Interview mit Frank Witzel "Deutschland hat eine Tradition der Verdrängung von Schuld"

Der neue Roman des Buchpreis-Gewinners Frank Witzel handelt von Deutschland direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Mechanismen von damals erkennt der Autor heute wieder, insbesondere im NSU-Prozess.

Deutschland 1945
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Ein Interview von


Zur Person
  • Maja Bechert
    Frank Witzel, Jahrgang 1955, ist Schriftsteller, Zeichner und Musiker. Sein Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969", an dem er rund 15 Jahre gearbeitet hatte, wurde 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Witzel lebt in Offenbach am Main.

SPIEGEL ONLINE: Herr Witzel, in Ihrem neuen Buch verweigern Sie sich einer geradlinigen Erzählung. Stattdessen reihen Sie Fragen, Assoziationen und Spekulationen aneinander. Es liest sich wie die Chronik einer kaputten Erinnerung.

Witzel: Erinnerung ist unzuverlässig. Mit einer linearen und geschlossenen Erzählung hätte ich unwillkürlich die Unwahrheit geschrieben. Je mehr Lücken ich hingegen offenlasse, desto näher bin ich meiner Meinung nach bei der Wahrheit. So spürt man immerhin die vielen blinden Flecken in unserer Geschichte. Das ist realistischer, als zu erzählen, dass die Bundesrepublik auf eine bestimmte Weise entstanden sei.

SPIEGEL ONLINE: Wir haben uns also in Bezug auf die Gründung der Bundesrepublik von unserer Erinnerung aufs Kreuz legen lassen?

Witzel: Auf jeden Fall. Man spricht ja gerne von der sogenannten Stunde null, die es aber in dieser Form nie gab. Wir sehen immer deutlicher, in welchem Maße das Gegenteil der Fall war. Wie viel Nationalsozialismus damals in die junge Bundesrepublik hineinfloss.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist der kollektive Blick auf diese unmittelbare Nachkriegszeit heute vor allem positiv.

Witzel: Man wollte damals gerne einen Schlussstrich ziehen, diese Zeit hinter sich lassen, nichts mehr mit ihr zu tun haben. Bis in die Siebziger hinein betrachtete man die NS-Zeit als eine Art Pause der Geschichte. Erst nach 1945 ging es weiter. Mittlerweile geht das nicht mehr, und man versucht die Geschichte mit immer neuen Ansätzen aufzuarbeiten.

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SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie denn einen Wandel in der Erinnerungskultur?

Witzel: Einerseits schon. Der Blick auf die Grauen der Vergangenheit ist seit den Achtzigerjahren viel differenzierter und genauer geworden.

SPIEGEL ONLINE: Und andererseits?

Witzel: Andererseits besteht die Gefahr, dass die Erinnerungskultur institutionalisiert wird, abgespalten, ohne Konsequenzen für unsere Gegenwart. Schauen Sie sich aktuell nur das Beispiel Volkswagen an. Die Manager, die in die Betrügereien rund um den Dieselskandal verwickelt sind, bemühen eine ähnliche Verleugnungstaktik. Oder kürzlich der G20-Gipfel in Hamburg, bei dem es keine Polizeigewalt gegeben haben soll. Und jetzt sehen wir haufenweise Videos, die belegen, dass dort eine massive Eskalation seitens der Polizei betrieben wurde.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen darin eine Parallele zum Wiederaufbau nach 1945?

Witzel: Deutschland hat eine Tradition der Verdrängung von Schuld. An jeder Gegenwart hängt eine Geschichte. So zu tun, als sei das hier nicht der Fall, war und ist ein großer Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Aber kämpfte nicht schon die 68er-Bewegung gegen genau dieses Problem?

Witzel: Gewisse Teile der Auseinandersetzung mit dem Thema wurden von den 68ern initiiert, andere hingegen, wie etwa der fortbestehende Antisemitismus, sträflich vernachlässigt.

SPIEGEL ONLINE: Und was können wir heute tun?

