Neuentdecktes von F. Scott Fitzgerald Sensation aus der Schublade

Der Band "Für dich würde ich sterben" präsentiert 18 unbekannte Erzählungen des Autors F. Scott Fitzgerald. Die sind sarkastischer, spielerischer und, ja, feministischer als seine berühmten Romane.

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Zwischen zwei Schluck Hochprozentigem fragte der Reporter den Schriftsteller Fitzgerald, was nun, 1936, aus den Typen geworden sei, die er in seinem Debütroman vor 16 Jahren porträtiert habe. "Die einen wurden Aktienhändler und sprangen aus dem Fenster, die anderen wurden Banker und erschossen sich. Andere wurden Zeitungsreporter - und ein paar erfolgreiche Schriftsteller", antwortete der Autor. "Oh Gott, erfolgreiche Schriftsteller!" Daraufhin, so der Reporter, sei Fitzgerald zum Barwagen gestolpert und habe sich nachgeschenkt.

Die Szene mag überzeichnet sein: Die 1930er waren schwere Jahre für F. Scott Fitzgerald, der wegen seiner durchdringend klaren Romane längst berühmt war, aber privat wie beruflich in einem Loch saß. Nun erscheint mit "Für Dich würde ich sterben" ein Band mit 18 unbekannten Kurzgeschichten und Drehbuchskizzen - darunter wahre Perlen -, alle aus jener harten Dekade; der Börsencrash, der Krieg, sie wirkten nach. Sensation hin oder her, der größte Schatz dieses Bandes ist, dass er einen anderen Fitzgerald zeigt: einen sarkastischeren, spielerischeren und, ja, feministischeren.

Wie ein Vorbote wirkt da der einzige Text, der schon 1920 entstand, ungefähr als sein Debüt "Diesseits des Paradieses" erschien, der ihn sofort zum Darling der Presse machen sollte. In "Spielschulden" erzählt ein Verleger von seinem Coup, dem Werk eines Parapsychologen, der mit seinem im Ersten Weltkrieg gefallenen Neffen, nun ja, kommuniziert. Nur dass just zur Veröffentlichung eben jener Neffe auftaucht, quicklebendig - ein Skandal, dem Verleger droht der Ruin. Und er beschließt, das Genre zu wechseln: fortan nur noch Romanzen. Denn "Liebe ist eine sichere Karte - zum Lieben braucht man einen lebenden Menschen."

Ein Autor hochgejazzt zum Star, ein Spiel mit Wahrheit, Image und Fantasie, die Schatten des Ersten Weltkriegs und die herzerwärmend fatalistische Lösung, sich besser um Liebe zu kümmern: Sehr spitz persifliert Fitzgerald die Branche, in die er sich just begeben hat. Und die ihn an seine Grenzen bringen wird.

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Fitzgerald-Erzählungen: Hochgejazzt zum Star

Zugegeben, es ist oft so müßig wie überflüssig, das ŒOeuvre eines Autors mit seinem Leben abzugleichen. Aber der Weltschmerz-Tenor, den jener Reporter 1936 einfing, durchzieht die 400 Seiten von "Für Dich würde ich sterben" wie auch seine detaillierte Bürokladde: Seine Frau Zelda in teuren Privatkliniken, das Schreiben stockte, er heuerte in Hollywood an, um die Drehbücher anderer zu retten, er brauchte das Geld.

So gibt es kaum eine Story ohne Figuren, die versuchen, den "schmalen Grat entlang zu gehen, zu reiten oder zu fliegen, der die fremde und bedrohliche von der sicheren und freundlichen Welt trennte." Überall Ärzte und Menschen mit Psychosen, die im Börsencrash alles verloren. Männer mit Kriegstraumata, die sofort an verunglückte U-Boote denken, wenn jemand keucht, die Drogen nehmen und weiß Gott zu viel trinken. Als seien es seine älter gewordenen Romanhelden, lauter Jay Gatsbys, Nick Carraways, Dick Divers.

