Frankfurter Buchmesse Es gibt für alles jemanden, der sich auskennt

Neil MacGregor, bald beim Humboldtforum: "Mahnmal" gibt es nicht auf Englisch
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Neil MacGregor, bald beim Humboldtforum: "Mahnmal" gibt es nicht auf Englisch

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Lesen und gelesen werden - auf der Frankfurter Buchmesse treffen sich Autoren, Fans und Fachpublikum. Wer enttäuschte, wer begeisterte? Hier begleiten Autoren von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE die Bücherschau. Heute: Tobias Rapp.

Das Schöne an der Buchmesse ist, mit welcher Beiläufigkeit die großen Fragen an einem vorbeiziehen. Die Liebe zu und das Geschäft mit Büchern ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Anwesenden. Überall gibt es Veranstaltungen, überall sitzen kluge Moderatoren mit noch klügeren Autoren, überall wird geredet, natürlich über die neuen Bücher - aber eben auch über die großen Fragen. Da kann man ruhig eine Kaffeetasse lang stehen bleiben.

Etwa als der SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer sich mit dem Franz-Josef-Strauß-Biografen Peter Siebenmorgen unterhält. Woran ist Franz-Josef Strauß gescheitert, fragt Brinkbäumer. Und Siebenmorgen erzählt, wie es vor allem Helmut Kohl war, den Strauß nie in den Griff bekam; Rudolf Augstein, dem er in herzlicher Abneigung verbunden war, beide hätten sich wechselseitig für gefährliche Männer gehalten.

Aber vor allem sei Strauß an sich selbst gescheitert. Und zwar weil er im Kern an das Argument geglaubt habe. Strauß, so Siebenmorgen, habe den Streit gesucht, weil er in der Tiefe seines Herzens überzeugt war, dass in der Politik das bessere Argument gewinnt. Deshalb habe er Helmut Kohl verachtet und nie verstanden. Dieser habe sich nur für Macht interessiert. Nicht fürs Rechthaben.

Wie wir uns die Zeit zurückholen müssen

Noch so eine große Frage, von Elke Schmitter an Rüdiger Safranski gestellt, der gerade ein philosophisches Buch über die Zeit geschrieben hat: Gibt's was Neues von der Zeit? Können Sie uns etwas über die Zeit sagen, was Schopenhauer noch nicht wusste?

Das war so eine schöne Frage, dass die Antwort darüber fast ein wenig nebensächlich wurde, Safranski holte weit aus und erläuterte, wie sich das Zeitempfinden im Laufe der Zeit verändert habe und wie wir uns die Zeit zurückholen müssten. Was ist neu? Die Verdichtung der Gegenwart durch die große Gleichzeitigkeit, in der wir leben.

Oder als Nils Minkmar sich mit der Kinderbuchautorin Sabine Ludwig unterhält: Was halten Sie von den Kindern heute? Wollen die wirklich nur noch mit dem iPad herumwischen? Wollen sie natürlich nicht, sagt Ludwig.

Kinder wollen immer noch Geschichten erzählt bekommen, und bei Lesungen in Schulen werde auch heute noch zugehört, egal wie blöd die Lehrer seien. Was sich auch ein paar Meter entfernt betrachten lässt, da haben einige Kinderbuch-Verlage ihren Stand. Dort ist es noch voller als beim SPIEGEL.

Keine Triumphbögen in Deutschland

Und dann ist da noch Neil MacGregor, der Leiter des Britischen Museums und ab kommenden Januar der Gründungsdirektor der Humboldtforums, des neuen Museums im wiederaufgebauten Stadtschloss mitten Berlin. Er hat gerade ein großes Buch über "Deutschland - die Erinnerungen einer Nation" geschrieben und findet ein erstaunliches Bild für den Unterschied zwischen Deutschland auf der einen und Frankreich oder Großbritannien auf der anderen Seite.

Dort würden die Triumphbögen immer an einen Triumph erinnern. In Deutschland dagegen wären diese Denkmäler immer Mahnmale, die an Siege und Niederlagen erinnern. Für Mahnmal gebe es im Englisch nicht einmal ein Wort.

Auf einer ganz physiologisch-praktischen Ebene handelt ein Tag auf der Frankfurter Buchmesse von nachhaltiger Überforderung. So viele Bücher, so viele Gespräche, so viele Ideen. Diskurs-Ambient. Lehnt man sich zurück und schließt die Augen, liegt in dieser Überforderung des Besuchers der ganze Zauber dieser Veranstaltung: Es wird über alles geredet. Es gibt für alles jemanden, der sich auskennt. Egal was passiert - die Menschheit wird klarkommen.

Zumindest ihr Bücher lesender Teil.

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