Frauen erobern Comics Jetzt schlagen sie endlich zu

Die Herrschaft der harten Kerle in der Comic-Szene ist beendet. Selbstbewusste weibliche Autoren, Zeichner und Redakteure erfinden originelle Frauenfiguren und erschließen so ein neues Publikum.

Marvel/ Panini

Von


Manche Klischees sind so hartnäckig, sie gehen sogar in Serie: In der TV-Sitcom "The Big Bang Theory" ist es ein wiederkehrender Gag, dass die Blondine Penny verständnislos mit den Augen rollt, wenn ihre nerdigen Nachbarn mal wieder über "Star Trek", "Star Wars" oder Superhelden enthusiasmieren. Den Comic-Laden, den in der Serie ein ebenso schrulliger Typ betreibt, betritt sie, wenn überhaupt, nur unter Zwang. Der Comic-Shop als exklusiver, frauenfreier Ort für ewig pubertierende Geeks, die zwischen den Heften ihren Träumen von Sexgöttinnen und Superkräften nachhängen können - das mag im vergangenen Jahrhundert mal so gewesen sein.

Inzwischen haben sich zumindest in der US-amerikanischen Comic-Szene einige Vorzeichen geändert. Der schon mehrfach totgesagte Markt der Heftreihen erlebt seit einigen Jahren einen Boom und erhält Zulauf durch ein jüngeres und diverseres, verstärkt auch weibliches Publikum, das einerseits durch die erfolgreichen Comic-Verfilmungen im Kino angelockt wird. Ein anderer wichtiger Faktor für das Revival ist jedoch auch die Digitalisierung: Wer heutzutage irgendwo auf der Welt das neue "Spider-Man"-Heft am Tag seines Erscheinens lesen will, der braucht nur einen Internetzugang, eine Kreditkarte und Englischkenntnisse. Erfolgreiche Apps wie Comixology, inzwischen von Amazon gekauft, bieten Mainstream-Comics ebenso wie Alternatives und Abseitigeres als kostenpflichtige digitale Downloads an, gelesen werden die Storys auf dem Handy oder Tablet.

Comic-Bestseller "Saga"
Vaughan & Staples/ Cross Cult

Comic-Bestseller "Saga"

Ein Besuch in der Nerd-Höhle Comic-Shop ist als weiblicher Fan also längst nicht mehr vonnöten, allerdings wird diese vermeintliche Männerdomäne längst von einer wachsenden Zahl junger Frauen unterwandert, die als Comicbuch-Verkäuferinnen arbeiten und sich im Netz als "Valkyrien" solidarisieren. Ihre Helden heißen nicht mehr Captain America, Superman oder Conan. Sie lesen weniger maskulin definierte Heftreihen wie "Saga", "Sex-Criminals", "The Wicked + The Divine", "Bitch Planet" oder "Lazarus" und schwärmen für Superheldinnen wie den zurzeit weiblichen "Thor", den aus Pakistan stammenden New Yorker Teenager "Ms. Marvel", die schwangere "Spider-Woman", ihre junge, hippe Kollegin "Spider-Gwen", die füllige "Faith" oder die durchgeknallte Ex-Freundin von Batman-Erzfeind Joker, Harley Quinn.

Doppelt so viele weibliche Helden

Bereits 2014 gehörten Frauen zwischen 17 und 33 Jahren zu der am schnellsten wachsenden Gruppe von Comic-Lesern. Wie der amerikanische Comic-Historiker Tim Hanley herausfand, hat sich allein in den letzten fünf Jahren die Anzahl der Heftreihen mit führenden weiblichen Charakteren verdoppelt. Die Industrie, dominiert von den drei großen Verlagen Marvel, Image und DC, hat sich längst darauf eingestellt: Soeben kündigte Marvel an, im Herbst mit "Iron Man" einen weiteren ikonischen Heldencharakter durch eine Frau zu ersetzen - und verkündete auf der Comic-Con in San Diego, dass Oscar-Preisträgerin Brie Larson im kommenden Kinofilm die Superheldin "Captain Marvel" spielen wird.

DC bringt mit "Wonder Woman" bereits vorher die älteste Superheldin überhaupt auf die Leinwand und startete unlängst die zugehörige Heftreihe neu. Autor ist erneut Greg Rucka, der sich in Comics wie "Queen & Country", "Stumptown" und "Lazarus" um stark ausformulierte Frauenfiguren verdient gemacht hat und als Feminist gilt. Aber nicht nur in den Comics balanciert sich das Ungleichgewicht der Geschlechter allmählich aus, auch hinter den Kulissen bewegt sich einiges. Immer öfter werden Serien, in denen es um Heldinnen geht, bei DC aktuell "Batgirl" und "Harley Quinn", von weiblichen Kreativen und Redakteuren betreut.

