Frank Schätzing live: Am Limit der Literatur

Aus Weimar berichtet Daniel Haas

Showbiz statt Stadtbücherei: Frank Schätzing, der erfolgreichste deutsche Science-Fiction-Autor, startet seine Tournee durch die Republik. Mit dabei sind jede Menge Multimedia-Buhei und der unbedingte Wille, Literatur zum Event zu machen.

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Autor Schätzing: Der einzigartige Verkaufsvorteil
Der Mond ist schon ein cooler Trabant. Wie er da so hängt, im kosmischen Schwarz, gegenüber die Erde, ein hell schimmernder Ball. Wenn man sich eine Kampagne für Gottes Schöpfung ausdenken wollte, dies könnte das zentrale Motiv sein. Frank Schätzing weiß, dass jedes erfolgreiche Projekt ein Logo haben muss. Der ehemalige Werbefachmann hat früher Autos verkauft, heute sind es Bücher. Und mit dem Science-Fiction-Roman "Limit", seinem aktuellen Werk, ist die Literatur endgültig Marketing und Event geworden.

Die große Verkaufsshow ging am Mittwochabend über die Bühne, in Weimar, der Goethe-Stadt. Das ist konsequent. Im bildungsschwachen Deutschland kann man dankbar sein über jedes Buch, das wahrgenommen wird, und wenn die Nachfolge des Faust-Dichters ein Plankton- und Raumfahrtpoet bestreitet, werden nur die Kulturpessimisten heulen. Weimar also, die größte Halle musste es sein für den Kölner Star-Autoren. 1000 Besucher. Ausverkauft.

Als erstes dann Markenpflege vom Feinsten: Riesige Leinwand, darauf besagter Mond mit Erdblick, dann dräut der Buchname aus der Tiefe des Screens herauf: "Limit". 1328 Seiten sind es geworden, das ist Ulysses-Format, Göttliche Komödie, Josephs-Roman. Entsprechend monumental ist auch die Präsentation, denn dies ist auch die USP, um es auf Werbisch zu sagen: die unique selling proposition, der einzigartige Verkaufsvorteil. Think big.

Dieser Autor kommt nicht als homme de lettres daher, sondern als Entertainer. Deshalb wird die erste Textstellenlesung auch von Sinatras "New York, New York" untermalt. If you can make it there: Wer es schafft, in der Literatur eine globale Leserschaft zu unterhalten - "Der Schwarm" verkaufte sich weltweit 3,8 Millionen Mal -, der muss sich um die gefürchteten kulturellen Paradigmenwechsel keine Sorgen machen. Internet-Diktatur? Implosion der Gutenberg-Galaxis? Anthropologische Verflachung durch digitale Instant-Befriedigung? Na und? Schätzing präsentiert sein Buch selbst als groß angelegte Klickstrecke, in der die Ideen schneller aufpoppen, als man staunen kann.

Lass uns Blockbuster werden!

Und was da nicht alles zum Vorschein kommt: Industrieroboter, die sich selbständig machen, Weltraumaufzüge für Milliardäre, Sex in der Schwerelosigkeit. Alles Motive aus "Limit", dem großen Interface, aus dessen Weiten die Ideen für Showeinlagen sprudeln. Natürlich wird bei dieser Lesung auch die Handlung des Buchs erklärt - Milliardär baut Helium 3 auf dem Mond ab; Detektiv kommt geopolitischer Riesenverschwörung auf die Schliche. Aber nicht konventionell durch einen Moderator, der zwischen den Passagen die Plotlinien nachzeichnet.

Nein, das machen die Figuren gleich selbst: Auf der Leinwand erscheint Owen Jericho, jener Ermittler, und plaudert aus dem Nähkästchen. Dass der Buchheld von Jan Josef Liefers gespielt wird, macht das Selbstverständnis deutlich, mit dem hier aufgetischt wird: Wir sind Showbiz, keine Stadtteilbücherei.

Es kommt dann noch eine Darstellerin dazu, gemeinsam liest man mit dem Autoren eine Action-Stelle, das Ganze untermalt von Musik, die vermutlich von Roland Emmerichs Rechnern den Weg in die Schaltzentrale des Schätzing-Unternehmens gefunden hat. Aber auch das ist folgerichtig: Die permanente Soundtrack-Untermalung der Rede zeigt, was diese Literatur letztlich will: den medialen Aggregatzustand wechseln. Aufhören, Literatur zu sein.

So gesehen ist der Text die Sollbruchstelle der Veranstaltung: Die tollen Mondbilder, die Erklärfilme über Weltraumlifte, die Lehrfilme über Sonnenexplosionen - das sind nicht mehr Illustrationen des Zeichensystems Literatur. Im Fortgang des Abends emanzipieren sie sich vom Effekt zur Bedeutung, zum Programm. Lass uns Blockbuster werden! Bilderrausch! Soundspektakel!, sagt die Inszenierung. Und wenn da nicht dieser Kölner wäre, der zwischendurch dramaturgisch schwer nachvollziehbare Stellen läse, wäre es eine popkulturelle Epiphanie im Zeichen der Science-Fiction geworden.

