenige Monate vor seinem Tod.

"Du warst das Glück meines Lebens: Wie soll ich Dich nicht noch mehr lieben?"



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galbraith-leser 09.10.2016
1. Die Briefe sind ein Rückblick in eine Zeit, in der es noch keine asozialen Medien gab
Kaum vorstellbar, dass ein französischer Präsident heute noch so eine Art Doppelleben führen könnte. Bei Monsieur Hollande kam ja relativ schnell heraus, dass er mit seinem Roller zur Geliebten fuhr. Den Seitensprung verzeihen die Franzosen ihrem Präsidenten immer noch, aber ob ein uneheliches Kind fast 20 Jahre unentdeckt oder zumindest unveröffentlicht bliebe, wage ich zu bezweifeln. Letztlich ist die Dreiecksgeschichte von François, Danielle und Anne auch ein wenig tragisch, denn echte Erfüllung dürfte keine(r) von den Dreien gehabt haben. Dass seine Frau von alledem nichts geahnt hat, kann ich mir nicht vorstellen.
licorne 09.10.2016
2. Überschrift
Ein Mann ohne Moral, völlig von sich selbst eingenommen, der die Großen anlächelte und die Kleinen verachtete.
candidesgarten 09.10.2016
3. Der elegante Teilfaschist
Der elegante Teilfaschist unter Petain, der mit Maurice Papon befreundet blieb und Ernst Jünger mochte. Der Rechte, der sich als Linker tarnte, denn nach dem WKII war die frz. Rechte in die Gaullisten und die Nicht-Gaullisten gespalten, und die Söhne des Widerstands ließen keinen hochkommen, der derart opportunistisch agiert hatte wie Mitterand, dem die Ehre Frankreichs nie mehr war als Frankreichs Macht und seine Karriere. Darum wurde er ein Linker und schüttelte Juden die Hand, den Juden, die sein Freund Papon verfolgt hatte. Der immer ein Kolonialist blieb und der glaubte, dass eine gepflegte Sonne sich um ihn zu drehen hätte. Literarisch begabt, hochgebildet und amoralisch. Na und? Als ob Leidenschaft, Bildung und Stärke alles entschuldigen könnten.
Pinin 09.10.2016
4. Wieder mal der Beweis ...
... dass die "großen der Welt" ein armseliges, egozentrisches Weltbild mit Froschperspektive haben. Wird wohl überall und zu allen Zeiten so sein, sozusagen ein Erfolgsrezept.
gersois 09.10.2016
5.
Zitat von galbraith-leserKaum vorstellbar, dass ein französischer Präsident heute noch so eine Art Doppelleben führen könnte. Bei Monsieur Hollande kam ja relativ schnell heraus, dass er mit seinem Roller zur Geliebten fuhr. Den Seitensprung verzeihen die Franzosen ihrem Präsidenten immer noch, aber ob ein uneheliches Kind fast 20 Jahre unentdeckt oder zumindest unveröffentlicht bliebe, wage ich zu bezweifeln. Letztlich ist die Dreiecksgeschichte von François, Danielle und Anne auch ein wenig tragisch, denn echte Erfüllung dürfte keine(r) von den Dreien gehabt haben. Dass seine Frau von alledem nichts geahnt hat, kann ich mir nicht vorstellen.
Das Kind blieb nicht unentdeckt. Und die Ehefrau hat es gewusst. Nur hat die Presse damals es nicht gewagt, darüber zu berichten. Und auch heute berichtet über Hollandes Beziehung vor allem ein Klatsch-Blatt, die staatstragende Presse blickt dagegen weiterhin weg.
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