Eine von ihnen ist Sana Amanat, die 2014 zusammen mit der Bestseller-Autorin G. Willow Wilson eine der zurzeit beliebtesten Marvel-Figuren erfand: Kamala Khan alias Ms. Marvel. "Hätten Sie mir vor zehn Jahren erzählt, dass ich einmal mitverantwortlich für die Erschaffung einer Superheldin sein würde, die ein muslimisches Teenager-Mädchen ist, wäre ich wahrscheinlich an meinem eigenen Gelächter erstickt, sagte die 33-Jährige in einem Interview. Innerhalb von zwei Jahren stieg die Redakteurin zur Leiterin jener Abteilung auf, die beim Comic-Giganten Marvel die Entwicklung von Inhalten und Charakteren vorantreibt.

Marvel-Redakteurin Sana Amanat
AP

Marvel-Redakteurin Sana Amanat

Die Beförderung weiblicher Talente und Themen fand jedoch nicht vorrangig bei Marvel oder DC statt, sondern bei ihrem inzwischen wichtigsten unabhängigen Konkurrenten, dem 1992 gegründeten Verlag Image Comics. Dessen Hauptanliegen es damals war, Autoren und Zeichnern die Rechte an ihren Werken zu sichern. Heute gehören viele der sogenannten Creator-owned Comics, die unter dem Image-Label erscheinen, zu den absatzstärksten Reihen auf dem US-Markt. Eine der prominentesten ist der inzwischen multimediale Blockbuster "The Walking Dead" von Image-Vorstandsmitglied Robert Kirkman.

Bei Image haben die Talente nahezu jede Freiheit, auch abseitigere, düstere oder explizitere Geschichten zu erzählen, die sich abseits der Superhelden-Universen an ein erwachseneres, weniger homogenes Publikum richten. So entstanden Serien, die eine konsequent weibliche, wenn nicht gar offen feministische Perspektive einnehmen und die Welt in ihrer ethnischen und sexuellen Diversität abbilden. Autorinnen und Zeichnerinnen wie Gail Simone ("Batgirl", "Red Sonja"), Kelly Sue DeConnick, Marjorie Liu ("Monstress"), Becky Cloonan ("Demo", "The Punisher"), Emma Rios ("Pretty Deadly"), Fiona Staples oder Branchen-Veteranin Amanda Conner ("Power Girl", "Harley Quinn") machten sich mit ihren Indie-Stoffen einen Namen und sind inzwischen als gefragte Fan-Favorites dabei, auch bei den Großverlagen tradierte Geschlechterrollen durcheinanderzuwirbeln.

Zwei Power-Couples gaben entscheidende Impulse

Einige von ihnen sind gut befreundet, andere sogar miteinander verheiratet. Tatsächlich gehören zu den Schlüsselfiguren der aktuellen Comic-Reformation zwei Power-Couples. Das eine besteht aus dem Kanadier Brian K. Vaughan und seiner Frau, der Zeichnerin Fiona Staples, die mit der farbenfrohen Fantasy-Serie "Saga" eine der zurzeit erfolgreichsten Heftreihen schufen: Es geht um ein gemischtrassiges, nicht menschliches Paar - softer Hippie und kecke Soldatin - das mit dem gemeinsamen Baby zwischen die Fronten eines ethnischen Sternenkriegs gerät. Neben allerlei fantastischen Alien-Figuren spielt auch ein schwules Reporterpärchen eine tragende Rolle. Autor Vaughan wurde damit bekannt, dass er die männliche Spezies schon einmal komplett ausrottete - bis auf einen einzigen verzagten Vertreter. Sein Comic-Roman "Y - The Last Man" ist ein moderner Klassiker des Genres.

Auch Kelly Sue DeConnick und Matt Fraction sind verheiratet, bisher haben sie jedoch noch keinen Comic zusammen gemacht. Beide waren jedoch wichtige Impulsgeber für die Diversifizierung der Szene. Fraction durfte 2012 als erster Marvel-Autor einen harten Helden zerlegen. Unter seiner Regie wurde der "Avengers"-Bogenschütze Clint Barton alias "Hawkeye" zum schluffig-sympathischen Trottel, der sich ohne seine junge Kollegin Kate Bishop noch nicht einmal einen Kaffee selbstständig eingießen konnte. Heute schreibt Fraction zusammen mit Zeichner Chip Zdarsky die hemmungslose Gender-Farce "Sex Criminals" über ein dysfunktionales Pärchen, das mit jedem Orgasmus die Zeit anhalten kann.

