Fred Vargas trifft Edmond Baudoin Der Tod in Paris

Graphic novels standen lange im Schatten des Lustigen Taschenbuchs. Doch jetzt wagen sich auch Belletristikverlage daran. Eines der besten Beispiele ist aus der Zusammenarbeit von Schriftstellerin Fred Vargas mit Zeichner Edmond Baudoin entstanden.

Von Silja Ukena


Dieser Text müsste eigentlich mit zwei Sätzen gleichzeitig beginnen. Der eine hieße: Es gibt ein neues Buch von Fred Vargas. Der andere: Es gibt ein neues Buch von Baudoin. Man könnte nun einfach daraus machen: Ein Buch von Fred Vargas und Baudoin. Aber das trifft die Sache auch nicht. Denn es handelt sich hier um ein einmaliges Experiment. "Das Zeichen des Widders" ist ein Graphic Krimi oder ein Comic noir, es ist vor allem aber die spannende Begegnung zweier großartiger Künstler. Auf der einen Seite Fred Vargas, geboren 1957, Frankreichs erfolgreichste Kriminalschriftstellerin, von der sogar Fans lange nicht wussten, dass es sich um eine Frau handelt; auf der anderen Seite Edmond Baudoin, Jahrgang 1942, Stilikone einer ganzen Generation von Zeichnern, der in den neunziger Jahren als einer der wenigen Europäer für den japanischen Manga-Riesen Kodansha arbeitete.

Die Geschichte, die die beiden erzählen, folgt zunächst den Maßstäben des konventionellen Kriminalromans. Sie beginnt in Paris, an der Place San Michel. Vincent und Grégoire, zwei Jungs mit Moped und Inlineskates, lauern einem alten Mann auf und klauen ihm die Tasche. Dass die Aktion ein Fehler war, zeigt sich wenig später. Denn der Alte hatte zwar 30.000 "Eier" in bar dabei, aber auch Haarbüschel, einen Tierschädel, Splitter von menschlichen Zähnen, Kreditkarten, Ausweise, eine Polizeimarke. Am folgenden Morgen ist Vincent tot, erstochen in seiner Wohnung, am Körper das blutige Mal eines Widderkopfes. Mit den Ermittlungen betraut wird ein für Vargas-Leser alter Bekannter, Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg. Die Spuren ergeben Parallelen zu früheren Fällen. Auch Grégoire, der mit seinem Vater und drei Brüdern in einem verkommenen Pariser Vorort lebt, ist in Gefahr. Aber er will der Sache selbst auf den Grund gehen - und ist plötzlich verschwunden.

Soweit die Handlung. Doch wäre Fred Vargas nicht die Tochter des Surrealisten Philippe Audoin, hätte sie nicht auch diesmal wieder ihre Figuren mittels absurdem Charme und sympathischer Eigenheiten aus der Normalität herausgehoben. Allen voran natürlich Kommissar Adamsberg, der beziehungsunfähige einsame Wolf. Ein schöner Mann, der immer etwas über der Realität zu schweben scheint.

Hier kommt Baudoin ins Spiel, seine Kunst, die sich schon darin zeigt, dass er allein durch die Art und Weise, wie Grégoire den Rucksack trägt, dessen ganzen Charakter ausdrückt. Gleichzeitig verortet Baudoin die Figuren oft nur vage in der stark konturierten Schwarzweißszenerie. Sie scheinen gleichsam durch die Stadt zu schweben oder, wie Grégoire auf seinen Skates, zu gleiten. Ein starker Rhythmus bestimmt die Bilder, der sich auch in den Dialogen wiederfindet. Die Schriftstellerin Julia Schoch hat das sehr gelungen ins Deutsche übertragen. Oft tritt der Zeichner jedoch in den Hintergrund, lässt längeren Textpassagen den Vorrang, und manchmal entstehen bei diesen Übergängen genau jene Lücken, die man als phantasiebegabter Mensch beim Lesen braucht.

"Das Zeichen des Widders" gehört damit zu den gelungenen Beispielen des Graphic-novel-Genres, das im vergangenen Jahr einen unerwarteten Hype erlebt hat und allmählich auch in den Programmen größerer Belletristikverlage auftaucht. Alison Bechdels autobiografischer Roman "Fun Home" etwa, vom "Time Magazine" zum "besten Buch des Jahres" gekürt; oder "Geister" von Thomas von Steinaecker. Bücher wie diese eröffnen eine ästhetisch neuartige Literaturerfahrung, weit entfernt vom Lustigen Taschenbuch. Ziemlich schnell gelesen sind sie dennoch.


Bücher Fred Vargas/Edmond Baudoin: "Das Zeichen des Widders". Aus dem Französischen von Julia Schoch. Aufbau Verlag; Berlin. 224 Seiten; 22,95 Euro; Alison Bechdel: "Fun Home. Eine Familie von Gezeichneten". Aus dem Amerikanischen von Sabine Küchler und Denis Scheck. Verlag Kiepenheuer & Witsch; Köln. 240 Seiten; 19,95 Euro; Thomas von Steinaecker: "Geister". Mit Comics von Daniela Kohl. Frankfurter Verlagsanstalt; Frankfurt am Main. 224 Seiten; 19,80 Euro.



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kunstdirektor 05.01.2009
1.
Obigen Online-Comic, der ab 1. Januar und ab sofort monatlich fortgesetzt wird, empfehle ich allen Liebhabern guter Comic-Literatur. Ebenso natürlich das episch breite Comic-Oeuvre des verstorbenen Zeichners Hugo Pratt mit den Abenteuern seiner Figur Corto Maltese. Und natürlich From Hell vom Duo Alan Moore und Eddie Campbell. Den Comic von Vargas und Baudoin habe ich gelesen. Wirklich klasse.
kunstdirektor 05.01.2009
2. Vergessen, sorry
Mit obigem Online-Comic meinte ich die Seite: www.eriks-deae.de
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