Witzel: Man sollte sich nicht auf allzu plausible Narrative verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Was interessiert einen Babyboomer wie Sie eigentlich an der Nachkriegszeit?

Witzel: Es geht mir um ein bestimmtes Gefühl, dem man sich meiner Meinung nach nur intuitiv nähern kann. Gerade diese Zeit, die ich nicht erlebt habe, ist für mich auch heute noch sehr präsent, allerdings nur in Form einer ungenauen Stimmung, die sich durch die Fünfziger und Sechziger zog. Aber es geht mir dabei immer auch um die Verbindung zur Gegenwart.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie konkret?

Witzel: Nehmen Sie den NSU-Prozess, all die unbeantworteten Fragen. In der heutigen Zeit wird mehr dokumentiert denn je. Trotzdem geschieht so etwas wie diese Mordserie, bei der man sich auch Jahre danach noch fragt, wie das eigentlich Anfang des 21. Jahrhunderts passieren konnte. Historische Lücken und die darum gesponnenen Narrative sind also brandaktuell.

SPIEGEL ONLINE: Antworten liefert Ihr Roman allerdings keine. Man könnte sagen, er verwirrt bloß noch mehr.

Witzel: Er stellt Fragen. Das mag auf Anhieb erst einmal verwirrend erscheinen..

SPIEGEL ONLINE: Warum eigentlich? Wenn es doch ohnehin nicht funktioniert, sich zu erinnern?

Witzel: Natürlich funktioniert Erinnerung. Wir müssen nur sehen, dass jede Erinnerung subjektiv und vor allem selektiv ist, und gerade deshalb müssen wir immer wieder nachfragen. Und manchmal lassen sich diese Fragen eben erst im Nachhinein stellen. Fragen lösen immer eine Bewegung, manchmal sogar Unruhe aus.

SPIEGEL ONLINE: Wo wünschen Sie sich heute mehr Bewegung?

Witzel: Die großen Probleme liegen ja auf der Hand: Der Klimawandel, die geopolitischen Verwerfungen und so weiter. Aber ein aktueller Anlass, dieses Buch zu schreiben, war der NSU-Prozess. Hier haben wir ein Beispiel aus der unmittelbaren Gegenwart. Und was wissen wir? Nichts. Tausende von Fragen wurden in diesem Zusammenhang gestellt, aber diese Fragen brachten keinen Antworten, machten aber deutlich, was wir alles nicht wissen und womöglich auch niemals wissen werden. Und auch hier können wir nur ahnen, dass das eigentliche Problem tiefer sitzt.

SPIEGEL ONLINE: Passend dazu liest sich das Buch wie der Gründungsmythos der düsteren Seite Deutschlands. Wie die Geburt eines morbiden, maladen Landes.

Witzel: Ich habe unter anderem eine ganz bestimmte Gruppe herausgegriffen, die Ärzte, und mich gefragt: Wie entsteht eine Geisteshaltung, die Menschenversuche "im Dienst der Wissenschaft" trieb? Sind die Rechtfertigungen von solchen Gräueltaten im Sinne des Fortschritts tatsächlich verschwunden, oder existieren sie nicht vielleicht auch in unserer Gesellschaft weiter?

SPIEGEL ONLINE: Die Gesellschaft im Buch wirkt wie eine, der die große Katastrophe noch bevorsteht. Was soll das sein?

Witzel: Um Slavoj Zizek Žzu paraphrasieren: Die Vergangenheit kommt dir aus der Zukunft entgegen. Das ist die große Katastrophe. Der Grusel, den man fürchtet, liegt schon hinter einem. Und gerade weil man es so gut kennt, fürchtet man es umso mehr.

SPIEGEL ONLINE: Gleich am Anfang des Buches kritisieren Sie den sofortigen Neustart auch explizit: "Ist die Aufforderung, an einer neuen Ordnung mitzuarbeiten, nicht eine Unverschämtheit?", schreiben Sie.

