Friedenspreis des deutschen Buchhandels Für andere Wahrheiten offen

Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels geht an Aleida und Jan Assmann: Das Forscherpaar zeigt uns, wie elementar unser kulturelles Gedächtnis für unser Selbstbild ist.

Aleida Assmann (l.) und Jan Assmann
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Aleida Assmann (l.) und Jan Assmann

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Unheimlich, anders kann man die zufällige Gleichzeitigkeit von Preisverleihung, Preisträgern und Zeitgeschehen kaum bezeichnen. Eingerahmt von einer alle Erwartungen übertreffenden Demonstration am Samstag in Berlin, die sich unter dem Titel "Unteilbar" zur Offenheit bekannte und allen Formen von Re-Faschisierung entgegenstellte, und einer Landtagswahl heute, die seit Monaten so viel mehr als eine Landtagswahl zu sein scheint, sondern eine Entscheidung über das Werteverständnis der gesamten Republik.

Und mittendrin der Friedenspreis des deutschen Buchhandels an zwei, deren "zweistimmiges" Schaffen seit Jahrzehnten darauf hinwirkt, uns beizubringen - man muss es so deutlich sagen - wie selbstkritische Erinnerung identitätsstiftend für eine Gesellschaft, eine Nation, eine Wertegemeinschaft sein kann und muss. Wie elementar es ist, die Vergangenheit nicht zu bewältigen, sondern zu bewahren. Nicht abhaken, keinen Schlussstrich ziehen.

Auschwitz nicht als "Moralkeule", wie vor genau 20 Jahren Martin Walser in seiner Rede aus gleichem Anlass am gleichen Ort formulierte, kein "Vogelschiss", nein. Sondern als Richtwert für unsere Identität: Die Verbrechen der Nationalsozialisten, so formulierte Aleida Assmann es einmal, seien als "negativen Maßstab" zu begreifen, "an dem die politische Kultur der BRD zu messen ist".

Kultur und ihre Produkte als Spiegelbild unseres Jetzt

Mit Blick auf die vergangenen Jahre fällt aus dem Rahmen, dass zwei Geisteswissenschaftler, eine Anglistin und ein Ägyptologe, mit diesem Preis geehrt werden, zuletzt waren es vor allem Publizisten, Autoren, Künstler. Doch was Aleida und Jan Assmann nun in der Paulskirche formulierten, zeigt, welch große Inspiration gerade derzeit von ihnen ausgeht: Wie zentral Kultur und ihre Produkte Spiegelbild unseres Jetzt sind. Weil sie uns helfen, besser zu verstehen, wer wir sind - und wer wir, als Gesellschaft, sein könnten. Im Positiven wie im Negativen.

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Vor allem aber inspirieren sie, die gerade mit ihrem 50. Hochzeitstag auch eine Art "Betriebsjubiläum" feierten, wie Jan Assmann anmerkte, weil es ihr konsequentes Selbstverständnis ist, grundsätzlich ein Wanken in alles einzuberechnen. Es seien zwei, die "nirgends die Ruhe der letzten Gewissheit finden", sondern an jedem Ort Ambivalenzen aufstöbern, wie es der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht, ein langjähriger Forscher-Freund der beiden, in der Laudatio sagte.

Sichtbar ist die Assmann'sche Haltung in ihrem fundamental entgrenzten Denken nicht nur in den assoziationsreichen Reden an diesem Sonntag. Es reicht, ein beliebiges ihrer Bücher aufzuschlagen, um zu verstehen: Beide stehen dafür, mit forscher Wissensfreude die Grenzen aufzuheben und Literatur, Archäologie, Philosophie, Geschichte abzuklopfen, um Ansätze für eine gesellschaftspolitische Verantwortlichkeit zu formulieren.

