"Frank" von Richard Ford Ruinierte Häuser, ruiniertes Leben

Räsonieren in Ruinen: In seinem Erzählband "Frank" lässt Richard Ford seinen Alltagshelden Frank Bascombe durch das von Hurrikan "Sandy" zerstörte New Jersey ziehen - um die großen Fragen des Lebens aufzuwerfen.

Greta Rybus

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Dieser Text erschien anlässlich der englischsprachigen Originalausgabe erstmals im November .


Das Leben ist eine Kette von Abschieden. Alles stirbt, alles fällt in sich zusammen, alles geht. Die Kinder, die Ehefrauen, die Ambitionen, die Karrieren, die Städte, die Häuser.

Die Häuser? Nein, in diesem Punkt möchte man Richard Ford und seiner Aufzählung des Vergänglichen, die er in seiner Geschichtensammlung "Frank" präsentiert, widersprechen. Die Häuser bleiben meist, erbärmlich windschief vielleicht, und doch existieren sie meist weiter als Zeugnisse schrecklichster und schönster Ereignisse. Auch wenn man nicht mehr in ihnen lebt.

Und im Grunde weiß das niemand besser als Richard Fords erstaunlicher Alltagsheld Frank Bascombe. Den er mit dem Erzählband "Frank", der nun auf Deutsch erscheint, bereits zum vierten Mal zum Leben. Neben John Updikes legendärem Rabbit Angstrom ist dieser Frank Bascombe die hartnäckigste und zähste Figur des modernen amerikanischen Romans, ein Jedermann und Durchwurschtler mit erstaunlich komplexem Innenleben. Erst arbeitete er als Sportreporter ("The Sportswriter", 1986), später sattelte er auf Immobilienmakler ("Independence Day", 1995) um.

Ein brillanter, vom Autor Ford in seiner Wirkungsmacht vielleicht gar nicht vorhergesehener Dreh. Denn wie ließe sich die amerikanische Wirklichkeit besser spiegeln als über das Immobiliengeschäft, wo Freud und Leid des US-Mittelstands auf die Spitze getrieben werden? In "Frank", eine Sammlung von vier lose verknüpften Bascombe-Novellen nimmt Ford die Aufräumarbeiten nach Hurrikan "Sandy" 2012 als Hintergrund für seine Geschichte übers Altern und Siechen, übers Überleben und Lieben.

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Die Häuser in Bascombes Nachbarschaft in New Jersey sind halb weggespült, ihre Dächer abgedeckt, nicht wenige gelten als irreparabel. Ein bisschen wie die Menschen, die in ihnen wohnen, die in sonderbare soziale Konstellationen gespült wurden, deren Gesichter von den Stürmen des Lebens gezeichnet sind wie die Fassaden der Häuser, oder die an unheilbaren Krankheiten leiden.

Frank Bascombe, inzwischen 68 Jahre alt, hat mal wieder, wie so oft in seinem Leben, Glück gehabt. Den Prostatakrebs hat er überwunden, jetzt kurvt er zwischen den Ruinen seines Lebens und seiner Nachbarschaft hin und her. Und noch einmal erweckt Richard Ford diesen wunderbar geschmeidigen Matter-of-fact-Sound, mit der Bascombe schwerste Krisen im leichtesten Ton beschreibt.

Erstaunlich: Während sein zum Teil aus Kinderperspektive geschriebener letzter Roman "Canada" zuweilen extrem knorrig geschrieben war, besitzen die vier Rentnerstücke einen melancholischen Swing. Mit klasse Sätzen wie diesen: "Offenbar kann man die Entdeckung der Krankheit, die einen umbringen wird, auch als urkomische Geschichte erzählen, wie man spät im Leben noch etwas ganz Neues entdeckt hat - was ja spät im Leben immer seltener vorkommt."

Eine extrem widerstandsfähige Form von Hingabe ans und Zärtlichkeit fürs Leben spricht aus diesen Worten; sie durchziehen die gesamten 250 Seiten. Richard Ford, selbst inzwischen 71 Jahre alt, schreibt über Familienverbrechen und Lebenslügen genauso klar und klug wie über Viagra und zweite oder dritte Ehen. In einer Geschichte lässt Bascombe eine ältere schwarze Dame in sein Haus, die ihm nach einigen Geplänkel erzählt, wie hier einst der Vater die Mutter umgebracht hat. In einer anderen Geschichte besucht er seine erste, an Parkinson erkrankte Ehefrau in einem ''high-end old folks' home", wie es im Original heißt, um ihr ein spezielles Yogakissen zu bringen.

In diesem Zusammenhang fällt der schönste Satz zwischen vielen schönen Sätzen: "Letzten Endes ist die Liebe nicht bloß ein Ding, sondern eine endlose Reihe einzelner Handlungen." Vielleicht ist das die Wahrheit, vielleicht auch nur eine Krücke, damit sich der Held besser durch eben diese endlose Serie kleiner und unangenehmer Handlungen schleppen kann. Ein bisschen Bascombe-Selbstbetrug hat noch niemandem geschadet.


Richard Ford geht mit "Frank" auf Lesereise durch Deutschland: Berlin (5. Oktober), Hamburg (6. Oktober), Köln (7. Oktober), München (8. Oktober).

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