Frankfurter Buchmesse 2013 Viel Alkohol, etwas Unterwäsche

Das verlässlich unseriöseste Event des deutschen Geisteslebens, die Frankfurter Buchmesse, ist auch 2013 wieder gut für Klatsch und den einen oder anderen Eklat. Bei Suhrkamp wird gar ein neues Genre präsentiert: der Meta-Miezekatzen-Krimi.

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Buchautor Boris Becker in Frankfurt: Luxusrentnerdasein aufpeppen
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Eben noch in ein Fachgespräch über Unterwäsche verwickelt, sieht sich die Lebensgefährtin eines bekannten deutschen Verlegers, dessen Name an dieser Stelle selbstverständlich nicht genannt werden soll, an der Tür der wichtigsten Party der Frankfurter Buchmesse mit einem Einlassbegehren konfrontiert.

Vor ihr steht der wichtigste Leitartikler des Landes, auch sein Name soll an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Sie, in deren Händen die Gästeliste liegt, will ihn nicht hereinlassen. In aller Deutlichkeit wiederholt der Leitartikler seinen Namen und unterläuft so beinahe das Vorhaben des Autors dieses Textes, genau den doch geheim zu halten.

Noch bevor es dem Leitartikler gelingt, sich telefonierend doch noch Einlass zu verschaffen, macht drinnen schon die Geschichte die Runde: Der, da draußen - kommt nicht rein. Wahnsinn! Ja, die Party des FVA-Verlegers Joachim Unseld hat wirklich die härteste Tür der Stadt.

Willkommen auf der Frankfurter Buchmesse 2013, dem verlässlich unseriösesten Event des deutschen Geisteslebens. Hier geht es wieder um alles, was nichts mit Lesen zu tun hat. Oder zumindest nicht so viel. Um Branchenklatsch und Lobbyismus in eigener Sache. Und vor allem um die Frage, ob das jetzt nicht wirklich der ganz falsche Moment ist, mit dem Rauchen aufzuhören - oder gar mit dem Trinken.

Wenigstens einer ist schlecht gelaunt

Beim Dörlemann Verlag, der zwei Bücher Alice Munros im Programm hat, hat man trotzdem vergessen, Alkohol einzulagern, und muss, als die Nachricht von Munros Nobelpreis bekannt wird, beim benachbarten Diogenes Verlag Sekt ausleihen und bei Ullstein die Gläser. Hanser dagegen hatte schon am Vortag bekanntgegeben, für alle Fälle Champagner kaltgestellt zu haben. Galt doch Swetlana Alexijewitsch, deren Mammutwerk "Secondhand-Zeit" bei Hanser Berlin erschienen ist, als eine der Favoritinnen auf den Nobelpreis. Am Sonntag wird sie mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Joachim Unseld äußert sich auf seiner eigenen Party begeistert über den Preis für Munro - ist es für ihn doch auch die perfekte Überleitung zu Zoë Jenny, deren jüngsten Erzählband "Spätestens morgen" die FVA im Programm hat. Jenny bezeichnet Munro als eines ihrer großen Vorbilder und trägt bei Unseld eine Erzählung vor. Sie war ein Star des literarischen Fräuleinwunders zur Jahrtausendwende - gut zehn Jahre später kann man schon von einem Comeback sprechen. Auch in der Literatur ist die Ewigkeit keine Maßeinheit mehr.

Angesichts des allgemeinen Wohlwollens für Munro ist es geradezu wohltuend, dass wenigstens einer auf dieser Messe sich schlechtgelaunt zeigt: Clemens Meyer. Nicht darüber, dass an seiner statt Terézia Mora für ihren Roman "Das Ungeheuer" mit dem Deutschen Buchpreis 2013 ausgezeichnet wurde, sondern darüber, dass sein Roman "Im Stein" allgemein als Prostitutionsepos attribuiert wird - wollte Meyer doch viel mehr: ein Gesellschaftsszenario, in dem es eben auch um Prostitution geht. Verärgert verließ Meyer die Feier nach der Buchpreisverleihung und brummelt auch in Interviews merklich, wenn er schon wieder als Autor von Nuttengeschichten degradiert werden soll.

Beim traditionellen Kritikerempfang des Suhrkamp Verlags, der, als ob die Insolvenz des Hauses nur ein fernes Wetterleuchten wäre und nicht etwa eine konkrete Gefahr für die weitere Existenz des Unternehmens, in der einstigen Villa des verstorbenen Suhrkamp-Übervaters Siegfried Unseld stattfindet, liest eine andere Preisträgerin des Jahres 2013, Sibylle Lewitscharoff, die Ende Oktober mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wird, aus ihrem noch unveröffentlichten Werk "Killmousky". Ein Krimi, wenn nicht Metakrimi oder gar Meta-Miezekatzen-Krimi - denn Killmousky ist ein Kater. Und so wirkt Lewitscharoffs Vortrag fast wie eine Parodie auf das Großschriftstellertum, für das Suhrkamp lange stand.

Als besonderen Ehrengast begrüßt Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz eine Person namens Silva Hesse, von der es auf dem Empfang schnell heißt, sie sei nicht nur Vertreterin des diesjährigen Buchmesse-Gastlands Brasilien, sondern auch die schöne Nachfahrin des guten alten Steppenwolfs Hermann Hesse. Ganz falsch, wie sich schließlich herausstellt. Ein freundlicher älterer Herr mit Schnauzbart ist es, der in der Schweiz residiert.

Seinen Vornamen, korrekte Schreibung Silver, kann er tatsächlich auf einen Vorschlag seines Großvaters zurückführen. Als Erbe der Rechte an dem für den Verlag noch immer ziemlich gewinnbringenden Werk Hermann Hesses signalisiert der Enkel mit seinem Auftritt auch gelebte Solidariät mit den Suhrkamp-Autoren, die in einem Appell angedroht haben, der Verlag zu verlassen, falls Minderheitsgesellschafter Hans Barlach sich im Machtkampf gegen Berkéwicz durchsetzen sollte.

Auf der Messe ist von derartiger Untergangsstimmung wenig zu bemerken. Gutgelaunt gibt Martin Walser, der sich noch immer ins Getümmel der Messehallen stürzt, als wäre gerade erst sein Debüt erschienen, das vermutlich einmillionste Autogramm seines 86-jährigen Lebens. Shortlist-Kandidat Reinhard Jirgl liest vom Publikum fast unbeachtet mit stoischer Heiterkeit aus seinem Roman "Nichts von euch auf Erden", während knapp neben ihm Eckart von Hirschhausen sich für die Fotografen zum Affen macht - und dafür deutlich mehr Aufmerksamkeit erhält. Dazu kommen die üblichen Promis, die wie Boris Becker ihr Luxusrentnerdasein mit Buchveröffentlichungen aufpeppen, oder die Autoren von Biografien und Bekenntnisbüchern, so die einstmals als Christiane F. bekannte Christiane Felscherinow. Und über allem schwebt die Erkenntnis, dass die Buchmesse 2013 kein großes Thema hat.

Dafür kann es nur eine Erklärung geben: Auch das wurde an der Tür abgewiesen.

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