Riad Sattouf zur Frankreich-Wahl "Der Hass auf Europa ängstigt mich"

Riad Sattouf ist ein Star der französischen Comicszene, seine Bände verkaufen sich hunderttausendfach. Hier erzählt er, warum ihm Frankreichs Annäherung an die russische Politik mehr Sorgen macht als die Islamophobie.

Olivier Marty

Ein Interview von


Zur Person
    Riad Sattouf ist als Sohn eines syrischen Vaters und einer französischen Mutter in Paris geboren und in Syrien und Libyen aufgewachsen. Mit den Comicbänden "Der Araber von Morgen" über seine Kindheit wurde er auch in Deutschland bekannt. Gerade erschien der erste Band seines Langzeitprojekts im Stile von "Boyhood", in dem er das Leben eines zehnjährigen Mädchens im Comic nacherzählt.

SPIEGEL ONLINE: In "Esthers Tagebüchern" erzählen Sie Geschichten aus der Sicht der Tochter eines Freundes. Geben Sie ihr Themen vor oder hören Sie der Zehnjährigen einfach zu?

Sattouf: Nein, ich gebe nichts vor. Ich lasse mir von ihr einfach ihre Sicht auf die Welt erklären. Sie erzählt mir aus ihrem Alltag und von ihrem eigenen Planeten, etwa so, wie es ein Alien machen würde. Ich mache mir Notizen und daraus wachsen dann Geschichten. Esthers Notizbücher sind für mich wie ein Reiseführer in die Kindheit. Dazu versuche ich eigentlich immer, Comics für Menschen zu machen, die sonst nie Comics lesen. Das ist meine Leidenschaft. So ein Tagebuch oder eine Reiseerzählung sind die perfekte Form dafür.

Riad Sattouf: "Esthers Tagebücher"
Riad Sattouf/ Reprodukt

Riad Sattouf: "Esthers Tagebücher"

SPIEGEL ONLINE: Was, glauben Sie, denkt Esther über die aktuelle Situation in Frankreich?

Sattouf: Sie ist ein sehr beschütztes Mädchen. Sie guckt keine Nachrichten und hat kein Smartphone. Sie ist total optimistisch! Deshalb beschreibt sie die Welt durch Schnipsel der Realität, die sie von anderen aufschnappt. Von ihrem Bruder oder ihren Freunden. Ich liebe diese Transformation der Realität. Das ist genau das, was ich versuche zu erzählen: Die Welt durch die Augen eines Kindes.

SPIEGEL ONLINE: Spielen denn die kommenden Wahlen in ihrer Kinderwelt eine Rolle?

Sattouf: Nein, Esther kümmert das wenig. Für sie bedeutet der Monat Mai einfach nur, dass die Ferien beginnen.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie selbst, haben Sie Angst vor einer Präsidentin namens Le Pen?

Sattouf: Ja, sogar sehr. Die Lage ist furchtbar beängstigend. Aber nicht ausschließlich wegen Le Pen. Es ängstigt mich vor allem zu sehen, wie sich viele der Kandidaten der russischen Politik anschließen, einer Politik, die auf Hass gegen Europa beruht und sich abwendet. Es entwickelt sich momentan ein gefährlicher politischer Populismus und das macht mir durchaus Angst.

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Riad Sattouf:
Esthers Tagebücher

Mein Leben als Zehnjährige

Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock

Reprodukt Verlag; 56 Seiten; 20 Euro

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie sich wegen ihrer eigenen syrischen Wurzeln auch Sorgen wegen der zunehmenden Islamophobie in Frankreich und Europa?

Sattouf: Ich persönlich habe viel mehr Angst vor den anti-europäischen Ansichten vieler Politiker als vor dem Anstieg einer angeblichen Islamophobie. Das kümmert mich nicht wirklich, ich bin selbst nicht gläubig, ich interessiere mich für Wissenschaft. Wie überall auf der Welt gibt es natürlich auch in Frankreich Rassisten, aber es ist deshalb noch kein fremdenfeindliches Land. Es gibt keine rassistische Gesetzgebung, im Gegenteil: Hier ist Rassismus strafbar.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist Rassismus in Frankreich ein großes Thema. Sie kennen aus ihrer eigenen Kindheit, die Sie in "Der Araber von Morgen" beschreiben, die Erfahrung, zwischen zwei Kulturen zu stecken. Gibt es denn den "Clash of Cultures" wirklich?

Riad Sattouf: "Der Araber von morgen"
Riad Sattouf/ Knaus

Riad Sattouf: "Der Araber von morgen"

Sattouf: Darüber kann ich nicht so generell sprechen, weil ich nicht verallgemeinern möchte. Ich glaube aber, dass es viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen diesen Kulturen gibt. Ich denke deshalb nicht, dass der Kampf der Kulturen existiert. Ich glaube vielmehr, dass die wirklichen Konflikte zwischen sozialen Schichten bestehen und in den immensen Unterschieden im Reichtum begründet sind.

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Riad Sattouf:
Der Araber von morgen

Band 1: Eine Kindheit im Nahen Osten (1978-1984)

Aus dem Französischen von Andreas Platthaus

Albrecht Knaus Verlag; 160 Seiten; 19,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Das Projekt der Tagebücher ist auf zehn Jahre angelegt. Wie wird wohl Esthers Welt aussehen, wenn sie 20 ist?

