Gefeiertes Krimi-Debüt "Mein Name ist Freedom Oliver, und ich habe meine Tochter getötet"

Ein wüster erster Satz, härtere Flüche als bei Tarantino, viel Action und eine Barfrau im Zeugenschutzprogramm: Jax Millers Krimi noir "Freedom's Child" ist mitreißend und ein bisschen prollig.

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Debütantin Jax Miller: "Achtzehn Jahre sind ne lange Zeit zum Nachdenken"
Christine O'Gorman

Debütantin Jax Miller: "Achtzehn Jahre sind ne lange Zeit zum Nachdenken"


Ein Krimineller auf der Flucht vor der Vergangenheit. Vor einer kaputten Beziehung, der Polizei, den ehemaligen Komplizen. Untergetaucht in irgendeiner öden Kleinstadt in Nirgendwo, USA. Ein Leben ohne Perspektive. Überleben, gerade mal so. Die Folgen früheren Handelns, denen man sich irgendwann eben doch stellen wird. Nicht weil man will. Sondern weil man muss.

Das ist klassisches Noir-Territorium - und die Ausgangssituation von "Freedom's Child", dem bislang bemerkenswertesten Debüt des Krimijahres 2015. Geschrieben hat es Jax Miller, eine 28-jährige New Yorkerin, die in den USA als literarische Sensation gehandelt wird und einen sechsstelligen Vorschuss kassierte. Vielleicht auch wegen dieses ersten Satzes: "Mein Name ist Freedom Oliver, und ich habe meine Tochter getötet." Der Knallstart für eine wüste Geschichte, in der Freedom es mit Bikern und Waffenhändlern, guten und bösen Cops, Junkies und Säufern, zynischen Bundesagenten und religiösen Fanatikern zu tun bekommt.

Schmutz, Regen und Chrystal Meth

Natürlich hat Freedom ihre Tochter nicht getötet - dafür aber ihren Mann, einen gewalttätigen, korrupten Cop. Das ist jetzt 18 Jahre her, und seitdem versteckt sich die Frau, die eigentlich Nessa Delaney heißt. In Painter, Oregon, "einer Kleinstadt voller Schmutz, Regen und Crystal Meth", schenkt sie in einer Bikerbar Bier und Schnaps aus. Und manchmal dreht sie durch und geht einem der Gäste an die Gurgel. Dann kommen zwei Typen vom FBI und reden ihr ins Gewissen. Denn Freedom ist im Zeugenschutzprogramm - ihre Aussage brachte den Bruder ihres Ehemanns hinter Gitter. Jetzt ist Matthew Delaney raus aus dem Knast und auf Rache aus: "Achtzehn Jahre sind ne lange Zeit zum Nachdenken. Zum Sammeln. Zum Träumen. Klar will ich die Fotze tot sehen."

In "Freedom's Child" wird härter geflucht als in den Filmen von Quentin Tarantino, und das liegt nicht zuletzt an Freedom selbst. Sie hat sich das Image der typischen Barfrau zugelegt, immer für einen derben Spruch oder einen Drink zu haben. Eine zynische Fassade, die einen großen Schmerz verdecken soll: Als Freedom untertauchte, durfte sie ihre beiden Kinder nicht mitnehmen.

Seitdem taumelt sie durch ein Dasein, das aus Arbeit, Suff und der Affäre mit einem Typen besteht, dessen IQ so gering wie sein Alter ist, der aber "besser bestückt ist als Jesus Christus". Während ihre Selbstachtung sinkt, steigt das Niveau in ihrem "Selbstmordglas" stetig an: "Bald bring ich mich um. Nicht heute, aber bald. Ich warte noch, bis das Glas bis zum Rand mit meinen Pillen voll ist. Ich schlucke die Dinger nie. Die machen mich noch bekloppter, als ich sowieso schon bin."

Kriegserklärung an eine verkorkste Welt

Zurück ins Leben bringt Freedom erst die Nachricht, dass ihre Tochter Rebekah verschwunden ist - kurzentschlossen schnappt sie sich ein Motorrad und eine Knarre und macht sich auf den Weg nach Kentucky, wo Rebekah bei einer militanten christlichen Sekte lebte: "Ich komme, Rebekah. Ich komme", schreit sie bei 180 Sachen auf dem Highway - es ist die Kriegserklärung an eine verkorkste Welt, an ein verpfuschtes Leben.

Wie ihre Heldin hat auch Jax Miller ihr Leben lange nicht in den Griff bekommen: die Highschool abgebrochen, Alkohol, Drogen, Obdachlosigkeit. Und wie Freedom brauchte auch Miller einen entscheidenden Anstoß, um einen Neustart zu schaffen. In ihrem Fall war es ein Psychologe, der sie zum Schreiben überredete. Er erkannte und förderte Millers enormes Gespür für Sprache, für bittere Ironie und One-Liner, die pointensicher ins Ziel treffen.

Ein Ziel, über das die Handlung manchmal hinausschießt: zu viele Wendungen, zu viele Verwicklungen, zu viel Action. Typisch für einen Debütroman. Und absolut verzeihlich. Denn über weite Strecken ist die Geschichte mitreißend und unterhaltsam, ruppig und voller Schmerz - und ein bisschen prollig. Ein Roman gewordener Bluesrocksong sozusagen. Auch wenn Millers Heldin das nicht so gern hören würde: "Mein Name ist Freedom, und ich freue mich auf den Tag, von dem an ich nie wieder ZZ Top hören muss."

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