Begierig nach Wissen

Auch wer ihnen begegnet, weiß schnell, wie begierig sie sich öffnen für Wissen aller Richtungen und Inspiration erst einmal grundsätzlich umarmen, egal woher sie kommt. Und das alles unprätentiös, ja "leise", wie Gumbrecht sagte: Sich selbst nicht so wichtig zu nehmen - in ihren Texten, Halbsätzen hier, Anmerkungen dort, anderen Wahrheiten und Argumenten immer offen zu sein, ist bei ihnen auch Plädoyer für eine Weltanschauung.

Dieses Grundprinzip ihres Humanismus demonstrierten sie nun gemeinsam vorne in der Paulskirche, abwechselnd lesend und gelassen an der Wand lehnend, und schlugen eindringlich den Bogen von Kulturanalyse hin zu drängender politischer wie gesellschaftlicher Gegenwart. Bei ihnen gehört dies nahtlos zusammen:

Jan Assmann hob an mit Karl Jaspers Konzept einer "Achsenzeit", der gerade einmal ein Jahr nach Kriegsende kurzerhand den engen Europazentrismus zu einem universellen Kulturgedächtnis öffnete, weil er Laotse, Buddha, Zarathustra, Parmenides, Konfuzius und Homer zu grenzüberschreitenden Zeitgenossen erklärte, die gemeinsam eine neue Ära stifteten. Europa galt, Skandal!, somit "nur noch als lokale Ausprägung", schreibt Jan Assmann auch in seinem frisch erschienenen Buch.

Jan Assmann (l.), Frau Aleida und der Geschäftsführer der Osianderschen Buchhandlung Heinrich Riethmüller (r.)
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Jan Assmann (l.), Frau Aleida und der Geschäftsführer der Osianderschen Buchhandlung Heinrich Riethmüller (r.)

Dazu kam Aleida Assmanns geradezu verblüffte Empörung, dass die vielen gleichberechtigten Schichten von jüdischer, christlicher, islamischer Geschichte der Altstadt von Hebron derzeit wie weggewischt wirken: Weil im Antrag der Stadt auf Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe die christlichen und jüdischen Zeiten ignoriert wurden. Und Israel und die USA daraufhin beschlossen, aus der Weltkulturorganisation auszutreten. Dabei sei es der offensichtlichste, friedensstiftende Schritt, ein "gemeinsames Erbe" anzuerkennen, so Aleida Assmann.

Keinen "ausschließlichen Anspruch auf Wahrheit", die eigene Position nicht absolut setzen, anderen Wahrheiten gegenüber offen: Diese permanente Selbsthinterfragung, zu der einen das Beschauen, Lesen, Analysieren von Kultur notwendigerweise treibt, ist untrennbar verbunden mit Solidarität: "Integration erfordert eine inklusive Solidarität auch mit Menschen, die anders sind als wir selbst, mit denen wir aber eine gemeinsame Zukunft aufbauen wollen." Das Preisgeld stiften sie somit auch ganz konsequent an drei Organisationen, die Geflüchtete unterstützen.

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Identität entstehe nicht durch Leugnen, Ignorieren oder Vergessen, sondern brauche ein Erinnern, das Zurechnungsfähigkeit und Verantwortung ermöglicht und einen Wandel der Werte und des nationalen Selbstbildes stützt. Nun, da wir merken, dass Werte zur Disposition stehen, die uns als "negativer Maßstab" für unser Selbstbild galten und dafür demonstriert werden muss, dass bestimmte Werte und Rechte "unteilbar" sind, gilt das Wort der Assmanns als Aufforderung: Die Arbeit am kulturellen Gedächtnis sei "unablässig". Machen wir also weiter. Transeuropäisch, Ambivalenzen aushaltend. Es ist zu schaffen, so ihr Tonfall. Mit optimistischer Verve.


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Alexis_Saint-Craque 15.10.2018
1. Tja
Vielleicht wird allen Nicht-Geisteswissenschaftlern durch dieses Paar einmal deutlich, welche essentielle Bedeutung die Geisteswissenschaften für uns und unsere Gesellschaften haben. Was haben uns denn ein Ägyptologe und eine Anglistin schon zu sagen? Alles!
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