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Buchpreis-Kandidat Frank Witzel: Der Bluna-Matchbox-Komplex

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BRD-Roman: Die Tupamaros von Wiesbaden-Biebrich Fotos
imago

So war die alte Bundesrepublik: voller Markennamen, Verdrängtem und Verunsicherten. Jedenfalls in dem 800-Seiten-Wälzer von Frank Witzel, dem Überraschungstitel auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

Der Roman beginnt rasant, und das, obwohl das Fluchtfahrzeug nur von zwei Zylindern angetrieben wird: Die Bullen sind her hinter Claudia, Bernd und dem Teenager aus Wiesbaden-Biebrich, um den sich das Buch von Frank Witzel dreht. Im Handschuhfach des NSU Prinz ist eine Pistole, eine Wasserpistole, so eine mit der man um die Ecke schießen kann. Die drei müssen sie zurücklassen, wie den Wagen, sie hauen ab durch den Hofeingang, kurz vorm Bäcker Daum.

Wie sich in diesem ersten Kapitel die Szenarien übereinanderlegen - Stadtguerilleros auf der Flucht, das Inventar eines Kinderzimmers voller Plastiktinnef, die Idylle und Spießigkeit eines westdeutschen Dorfes -, das hat schon große Klasse. Es legt Fährten, es ist eine Verheißung, auf die man sich im Verlauf der Lektüre des 800 Seiten starken Romans gelegentlich wieder besinnen muss.

Denn "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" wurde zwar bei seiner etwas überraschenden Nennung im Rahmen der Shortlist zum Deutschen Buchpreis immer wieder als Rekonstruktion der alten Bundesrepublik beschrieben, analog zu den in den letzten Jahren so beliebten DDR-Erinnerungen, aber man hat es hier nicht mit einer süffigen, geradlinigen historischen Erzählung zu tun.

Der Teenager ist ein Fabrikantensohn, die Firma des Vaters stellt Spiegel her, und in den Gedanken des Jungen spiegelt sich auch alles Mögliche: der katholische Glaube, die neueste Popmusik, das schlechte Gewissen. Doch die Bilder kommen verzerrt zurück, als hätte es auf der Gibber Kerb, die eine Rolle spielt, Wunderspiegel gegeben.

Märklin und Fleischmann stehen für Weltanschauungen

So gerät die Lektüre zur Spurensuche, manche der knapp hundert Kapitel führen hin zu den Anfangsszenen, manche aber auch ganz woanders hin. Zwischenzeitlich meint man, Witzel archiviere vor allem mit der Methode der Pop-Literatur Erinnerungen, die sich an Namen festmachen: "Nimm 2 schmeckt nach Sanostol, und das mag ich auch nicht", heißt es; im Register stehen auch Bluna, Matchbox und Weberkuchen.

Aber bei Witzel geht es weiter: Wenn der Pfarrer Fleischmann und der Psychologe Dr. Märklin im Konflikt stehen, wird nicht nur auf einen Zweikampf auf dem Modelleisenbahnmarkt angespielt (analog zu Geha und Pelikan), sondern es geht auch um die Weltanschauungen, die im Kopf des Teenagers wüten und alles ziemlich durcheinanderwirbeln.

Insofern ist "Die Erfindung..." ein Pubertätsroman, die Suche nach "einer Begründung für das alles, da es das, was es vorgab zu sein, unmöglich sein konnte", wie es an einer Stelle heißt. So geht es vielen Teenagern. Doch für diesen westdeutschen Jungen Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger gilt: "Und dann eben erschien die RAF."

Man kommt nicht umhin zu bewundern, mit welcher Virtuosität sich Witzel hier Textformen aneignet, sei es ein Kurzdrama nach Peter Weiss oder ein Schneider-Abenteuertaschenbuch. Und wenn man hier eine Beatles-Exegese vorgelegt bekommt, so ist das nicht nur dahingesagt, sondern hat auch theologisch Hand und Fuß.

Jedenfalls soll man das glauben. Frank Witzel, wie sein Held 1955 in Wiesbaden geboren, hat seit über zwölf Jahren immer wieder an diesem Buch geschrieben, stand mehrfach kurz vor dem Aufgeben, hat in dieser Zeit jedoch mehr und mehr Anspielungen und Geschichten, aber auch Fallen und falsche Fährten eingebaut.

So ist der Umgang mit diesem Buch ein bisschen wie der Umgang mit einem realen Pubertierenden: Es ist manchmal etwas anstrengend mit ihm, er will einem manchmal allzu vieles erzählen, aber manchmal staunt man auch darüber, was für überraschende Verknüpfungen er herstellen kann.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. ein Witzel?
haarrr 10.10.2015
Das klingt doch wie Grebe?? "Links war alles Omo, rechts war alles Rei Es waren die Achtziger Jahre Hoss Cartwrights Hut geht am Fenster vorbei" hm??
2. Gab's doch schon
maike.martin 11.10.2015
Generation Golf von F. Illies...
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