Frankreich Literatur-Legende Gracq gestorben

Julien Gracq war einer der unauffälligsten, aber auch einer der bedeutendsten Schriftsteller Frankreichs. Die höchste literarische Auszeichnung seiner Heimat, den Prix Goncourt, lehnte er einst ab, so sehr hasste er den Literaturbetrieb. Im Alter von 97 Jahren ist Gracq jetzt gestorben.


Paris - "Ich bin kein Autor für die Massen, ich schreibe, wenn ich Lust dazu habe, und zu meinem eigenem Vergnügen. Ich habe keine Geschichten in der Schublade, die verbrauchen zuviel Energie, die Poesie hingegen kennt kein Alter", sagte Julien Gracq einmal. Der ehemalige Pariser Schullehrer, 1910 als Louis Poirier in Saint-Florent-le-Vieil bei Angers geboren, ließ sich nicht gerne vom Literaturbetrieb vereinnahmen. Sein erstes und einziges Theaterstück wurde 1949 von der Kritik gnadenlos verrissen, eine Verletzung, die Gracq nie verwand.

Schriftsteller Gracq (2003): "Kein Autor für die Massen"
AFP

Schriftsteller Gracq (2003): "Kein Autor für die Massen"

Wahrscheinlich war es auch diese Erfahrung, die Gracq dazu bewegte, 1950 in der Zeitschrift "Empédocle" einen kritischen Artikel über die Lage der französischen Literaturszene und das eitle Streben der Autoren nach Preisen und Auszeichnungen zu veröffentlichen. Ein Sturm der Entrüstung folgte dem Pamphlet mit dem Titel "La littérature à l'estomac" ("Die Literatur im Magen"), der sich ein Jahr später wiederholte, als Gracq den wichtigsten Preis, den Prix Goncourt, souverän ablehnte. Er sollte die Auszeichung für seinen Roman "Le Rivage des Syrtes" ("Das Ufer der Syrten") bekommen.

Die Geschichte über die Lethargie einer erschöpften Zivilisation ist gleichzeitig Gracqs bekanntestes Werk. Auf Deutsch erschienen auch der Sammelband "Witterungen II" und "Der große Weg. Tagebuch eines Wanderers" sowie zuletzt der Band "Gespräche". Gracq, wie alle großen französischen Autoren ein strenger Formalist, wurde bekannt für einzigartige Metaphern, eine scharfe Sprache und die dichte Atmosphäre seiner Werke. Sein früher Mentor und Freund André Breton nannte ihn wegen surreal-poetischer Beschreibungen den "letzten Erben des Surrealismus". Auch die deutsche Literatur soll Einfluss auf sein Werk genommen haben, neben der Romantik auch Franz Kafka und insbesondere Ernst Jüngers Roman "Auf den Marmorklippen".

Der Verlag Gallimard ehrte Gracq in den neunziger Jahren mit einer Gesamtausgabe in der aufwendigen Reihe Pléiade, eine für lebende Autoren äußerst seltene Auszeichnung. Eine Art Wiedergutmachung, denn 1938 hatte das renommierte Haus Gracqs ersten Roman "Au château d'Argol" abgelehnt. Gracq ging zu dem Verleger José Corti, dem er bis zuletzt treu blieb. In den letzten Jahren lebte der Absolvent der Eliteschule ENS zurückgezogen und allein in seinem Geburtsort bei Nantes. Anfang der Woche war der greise Autor mit einem Schwächeanfall in ein Krankenhaus gebracht worden.

Julien Gracq starb gestern in Alter von 97 Jahren in Angers, wie Pariser Medien am Sonntag unter Berufung auf Freunde berichteten.

bor/dpa



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