Frank Miller Rasen und schweigen im Batmobil

Batman's Return: Star-Autor Frank Miller, heute vor allem bekannt durch "Sin City", hat eine neue Serie über den dunklen Ritter geschrieben. In den USA ist "All Star Batman" der erfolgreichste Superhelden-Comic seit Jahren – trotz eklatanten Mangels an Dramaturgie.


"Es ist Krieg." Ebenso lakonisch wie drakonisch beginnt Batman seine Bekanntschaft mit dem Jungen, der später Robin werden soll. Einem Artistensohn, dessen Eltern vor seinen Augen in der Zirkuskuppel umgebracht wurden. Fürwahr, es ist Krieg, Krieg gegen das Verbrechen, und wen Batman da unter seine Fledermausfittiche nimmt, der soll eingezogen werden - als Kindersoldat in diesem bizarren Privatkampf. So ist es jedenfalls in "All Star Batman", Frank Millers aktueller Comicnacherzählung der frühen Tage des Fledermauskämpfers. Sechs Kapitel, die hierzulande in drei Einzelbänden erscheinen sollen.

Millers neuer Batman-Comic: Dunkle Welt

Millers neuer Batman-Comic: Dunkle Welt

Frank Miller kennt man inzwischen vor allem durch die schwarzweiße Gewaltsaga "Sin City" und deren gelungene Verfilmung. Mit "All Star Batman" greift Frank Miller einen Faden auf, den er bereits vor seinen ersten "Sin City"-Episoden angelegt hatte. In "Batman: Year One", mehr noch aber in "The Dark Knight Returns" sezierte er Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre den Vigilanten, legte seine egomanischen Motive bloß, packte ihn und sein Handeln in ein politisches Umfeld. Vor allem letzteres Werk, in Deutschland als "Die Rückkehr des dunklen Ritters" veröffentlicht, gilt als überragender Klassiker der Comicgeschichte und trat eine Lawine von Nachahmungen immer düsterer, immer pessimistischerer Comics los.

Noch weiter zurück reicht die Geschichte des Duos Batman & Robin, das als Mythos der Populärkultur gilt, seit Batman-Erfinder Bob Kane erstmals 1940 dem maskierten Rächer einen Knaben in viel zu kurzen, viel zu engen Spandexhosen zur Seite stellte. Vorrangig übrigens, um den Ton der Comics weniger düster und insgesamt jugendfreundlicher zu gestalten.

Seitdem wurde viel über die beiden geredet. Sie galten als Symbol für unterdrückte Homosexualität und bildeten in einer wunderbar trashigen TV-Serie der sechziger Jahre ein herrlich clowneskes Gespann, das in vorpubertärer Pulp-Naivität gegen ebenso asexuelle Schurken antrat. Batman & Robin waren Pop Art.

Doch von der Naivität der frühen Jahre ist nicht viel übrig. Der moderne Robin wird ebenso wie der Leser hineingeworfen in eine harte, brutale Welt, voller mordender Cops und sinistrer Bösewichte. Paranoia statt Pop: Seitenweise belauern sich Batman und Robin im Batmobil, analysieren jedes Wort und jede Geste. Es ist eine dunkle Welt, eben eine Frank-Miller-Welt, die hier entsteht. Eine Welt des permanenten Moments, direkt nach dem unfreiwilligen Verlust der Unschuld.

Und dennoch funktioniert dieser Comic nicht. Das liegt auch am Autor, aber nicht nur. Wie bei Millers anderen Werken, allen voran "Sin City", ist zwar auch hier alles böse, alles Feind, leuchtet nur die Hälfte der Straßenlaternen und in entscheidenden Momenten nicht mal die. Aber was sich bei "Sin City" zur konzeptuellen Metapher verdichtet, hat sich bei "All Star Batman" als Methode verselbständigt.

Keine der Figuren hat ein nachvollziehbares Motiv für ihr Handeln. Robin mutiert von einer Seite zur nächsten vom Zirkuskind zum Superknaben, Butler Alfred kurvt ohne Ziel durch die Gegend  - und Batman? Batman ist einfach Batman - im permanenten Zustand extrem schlechter Laune. Sämtliche Figuren sind zum Klischee erstarrt und agieren in einer klischeehaften Welt.

Auch worum es eigentlich geht, scheint bei Miller nebensächlich zu sein. Ziellos mäandert die Geschichte voran. Noch nach drei Kapiteln, der Leser der US-Ausgaben weiß es bereits, sitzen Batman und Robin im rasenden Batmobil und schweigen die Landschaft an. Die Hoffnung auf Handlung wird kleiner mit jeder weiteren Seite.

Auch die Wahl des Zeichners muss als eher unglücklich gewertet werden. Jim Lee ist einer jener Künstler, die bevorzugt die feuchten Träume frauenferner Geeks auf möglichst knallige Weise inszenieren. Dafür gilt der Amerikaner als "Zeichnerstar" im massiv geschrumpften Markt für Superhelden-Comics. Deshalb darf auch gleich zu Beginn des Comics die Journalistin Vicky Vale seitenweise in Unterwäsche durch ihr Appartement turnen. Während Lee (nicht nur Frauen-)Körper in Szene setzt, die jeder Realität spotten, fehlt ihm leider jedes Feingefühl für emotionale Nuancen. Seine Figuren haben nur zwei Gesichtsausdrücke: entsetzt und erotisch. Beides zeigt sich durch Zähneblecken.

Zudem scheint Lee  nicht in der Lage zu sein, Deadlines einhalten, was den Erscheinungsrhythmus der Serie ins Maßlose streckt. Nach aktuellem Plan wird nur alle vier Monate eine neue deutsche Ausgabe erscheinen können.

Es ist also ein merkwürdiges Werk, dieses "All Star Batman". Unabgeschlossen und unentschlossen, jedenfalls soweit man es bis jetzt beurteilen kann. Und dennoch erfolgreich: Die Verbindung der beiden Künstler machten die Erstausgabe zum bestverkauften Superhelden-Comic der letzten fünf Jahre. Eine knappe Viertelmillion Exemplare setzte der Verlag in den USA ab.

Vielleicht handelt es sich ja tatsächlich nur um ein launiges Freizeitprojekt Millers, erdacht in einer Drehpause von "Sin City". Oder um einen Moment des Atemholens. Denn der Star-Autor sitzt dem Vernehmen nach bereits an einem weiteren Opus Magnum, das er diesmal auch wieder selbst zeichnen will. In "Holy Terror, Batman", geplant für 2007, holt ein viel realerer Krieg den Superhelden ein: Al-Qaida greift Gotham an. Für endlose Batmobil-Fahrten ist dann sicher kein Platz mehr.


Frank Miller & Jim Lee: All Star Batman, Panini-Comics, 48 S., 5,95 Euro
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