Gestört hat nur der Text

Vier von fünf Befragten hatten am Mittwoch weder "Den Schwarm" noch "Limit" gelesen. "Dann habe ich gehört, dass er kommt", sagt ein 35-jähriger Versicherungskaufmann. "Und da dachte ich: Das schau ich mir an." Ist es also doch die Zuspitzung auf den Autoren als Sinnsouverän und Bedeutungsmonarchen, die hier abgeht? Haben wir ihn immer noch nicht ausgetrieben, den Schreiber als Star, dessen Image den Text derart imprägniert, das wir nur das lesen, was die Marketing-Abteilung sich vorstellt?

Ja. Und nein. Denn Frank Schätzing wird sich, das zeigt die Show, überflüssig machen. Seine Bücher sind Steinbrüche der Wissensgesellschaft und opulente Öko-Utopien für eine Mittelschicht, der schwant, dass Mülltrennung nicht mehr genug ist. Aber vor allem sind sie Plattformen für einen überschwänglichen Zirkus der Bilder und Theorien.

Der Text als Grundlage für eine Entertainment-Kommunion, das ist außerdem nicht die schlechteste Art, den Buchmarkt zu retten. Wo hatte man das zuletzt? Richtig, bei Helene Hegemanns Lesung im Berliner In-Club Tresor. 800 Gäste, Techno, Drinks, Lightshow. Gestört hat nur der Text.

Soll er also noch ein bisschen mehr Geld investieren in seine Auftritte, der Frank (er spricht ja auch ein grässlich zernuscheltes Kölsch) und sich selber herausstreichen. Wer könnte ihn spielen? Til Schweiger? Heino Ferch?

Es gibt keine Limits.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. We love to entertain you
Meckermann 25.02.2010
Tja, Schätzing kann nicht nur gut schreiben, er kann auch gut vorlesen und erzählen. Warum sollte er diese Talente nicht nutzen? Besser wird das Buch dadurch sicher nicht aber wenn ein Schriftsteller nicht imemr nur im stillen Kämmerlein hocken will, ist das schon ok. So lange er nicht anfängt zu singen... ;)
2. Der Showman
newsknight 25.02.2010
Schätzing kann sich vor allem gut verkaufen - als Werbefachmann ist er darin ja geübt. Und dank guter Verbindungen klappt es auch mit den verkaufsfördernden Einladungen zu Talkshows, in denen er als interessierter Gesprächspartner ein gutes Bild macht. Und auf den ersten Blick klingt "Limit" ja auch richtig spannend. Doch von Zeile zu Zeile kehrt immer mehr Überflüssiges und Langeweile ein, bis man spätestens nach der Hälfte des Buches immer mehr damit beginnt, Seiten zu überlesen - und anchließend immer weiter zu blättern, weil kaum noch etwas Spannendes passiert. Da lese ich lieber noch ein zweites Mal die Bücher von Adreas Eschbach, die fast immer genau das bieten, was Schätzings Werken fehlt: Eine spannende Story, die auch spannend und mit vielen Wendungen erzählt wird anstatt in Langeweile zu verpuffen.
3. Nur PR
ausgetretenes_mitglied 25.02.2010
Zitat von sysopShowbiz statt Stadtbücherei: Frank Schätzing, der erfolgreichste deutsche Science-Fiction-Autor, startet seine Tournee durch die Republik. Mit dabei sind jede Menge Multimedia-Buhei und der unbedingte Wille, Literatur zum Event zu machen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,680026,00.html
Verglichen mit Schätzings "Schwarm" war "Limit" eine einzige Zumutung. 1400 Seiten gähnende Langeweile ohne wirklichen Spannungsbögen. Da mäandern Schachtelsätze durch Bleiwüsten... Vielleicht gehört Schätzing zu der Sorte Schriftsteller, die nur ein wirlich gutes Buch im Leben schreiben können - womöglich (und der SPON-Artikel legt den Schluss nahe) ist er in der Abteilung PR besser untergebracht - das hat er schließlich auch mal gelernt. Wahrscheinlich hat der Literaturbetrieb baer auch nichts mehr mit Lietratur zu tun.
4. Die Schau muss weitergehen
rolando 25.02.2010
Kurz: So toll das Buch "Der Schwarm" war, so grauenhaft mies ist sein "Limit". Ja ich habe beide Schinken gelesen. Den 1325 Seiten starken Limit auch. Die beiden Bücher haben nichts gemeinsam. Das erste spannend. Das zweite, ein Katastrophe. Ah doch, beide Bücher sind sehr dick Und ja, Schätzing ist sicher fleissig und begabt. Wenn er wieder zurück zum "Schwarm" findet, werde ich auch sein drittes Buch lesen. Aber inzwischen ist der Mann ja reich; lassen wir uns überraschen
5. 1 Seite gelesen, weider verkauft.
faustjucken_de 25.02.2010
Limit hat mir einer geschenkt, der es sich leider zu leicht gemacht hat. von dem schmöker konnte ich nichtmal die erste seite lesen. die strotzte nur so von einer platten figur und klischees. und das auf EINER! seite. und dann noch der ersten. zum glück konnte ich es für gutes geld bei amazon loswerden. schrott zum heizen
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