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Französische Literatur: Die Enkel des Marquis de Sade

Von Daniel-Dylan Böhmer

Frankreichs skandalumwitterte neue Autorengeneration hat die Klassik des Undergrounds neu belebt. Nach Michel Houellebecq und Virginie Despentes taucht nun auch am deutschen Horizont ein neuer, dunkler Stern auf: Frédéric Beigbeder.

Raffaela Anderson in der Despentes-Verfilmung "Baise-moi" ("Fick mich"): Angriff auf geile Glotzer
DPA

Raffaela Anderson in der Despentes-Verfilmung "Baise-moi" ("Fick mich"): Angriff auf geile Glotzer

Manche Kunstwerke werden als skandalös und schockierend aufgefasst, auch wenn sie als Beitrag zur literarischen Entwicklung gemeint sind. Im Falle von Virginie Despentes Verfilmung ihres eigenen Erfolgsromans "Baise-moi" ("Fick mich") ist das kein Wunder: Der Streifen bietet Figuren und Kulissen aus der Schnittmenge von "Thelma und Louise" und "Natural Born Killers" und außerdem Sexszenen, wie man sie nur aus Pornos kannte - wenn man sie denn kannte.

Frankreichs neue Autoren fühlen sich in diesem Feld zuhause. Zwar jubelten deutsche Feministinnen im Falle Despentes, hier handele es sich nicht um einen Porno, die Brutalität der Szenen sei vielmehr ein Angriff auf geile Glotzer; in Wahrheit aber sind die Nahaufnahmen verkanteter Genitalien stilistisch minutiöse Porno-Parodien, die das Thema fortführen, auf das man sich an der Spitze der französischen Buch-Charts geeinigt zu haben scheint: Sex als das zentrale Schlachtfeld einer Welt, die vor Gier und Hoffnungslosigkeit ins Trudeln geraten ist. Dieser Sex ist mechanisch, morbide, monströs - und er ist die einzige Hoffnung. Weil er die Folge materialistischer Rationalität ist. Doch mit dieser Sichtweise stehen die neuen Porno-Propheten nicht allein in der Literaturgeschichte.

Schriftstellerin Virginie Despentes: Koks, Grausamkeit und Sexclubs
AP

Schriftstellerin Virginie Despentes: Koks, Grausamkeit und Sexclubs

Virginie Despentes, 31, kann als eine der einflussreichsten Romanschreiberinnen ihrer Generation gelten. Jungautoren wie Christophe Paviot berufen sich auf sie - doch keine ist so radikal wie Despentes selbst. Im jüngsten Roman der Ex-Plattenverkäuferin und bekennenden Porno-Liebhaberin, "Les Jolies Choses" (Deutsch: "Pauline und Claudine", ab 2001), ist Sex der Verlust der Illusion von Unschuld - Ergebnis eines selbstzerstörerischen Angriffs auf die eigene Identität und Resultat der radikalen Marktlogik unserer Zeit.

Die Hauptfiguren, zwei atemberaubend schöne Zwillingsschwestern, die ihre Identitäten tauschen und sich als - singuläre - Popdiva im Musik-Business behaupten wollen, verkaufen zuerst ihre Seelen, dann ihre Körper und können zuletzt nicht mehr fliehen aus einem System, in dem ihr Fleisch eine Ware ist - "Die Frauen haben ein Loch, das funktioniert immer, und sie sind immer da, mit Bäuchen, die sich aufpumpen und ein Baby herstellen können." Der Körper ist die letzte Wahrheit, und seine Begierde macht ihn zum Sklaven des allgemeinen Überlebenskampfes. Die Person wird dabei ausradiert, beide Schwestern sterben ihre Tode zwischen Koks, Grausamkeit und Sexclubs.

