Das Buchmesse-Blog

Auf der Messe Hip ist, wer Sepp Blatter trägt

Frankfurter Buchmesse: Die Hallen stehen voller Bücher, die man anschauen, aber nicht kaufen kann
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Frankfurter Buchmesse: Die Hallen stehen voller Bücher, die man anschauen, aber nicht kaufen kann


Lesen und gelesen werden - auf der Frankfurter Buchmesse treffen sich Autoren, Fans und Fachpublikum. Wer enttäuschte, wer begeisterte? Hier begleiten Autoren von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE die Bücherschau. Heute: Tobias Becker.

Ich habe die Buchmesse immer sehr geliebt, und dennoch bin ich fast nie hingegangen. Wenn ich doch mal hingegangen bin, in den Jahren, in denen ich in Frankfurt gewohnt habe, dann zum Bücherklauen.

Das war damals eine Art Sport unter Frankfurter Studenten. Es waren die Zeiten, als es noch hip war, ein volles Bücherregal zu haben und nicht einen vollen E-Reader. Wenn ich das hier so frech gestehe, dann weil es längst verjährt ist (und weil die Messebesucher heute wirklich alles mitgehen lassen, was nicht festgebunden ist: auch Stifte und Kekse und Zuckertütchen).

Geliebt habe ich die Buchmesse, weil sie Frankfurt einmal im Jahr für ein paar Tage in die Stadt verwandelt, die Frankfurt immer sein will: international und intellektuell, eine Stadt, in der nicht nur Geld verdient wird. Ich habe die Messe geliebt, weil die U- und S-Bahnen dann voll waren, fast wie in einer richtigen Metropole. Das waren sie zwar auch während der IAA, der Autoschau, aber während der Buchmesse waren die Menschen in den Bahnen besser angezogen. Und sie führten die aufregenderen Gespräche. Zumindest dachte ich das damals, aus der Distanz. Heute bin ich da ein wenig ernüchtert.

Warum man aber in die Messehallen gehen sollte, während der Buchmesse, das hat sich mir eigentlich nie erschlossen. Die Hallen stehen voller Bücher, die man anschauen, aber nicht kaufen kann (also fast klauen muss). Zumal man sie in den Hallen auch nicht lesen kann; dafür ist es viel zu laut. Hin und wieder liest immerhin jemand aus ihnen vor, und etwas vorgelesen zu bekommen ist natürlich prinzipiell super. Noch mehr Spaß macht es aber zu Hause im Bett oder mit 20 anderen Leuten in einem Literaturhaus. Auf der Messe drängeln sich immer gleich 200 vor einem Podium.

Ein Schriftsteller ohne Computer

Seit einigen Jahren wohne ich nicht mehr in Frankfurt, komme aber jedes Jahr während der Buchmesse als Journalist in die Stadt, als sogenannter Fachbesucher. In die Messehallen habe ich es in manchen Jahren auch als solcher nicht geschafft. Keine Ahnung, wie das mein Chef findet, wenn er das nun liest, aber die spannenden Momente bescherte mir die Messezeit nach wie vor abseits der Messe: auf den Partys der Verlage, wo ich all die Leute treffen konnte, die ich treffen wollte.

Früher oder später machte dort eigentlich jedes Jahr jemand diese Bemerkung: Das Treiben tagsüber sei nur das sehr teure Alibi der Branche dafür, endlich mal gemeinsam einen saufen zu gehen. Nach drei Glas Messewein klang das eigentlich jedes Jahr von Neuem ganz einleuchtend.

In diesem Jahr nun hat der SPIEGEL erstmals seit Jahren wieder einen eigenen Messestand, weshalb ich so viele Stunden in den Hallen war wie noch nie. Und was soll ich sagen: Es ist interessant hier. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu erzählt, wie er die sehr eigene, altertümelnde Sprache für seinen Roman "Siebentürmeviertel" entwickelt hat, ein 800-Seiten-Epos, das er zunächst per Hand geschrieben und dann per elektrischer Schreibmaschine abgetippt hat. Einen Computer hat Zaimoglu gar nicht.

Direkt danach erklärt der SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz, "was Google wirklich will", wie es im Titel seines neuen Buches heißt. Nämlich nicht in erster Linie mehr Geld; davon haben die Google-Chefs inzwischen genug. Die Google-Gründer, ehemalige Montessori-Schüler, wollen die Gesellschaft verändern, durch Technologie verbessern: etwa mit selbstfahrenden Autos.

Für das Gespräch am SPIEGEL-Stand hat Schulz sich, so erzählt er es, das erste Mal seit drei Jahren ein Jacket angezogen und eine Krawatte umgebunden - im Silicon Valley, seiner beruflichen Heimat, ist das verpönt.

Auf der Buchmesse ist es okay, richtig hip aber ist dort in diesem Jahr nur der, der einen der Anstecker trägt, die der Schweizer Verlag Kein & Aber unter die Leute bringt: einen Sepp-Blatter-Button. Wenn Sie nicht auf der Messe waren, haben Sie so einen jetzt nicht. Ha!

Wie samstags bei Ikea

Andererseits: Da heute der erste Tag war, an dem auch sogenannte Privatbesucher auf die Messe gehen konnten, war es noch voller als in den vergangenen Tagen. So wie in der Fußgängerzone an einem Vorweihnachts-Samstag. Oder bei Ikea an jedem Samstag des Jahres, weshalb kein vernünftiger Mensch samstags da hingeht.

Zwischen all den bekannten und halbbekannten und unbekannten Gesichtern habe ich mich ein wenig gefühlt wie beim Lesen von Zaimoglus Mammutwerk "Siebentürmeviertel", in dem sich mehr als 80 Figuren tummeln. Ständig denkt man: Die kennst Du doch schon irgendwoher - und schlägt hinten im Glossar nach. Leider hat die Buchmesse kein Glossar.

Am Ende also war in diesem Jahr alles ganz anders für mich als sonst. Und war es dann doch wieder nicht: Ich liebe die Stadt während der Buchmesse mehr als die Buchmesse selbst. Gleich gehe ich in eine der Apfelweingaststätten, von denen der Schriftsteller und Frankfurter Lokalpatriot Andreas Maier immer so schwärmt, zum Beispiel in diesem Blog des Suhrkamp-Verlags, und die ich auch sehr liebe: die Drei Steuber, die Buchscheer, das Gemalte Haus.

"In Frankfurt gab es immer zwei Kulturen", schreibt Andreas Maier, "die Apfelweinkultur und die Suhrkampkultur". Suhrkamp ist weg aus Frankfurt, und Andreas Maier ist es auch. Er wohnt nun in Hamburg, wie ich. Der Apfelwein aber ist noch da. Und solange das so ist, lohnt sich die Reise im Oktober nach Frankfurt.

Zum Autor
Maria Feck/ DER SPIEGEL
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

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4 Leserkommentare
Zitatbot 17.10.2015
hanse2015 17.10.2015
nnam 18.10.2015
herzbube 19.10.2015

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