Sattouf: Ich habe keine Ahnung, wie ich das beantworten soll. Das ist unmöglich. Aber ich freue mich schon sehr darauf, es dann rückblickend zu entdecken, wenn ich die Bücher in zehn Jahren noch einmal lese.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn etwas, dass Sie aus Ihren Gesprächen mit Esther für Ihr eigenes Leben mitnehmen oder anwenden?

Sattouf: Ja, ganz ohne Frage: Probiere immer, das Positive in allen Dingen zu sehen. Und trotz allen Gründen, die dagegen sprechen mögen: Bleib ein Optimist.

insgesamt 32 Beiträge
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winterwoods 21.04.2017
1. Es ist leider kein Geheimnis mehr...
Es ist leider kein Geheimnis mehr, dass der russische Geheimdienst seit einigen Jahren mit zahlreichen Aktionen intensiv versucht, Deutschland sowie die Kernländer Europas in sich zu spalten. Aber möchten wir uns beschweren? Der Westen hat dieses Vorgehen leider geradezu erfunden. Jetzt sind wir auf einmal selbst das Ziel - und sehen, wie schnell ein Land durch so etwas destabilisiert und eine Teilung in verschiedene Lager begünstigt und forciert werden kann. Auch die inoffizielle Unterstützung der AfD und vieler YouTube-Hetz-Kanäle sei hier erwähnt...
joG 21.04.2017
2. Mich ängstigt, dass....
....so viele unkritisch die Propaganda und offensichtluche Unwahrheiten der EU und Euro Lobbyisten akzeptieren. Es ist schrecklich zu sehen, dass die Politiker ihr größtes und teuerstes Projekt seit dem Krieg nicht genügend überzeugend begründen konnten um die Bevölkerung in freier und fairer Abstimmung vom Austritt abzuhalten. Das erinnert an die Erfahrung in Holland oder Frankreich als die Bevölkerungen die Eu ablehnten.
syracusa 21.04.2017
3. traditionelle Neigung zum starken Staat
Frankreich hat eine traditionelle Neigung zum starken Staat. Das äußert sich bei der Linken durch eine Neigung, sich vom Staat alimentieren zu lassen,. bei der Rechten durch eine Neigung zum Nationalismus, bei den Konservativen durch eine Neigung zu katholisch-bürgerlichen Werten. Die Grande-Nation wollen alle, und dafür sind viele auch bereit, buchstäblich über Leichen zu gehen. Noch ist das koloniale Erbe Frankreichs nicht sauber aufgearbeitet, und noch ist die gesellschaftliche Hierarchie durch ein ausgeprägtes Elitenbewusstsein geprägt. Erinnert sich noch jemand daran, dass Mitterand ein Greenpeace-Schiff durch ein Bombenattentat versenken ließ und dabei einen Menschen ermordete? Diese dier ganze französische Gesellschaft durchziehende Haltung widerspricht eigentlich den Werten des Linksliberalismus, denn der starke Staat zeichnet sich immer dadurch aus, Freiheiten und Minderheitenrechte zu unterdrücken.
Mister Stone 21.04.2017
4.
Niemand hat "Hass auf Europa". Wie könnte man einen Kontinent hassen? Es ist perfide und postfaktisch, das verhasste elitäre Bürokratiemosnter "EU" immer wieder mit "Europa" gleichzusetzen. Lasst die Menschen Europas darüber abstimmen, ob sie dieses multimilliardenschluckende wirtschafthörige Monstrum haben wollen oder nicht. Aber hört auf mit den merkelschen Floskeln "Wenn der Euro scheitert, dann scheitert Europa".
Sandlöscher 21.04.2017
5. Lustig
für die Krise der EU ist also auch Russland verantwortlich. Liegt nicht an der Bürokratie, am Wasserkopf mit 50.000 Beamten, mangelnder Demokratie und Unregierbarkeit, weil 27 Staaten eben nicht gleiche Interessem haben. Vom Euro-Desaster müssen wir nicht sprechen. Auch CETA & TTiP sollten ja gegen dem Willen der Bevölkerung durchgeboxt werden. Die Kanadische Aussenministerin hat aauch zugegeben, dass sie auf die Tränendrüse gedrückt hat, um die Unterschrift der EU zu erhalten.?was unsere amerikanischen Freunde von der EU halten istbspätestens seit dem UkraineDesaster bekannt (f.ck the EU). Russland hat wahrscheinlich auch die Briten in den Brexit getrieben., gell? Man könnte meinen, man hört Angelika Unterlauf aus der aktuellen Kamera zu, um den Gegner jede Schoffeligkeit zu unterstellen. Bevor hier gleich wieder haufenweise sog. Verteidiger der Demokratie posten: bin kein Putin-Fan und werde auch nicht aus Russland entlohnt (wird ja gleich reflexartig behauptet, wenn man zu bestimmten Sachverhalten eine andere Meinung hat. Den Autoren würde ich raten, den Begriff "Islamophobie" vorsichtiger zu wählen. Den hat nämlich ein ganz übler Islamist names Khomeini salonfähig gemacht. Sein Hass auf die Demokratie sollte bekannt sein.
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