Kult-Autor Houellebecq: Zwischen Pamphlet und Prosa
Philippe Matsas / Opale

Kult-Autor Houellebecq: Zwischen Pamphlet und Prosa

Wer sich an apokalyptische Szenarios à la Houellebecq erinnert fühlt, liegt richtig. Dennoch unterscheiden zwei wichtige Statements beide Autoren und ihre Schlachthof-Gemälde: Erstens erscheint die Ökonomie des Sexuellen bei Despentes als Kampf, der von Begierde genauso bestimmt ist, wie von Aggression. Bei Houellebecq dagegen war sie bisher ein träge abwärtstdrehender Strudel der Agonie. Doch mit "Lanzarote" hat der Medien-Liebling sein Universum gewendet: In orgiastischen Phantasien findet dort die Welt zur Seligkeit im Fleisch zurück.

"Les Prospérités du Vice" nannte der Marquis de Sade diesen Zustand zwischen Verdammnis und Erlösung - den Untertitel seines Romans Justine (1791) kann man sowohl mit "Die Freuden des Lasters" als auch mit "Die Blüte des Lasters" übersetzen. Die Orgien, die der revolutionäre Marquis beschrieb, waren Modellversuche mit einem Menschentyp, der von der Logik regiert wird und dessen einzige Wahrheiten Lust und Gewalt sind. Ebenso wie im Jahr 2000 bedeutet ungehemmte Sexualität die Auflehnung des Individuums gegen moralische Dogmen und zugleich sein Verschwinden im Strudel einer grausamen Natur. In den "Elementarteilchen", müsste man nach Houellebecq sagen. Er steht mit Despentes am Ende der Tradition, die de Sade eröffnete, und in der ihm die Dekadenten des Fin de Siècle und später die Surrealisten folgten. Houellebecq und Despentes sind so gesehen literarische Traditionalisten. Doch sie erweitern diesen Horizont mit den Abgründen ihrer Zeit: dem Overkill der Ökonomie.

Ex-Werber Frédéric Beigbeider: Ebenso kalkuliert wie authentisch
AFP

Ex-Werber Frédéric Beigbeider: Ebenso kalkuliert wie authentisch

Hier setzt auch der neueste Shooting-Star Frankreichs an: Frédéric Beigbeder mit seinem Roman "99 Francs", der im Frühling unter dem Titel "39,90 Mark" auf Deutsch erscheint. Der Roman, der wie Houellebecqs Bücher zwischen Pamphlet und Prosa steht, ist eine Abrechung mit der Werbewelt aus erster Hand. In einer Kette bisweilen rasend komischer Anti-Slogans beschreibt der Ex-Texter Marketing als "Dritten Weltkrieg" und paraphrasiert die Logik der Illusionswirtschaft vorzugsweise mit Goebbels-Zitaten. Sexualität ist dabei sowohl Anfang der Gier-Spirale als auch die Leitwährung des käuflichen Menschen. So ruft der Texter im Bordell aus: "Um ein Haus zu bauen, ist es ratsam, einen guten Architekten zu kontaktieren. Wenn man krank wird, möchte man einen kompetenten Mediziner zu Rate ziehen. Warum soll die körperliche Liebe der einzige Bereich sein, in dem man nicht auf Spezialisten zurückgreift? Wir sind alle prostituiert. 95 Prozent der Menschen würden einwilligen zu vögeln, wenn man ihnen 10.000 Francs böte."

Aber bei Beigbeder, der beste Chancen hat, seinen Erfolg in Deutschland fortzusetzen, wird auch die Ambivalenz der Kapitalismus-kritischen Enkel des Marquis de Sade deutlich. Ihre Sittenbilder mögen authentisch sein, sind aber genauestens kalkuliert. Nicht ungeschminkte Wahrheit präsentieren sie, sondern eine gewollte Überhöhung. So wie der Marquis seine Orgien komponierte. So wie Despentes Porno statt Doku zeigt. So wie bei Beigbeder der Preis das wahre Produkt ist. Schließlich erregen Skandal-Schocker mehr Aufmerksamkeit als die Literaturgeschichte. Selbst wenn sie gut gemacht sind.

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