Witzel: "Sollte man nicht erst einmal jegliches Mittun verweigern?", heißt es weiter. Erscheint das nicht einleuchtend? Man kommt aus einem System, in dem Ordnung oberster Impetus war. Und jetzt wird einem gesagt, okay, die alte Ordnung ist vorbei, wir machen sofort eine neue.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als wollten Sie die Ordnung als Gesellschaftsprinzip hinterfragen.

Witzel: Ist es denn keine Unverschämtheit, gleich wieder eine Ordnung zu etablieren? Müsste man nicht antworten, dass man einem mit Ordnung erst einmal nicht zu kommen braucht? Ordnung hieß doch gerade: eine perfekt funktionierende Vernichtungsmaschine und sechs Millionen Tote.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland hat es also verpasst, mal für eine Weile nicht zu funktionieren?

Witzel: So kann man es ausdrücken. Nach den schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte gab es kein wirkliches Innehalten. Das ist ein Problem, was bis heute nachwirkt.

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insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
geotie 02.09.2017
1.
Welche Länder bearbeiten ihre Schandtaten wie den 1. und 2. Weltkrieg wie die Deutschen? Es gibt noch viel zu verbessern! Nazis haben da ein Problem, aber im Gegensatz zu anderen Ländern, wo es nur heroische Denkmäler stehen, stehen hier Denkmäler gegen das Vergessen. Und das ist gut so!
toskana2 02.09.2017
2. von Nationalsozialismus zum Nationalmasochismus
Ich weiß nicht, in welchem Land Herr Witzel lebt. Ich weiß aber, dass kein Volk der Erde, sich derart manisch mit seiner Vergangehnheit bis heute beschäftigt hat. Für diese Art der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit wäre die Bezeichnung Masochismus stark untertrieben. Ich bin Ausländer und lebe seit langem in diesem Land. Die Beweggründe, die Herrn Witzel für diese Betrachtung der deutschen Nachkriegsgeschichte und derer Aufarbeitung durch die Deutschen bewogen haben, würden mich in der Tat stark interessieren.
aurichter 02.09.2017
3. Wirklich so gemeint Herr Witzel?
Ein ruhen der Ordnung hätte unter Umständen nur die alten, besiegten Mächte um Hintergrund und im Wissen der Beobachtung an die entscheidenden Schaltstellen gebracht. Es sind damals schon genügend Altlasten nicht ausreichend beseitigt worden, die jedoch ohne kontrollierte Ordnung einen anderen Stellenwert in der auch nachfolgenden Gesellschaft eingenommen hätten. Ich bin im Gegensatz dazu der Meinung, dass die Ordnung noch viel härter und bestimmender hätte auftreten müssen, dann wären eventuell auch weitere Fehler vermeidbar gewesen.
sasscha 02.09.2017
4. X
Einfach nur Schund. Kaum ein Land hat sich so detailliert mit seiner jüngeren Geschichte auseinandergesetzt wie D. Man sollte einfach mal Vergleiche zu anderen Nationen anstellen wie es da so mit der Aufarbeitung steht . Aktuelles Bsp. USA , die Freunde dort haben das Thema Rassismus nie wirklich thematisiert ... Am besten ist der Deutsche rennt als ewiger schuldbeladner Grießkram durch , die Weltgeschichte Hauptsache gebückt . Unfassbar und das im Jahr 2017
Wanax 02.09.2017
5. Sie wollen den Verkauf ihres Buches fördern?
Schreiben sie z.B. irgendwas zur NS-Zeit bzw. dem Verhältnis und Leben der Deutschen zum Nationalsozialismus bzw. unter diesem. Das zieht immer (so wie Geschichten mit Sex)...und dann ziehen sie noch Parallelen zu heute. Das animiert die Betroffenheitsdeutschen zum kauf und sie kommen zudem in die Schlagzeilen ! (und wer würde schon widersprechen wollen oder können, dass dies damals eine ganz ganz schlimme und dunkle Zeit war?)
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