Frankfurter Buchmesse Konstituierendes Chaos

Während der Bundestag in Berlin die Zeit nach Rot-Grün einläutet, konstituiert sich in Frankfurt die Buchmesse. Auffällig am Eröffnungsabend: Am Main ist das Personal-Tableau genauso variabel wie an der Spree.

Von Daniel-Dylan Böhmer, Frankfurt


Beweist hier der Zufall dramatisches Geschick? Oder gibt es tatsächlich eine Unordnung, die sich vom Dachstuhl der Republik ausbreitet und die Verhältnisse im kulturellen Gebälk darunter in Bewegung bringt? Zumindest scheint es dieser Tage, als bilde der Messestart die große Oper der Berliner Republik als Kammerspiel ab. Oder als Flohzirkus. Auf vorzeitige Abschiede folgen ungewisse Aufbrüche. Und auch die Gastdarsteller vom Staatstheater an der Spree wechseln schneller, als das Protokoll folgen kann.

Börsenverein-Chef Schormann (unten), Buchmesse-Chef Boos: "Es geht hier nicht um Pralinenschachteln"
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Börsenverein-Chef Schormann (unten), Buchmesse-Chef Boos: "Es geht hier nicht um Pralinenschachteln"

Joschka Fischer hatte als Redner der Messeeröffnung abgesagt, weil er seit gestern ja nicht mehr Minister ist. Statt seiner stand nun Roland Koch am Podium und feixte: "Wenn Joschka Fischer gewusst hätte, wer ihn hier vertritt..." Ein ganzer Saal gluckste mit, ein paar Gastland-Koreaner ausgenommen. "Aber wir zwei sind ja alte Hessen und wir machen das schon", fügte Koch hinzu und gab dann eine Kostprobe als Redner, die über den üblichen landespolitischen Stil hinauswuchs, wie selbst erbitterte Gegner des Ober-Hessen zugeben. Und von denen gab es hier viele. Mit seinen Bemerkungen über die koreanische Teilung, die als Beschwörung der Einheit des Gastlandes verstanden werden konnten; mit seinem ganzen Gestus, griff Koch deutlich nach staatsmännischem Format.

Auf der Sachebene der Buchbranche kulminiert die Parodie von Rücktritt und Übergang indes in der Person Dieter Schormanns, der wohl zum letzten Mal als Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die Messe eröffnete. Souverän übrigens, aber mit einer denkbar knappen Rede. Schormann hatte am Freitag nach anhaltendem Proteststurm von Vereinsmitgliedern seinen Rücktritt zum Jahresende erklärt.

Immerhin der Anlass des Rücktritts ist klar zu benennen und schnell zu erzählen: Schormann, 2004 als Besitzer einer kleinen unabhängigen Buchhandlung im Amt bestätigt, gab vor kurzem das Aus seines Gießener Geschäftes und wenig später seinen Wechsel in die Leitung der neuen Filiale der Thalia-Kette am Ort bekannt. Ein Wechsel, so sahen es viele, von der Rhetorik des Kleinen und Feinen in die Dienste gerade jenes Branchenriesen, der vielen Büchermachern als Paradebeispiel aggressiver Markteroberung gilt. Sie verbinden mit dem wachsenden Anteil großer Buchhandelsketten und dem Sterben der kleinen Privatbuchhandlungen die Gefahr eines einseitig Bestseller-orientierten Buchmarktes.

Fragt man nach tieferen Gründen des Buchhändler-Zorns, dann bekommt man häufig zur Antwort, Schormanns Begründung für den Wechsel - die fehlende Nachfolgeregelung im eigenen Haus - sei wenig glaubwürdig. Ulrich Faure, Redakteur des unabhängigen Branchenblattes "BuchMarkt", dessen Website eine wesentliche Plattform des Protestes bildete, fasst die Stimmung so zusammen: "Die Mitglieder waren schlicht sauer, dass Schormann sie für so doof hielt, diese Geschichte zu glauben." Wirtschaftliche Probleme werden Schormanns "Ferber'scher Universitäts-Buchhandlung" schon länger nachgesagt.