Frauenfiguren mit mehr Kawumm

Der Band erlaubt damit eine Zeitreise durch Fitzgeralds Schreiben, von "Spielschulden" bis zum 20 Jahre älteren "Liebe kostet Nerven", entstanden kurz vor seinem Tod. Richtig "verschollen" waren die Texte übrigens nicht, die er zu Lebzeiten nicht veröffentlichen konnte oder wollte. Einige waren Forschern lange bekannt, andere tauchten vor einigen Jahren in seiner Hinterlassenschaft auf, ein paar erschienen bereits 2012 ("Spielschulden"; "Danke für das Feuer"). Nur eines verblüfft dann doch: Dass im Jahr 2017 Erstübersetzungen dieser alten Stoffe es offenbar für zeitgemäß halten, das "N-Wort" komplett unkommentiert zu nutzen.

Die Erzählungen sind wie eine Studie im Anderssein. Der Tonfall ist dialogischer, das lässige Beschreiben fehlt, das so einprägsam ist in "Der Große Gatsby" über das jazzige New York nach dem Ersten Weltkrieg, kurz vor dem dräuenden Finanzkollaps, oder in "Zärtlich ist die Nacht" über Filmbusiness-Freunde am Mittelmeer in den 1920ern, beide zweifellos unter den intensivsten Liebesromanen des 20. Jahrhunderts.

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F. Scott Fitzgerald:
Für dich würde ich sterben

Erzählungen

übersetzt von Gregor Runge und Melanie Walz

Hoffmann und Campe; 496 Seiten; 25 Euro

In beiden gehörte die Filmwelt zwar zum Setting, aber in den Storys nutzt Fitzgerald nun den Kontrast zwischen dem, was vor und hinter der Kamera passiert, dramaturgisch; zumal er und Zelda als legendäres Glamourpaar selbst zwischen Sein und Hochglanz lebten (siehe auch die aktuelle Serie "Z" mit Christina Ricci als Zelda). Als wolle er aus einem Schema ausbrechen, wenn er die Konstruiertheit transparent macht, plötzlich zurückspringt und von vorne erzählt oder die Leser vom Buch ins Kino transportiert mit den Worten: "Die Kamera fährt jetzt ins Haus, wie es bei den Filmleuten heißt, und nimmt uns mit."

Zu den neu entdeckten Seiten Fitzgeralds gehört auch, dass Liebe weniger flirrend, sondern zielstrebiger daherkommt. Und zwar in den Händen starker Protagonistinnen, die er beherzt sie selbst sein lässt. Keine Abziehbilder, sondern Frauen mit mehr Kawumm als Daisy im "Großen Gatsby" je haben kann. Da ist die brillante Initiationsgeschichte "Die Perle und der Pelz" über eine junge Frau, die auf ihrem Schulausflug durch New York treibt, bis sie auf einem Kreuzfahrtschiff landet; die junge Sekretärin in "Die Frauen im Haus", die vor ihrem Boss kein Blatt vor den Mund nimmt; oder die Gattin, die in "Auszeit von der Liebe" auf einem Ruhetag vom Eheleben pro Woche beharrt, als Raum für sich selbst.

Diese sprichwörtliche Schublade, in der all diese Texte gelegen haben mögen, sie war vielleicht auch so etwas: ein Raum für Fitzgerald alleine, in dem er schreibend er selbst sein konnte. Garantiert mit einem Gin in der Hand.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
micheleyquem 12.04.2017
1.
Mag sein, aber auch sie machen dem überschätztesten alles US Autoren nohc keine Guten... Ganz im Gegenteil wie jeder selber lesen kann.
mariomeyer 12.04.2017
2. Super!
Es ist schön, dass solche Sachen übersetzt werden. Das fördert das Verständnis anderer Kulturen und auch Epochen. Prima!
helisara 17.04.2017
3.
Zitat von micheleyquemMag sein, aber auch sie machen dem überschätztesten alles US Autoren nohc keine Guten... Ganz im Gegenteil wie jeder selber lesen kann.
Der meistüberschätzte aller US-Autoren ist eher Hemingway.
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