Comic-Heldin "Captain Marvel"
Marvel/ Panini

Comic-Heldin "Captain Marvel"

Zeitgleich zu Fractions lässiger "Hawkeye"-Demontage transformierte DeConnick die blonde Heldin "Captain Marvel" vom freizügig gekleideten Sexsymbol zur Frauenpower-Ikone in hochgeschlossener Pilotenuniform. "Captain Marvel ist ein großartiges Beispiel dafür, wie wir einen traditionellen, klassischen Marvel-Charakter derart neu erfunden haben, dass klar wird: Eine Heldin muss nicht unbedingt ihren gesamten Körper zur Schau stellen, um als stark und mächtig wahrgenommen zu werden", sagt Sana Amanat, die für die beiden gleichermaßen bahnbrechenden Titel als Jungredakteurin zuständig war

Dank dieser Pionierarbeit ist die Ära von Comic-Heldinnen, die als großbusige, tief ausgeschnittene Lustobjekte höchstens den sexy Sidekick der Supermacker geben durften, so gut wie vorbei. Selbst Erotikfetische wie Vampirella oder Red Sonja werden aktuell von jungen Autorinnen betreut. Einen der härtesten Pulp-Titel, "Bitch Planet" (offizieller Tumblr), verantwortet wiederum Kelly Sue DeConnick: In einer brutalen, radikalfeministischen Neudeutung des "Women in Prison"-Genres erzählt sie vom Aufstand auf einem Gefängnisplaneten, wo Frauen interniert werden, die sich in der von Männern dominierten Gesellschaft nicht unterordnen wollen.

"Eine Frau in einer von Männern dominierten Industrie zu sein, ist ziemlich beschissen", erklärt die Teilzeit-Dozentin DeConnick ihren Schülerinnen gerne, "aber es ist auch nicht beschissener als generell eine Frau in dieser Welt zu sein. Mein Ratschlag: Seid furchteinflößend!"

So kämpferisch muss es nicht zugehen. Marvel-Frau Sana Amanat reicht es, wenn sich die Perspektive auf Mainstream-Comic-Literatur langsam aber sicher weiter öffnet. "In ein paar Jahren", sagte sie "Vanity Fair", "werden die Leute vergessen haben, dass es einmal hieß: Oh, Comics, das ist nur etwas für Jungs!"

Letztlich, so Amanat, gehe es immer nur darum, universelle Geschichten über die klassische Heldenreise zu erzählen, über Menschen, die danach streben, die beste Version ihrer selbst zu sein. Ob Mann oder Frau, schwarz oder weiß, hetero, schwul oder transgender wie die demnächst beim Kleinverlag Aftershock in Serie gehende Superheldin Chalice, sollte dabei künftig egal sein.



insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DJ Doena 02.08.2016
1.
Tja und kaum kämpft sich Gal Gadot als Wonder Woman auf die große Leinwand (und der Trailer wird sehr gut angenommen, im Gegensatz zu *hust* Ghostbusters), schon kommen die Social Justice Warriors her aus un bemängeln, dass Gal Gadot zu weiß sei und keine "woman of color" (GG ist Israelin) und weil sie in den Israeli Defense Forces gedient hat, ist sie natürlich auch Zionistin und hat persönlich die Palestinenser unterdrückt. https://twitter.com/lukecolbourne/status/757227914899361793 https://twitter.com/doseofprose/status/756987715959349248 https://twitter.com/Lexialex/status/757226997680660480 Wer solche Alliierten hat, braucht keine Feinde!
evalo 02.08.2016
2. US Comics als Pioniere, dass ich nicht lache
Der Autor ist sehr auf amerikanische Comics fixiert. Schon mal etwas von Mangas gehört? Diese haben mich schon vor 20 Jahren animiert, stark und mutig zu sein, etwas überspitzt formuliert. Dort gab es unzählige weibliche Heldinnen...
carinanavis 02.08.2016
3. So verzerrend
Weibliche Comicfiguren als Hauptcharktere gibt es schon seit langer Zeit. Auch solche die "zuschlagen" und andere Waffen einsetzen haben sich spätestens seit den 1960ern etabliert. Darunter sind die amerikanischen Ursprungs Catwoman, Batgirl, Supergirl, ebenso wie solche aus Europa wie Yoko Tsuno oder Barbarella.
DJ Doena 02.08.2016
4.
"Unter seiner Regie wurde der "Avengers"-Bogenschütze Clint Barton alias "Hawkeye" zum schluffig-sympathischen Trottel, der sich ohne seine junge Kollegin Kate Bishop noch nicht einmal einen Kaffee selbständig eingießen konnte." D.h. im Prinzip ist er Chris Hemsworths Charakter aus dem neuen Ghostbusters-Film. Warum ist es notwendig, dass Männer immer komplette Trottel sein müssen, nur um Frauen als stark darzustellen?
DJ Doena 02.08.2016
5.
Zitat von evaloDer Autor ist sehr auf amerikanische Comics fixiert. Schon mal etwas von Mangas gehört? Diese haben mich schon vor 20 Jahren animiert, stark und mutig zu sein, etwas überspitzt formuliert. Dort gab es unzählige weibliche Heldinnen...
Aber seien wir auch mal ehrlich. Das progressivste Frauenbild haben Mangas nun auch nicht gerade.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.