Landespolitiker Koch, Südkoreas Ministerpräsident Lee Hae Chan: Griff nach staatsmännischem Format
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Landespolitiker Koch, Südkoreas Ministerpräsident Lee Hae Chan: Griff nach staatsmännischem Format

Andere führen Schormanns Abgang hingegen auf vereinsinterne Auseinandersetzungen zurück, in denen sein Stellvertreter und designierter Nachfolger Gottfried Honnefelder die Chance auf einen langersehnten Posten genutzt habe. Der frühere Geschäftsführer des Suhrkamp-Verlages, der gerade seinen Abschied von der Leitung des DuMont-Buchverlages zum 1. April 2006 bekannt gegeben hatte, ziehe das Ehrenamt mit Zugang zu den höchsten Kreisen der schieren Arbeitslosigkeit vor, sagen Insider. Sicher ist: Garantiert unparteiische Beobachter der Sache sind zur Zeit schwer zu finden. Honnefelder hat die Geschäfte zunächst nur bis zur nächsten Hauptversammlung im Mai/Juni 2006 übernommen, soll aber weitergehende Ambitionen hegen.

"Ich strebe nicht dauerhaft nach diesem Amt, aber man kann für die Zeit danach auch nichts ausschließen. Dafür liegt mir die Sache zu sehr am Herzen", so Honnefelder. Sicher ist, dass der Ex-DuMont-Chef seinen neuen Posten nur behalten kann, wenn er einen neuen Job in der Buchbranche findet oder selbst Unternehmer wird. Das schreibt die Satzung des Börsenvereins vor. Honnefelder überlegt die Gründung eines eigenen Verlages, verhandelt aber, nach eigenen Angaben, auch über andere Aufgaben in der Verlagsbranche.

Zumeist wird er jedoch als Übergangskandidat gesehen, während Schormann zum Abschied Sympathien bekundet werden. Dieser habe den einst verstaubten Verband erneuert, zum Wohle seiner Mitgliedsunternehmen. Wolfgang Balk, Leiter des Deutschen Taschenbuchverlages, bedauert Schormanns Abschied: "Er hat viel für die Branche erreicht. Aber das Ende seiner Ära ist ein makabres Symbol für den Strukturwandel in der Branche." Diesen zu bewältigen müsse der Börsenverein "visionäre Kraft" entwickeln. Für Balk, wie für einige andere Beteiligte aus unterschiedlichen Bereichen, wäre Verleger Wolf D. von Lucius (Lucius & Lucius), der richtige Mann dafür. Lucius war bei der Wahl 2001 Schormann nur knapp unterlegen.

Gestern Abend im Frankfurter Hof regierte noch die Lust an Verschwörungstheorien. Mit Honnefelders Antritt seien konservative Kräfte im Börsenverein gestärkt worden, meinten Hessen-Kenner. Es sei kein Zufall, dass der designierte Hauptgeschäftsführer des Vereins, Alexander Skipis, aus Roland Kochs Staatskanzlei in den Hirschgraben gewechselt sei. Aber diese spezielle Verbindung zwischen Berliner Oper und Frankfurter Zirkus scheint einstweilen dann doch zu konkret.

Jürgen Boos, der neue Leiter der Buchmesse, will die Frankfurter Bühne dagegen inhaltlich politisieren. "Das Buch ist keine Ware wie jede andere. Es geht hier nicht um Pralinenschachteln, sondern um Inhalte und die sind per se immer politisch." Er will die Messe als Forum politischer Debatte stärken und etwa mit internationalen Auslegern wie in Kapstadt Räume für freie Diskurse in und mit der Dritten Welt schaffen. Inhalte seien schließlich auch das wichtigste Verkaufsargument für Bücher.

Es wäre heilsam, wenn sich dieses oft beschworene Bewusstsein weiter durchsetzen würde. Das scheint - wie immer - nicht aussichtslos. Heute morgen gegen 2.00 Uhr in der Author's Bar des Hotels Frankfurter Hof, bekannte die junge Französin Violaine Huisman, die für die US-Agentur Charlotte Sheedy arbeitet, sie wolle jetzt auf ihr Zimmer. Um zu Lesen. Einfach so zum Spaß. Das tue sie gerne, und außerdem mache es einen interessanter. Das ist keine abwegige Spekulation - immerhin wäre sie damit eine Ausnahme im Messe-Stress.



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