Borries-Roman "RLF": Per Kapitalismus zur Revolution

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Revolutions-Roman "RLF": Kapitaler Ertrag Fotos
Jens-Uwe Fischer/Suhrkamp Verlag

Was ist real? Und was ist Fiktion? Der Romanautor Friedrich von Borries wirbelt die Kategorien durcheinander. Aus Sex and Crime macht er Konzeptkunst - und startet einen verrückten Versuch, den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.

Beobachtet uns jemand, wenn wir im Büro sind? Oder im Restaurant? Oder auf der Toilette? Jemand, der nicht mit uns in einem Gebäude ist? Der eventuell Hunderte Kilometer weit entfernt sitzt? Wer weiß. Nur weil man Paranoiker ist, heißt das nicht, dass man nicht verfolgt wird.

Der Scherz ist alt, aber seit der NSA-Affäre ist er aktueller denn je. Auch Friedrich von Borries, 39, erzählt ihn. Der Architekt und Designtheoretiker, Professor an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, hat jahrelang die Kamera seines MacBooks abgeklebt. Auf dem Aufkleber stand: "Ist das System relevant?" Man konnte die beiden letzten Worte als zwei getrennte Worte lesen, aber auch als ein Wort.

Irgendwann ist Borries zu dem Schluss gekommen, dass das, was er auf dem MacBook macht, noch nicht so systemrelevant ist, dass man ihn beobachtet. "Ich vermute, ich bin noch nicht ganz so wichtig." Heute nutzt er nicht einmal eine Verschlüsselungstechnik beim Mailen, auch nicht nach all den NSA-Erkenntnissen. "Meine Verschlüsselungstechnik ist die Fiktionalisierung. Jeder glaubt ja, dass RLF nur Konzeptkunst ist."

Ein Handy überwacht die Hauptfigur

RLF, das ist der Titel eines Unternehmens, das Borries leitet. Und eines Romans, den er geschrieben hat. Wobei Borries nicht von einem Roman spricht, sondern von einem Bericht. Da fängt die Verschlüsselung schon an. "Dieser Bericht beruht auf Angaben und Unterlagen, die Mikael Mikael mir zur Verfügung gestellt hat", schreibt Borries im Vorwort. Er behauptet, dass der Künstler Mikael Mikael, der die Hauptfigur seines ersten Romans "1WTC" war, ihm das iPhone des Werbers Jan übergeben habe. Auf diesem iPhone sei eine Spyware installiert gewesen, über die Jans Leben lückenlos überwacht worden sei. Viele Daten seien auf dem Gerät abgespeichert: Bilder, Videos und mitgeschnittene Telefonate, Listen von Jogging-Strecken, bestellten Büchern, abgerufenen Websites.

Borries erzählt also eine Geschichte, die sich laut seinen Angaben in der Realität so zugetragen hat: Jan, Kreativdirektor einer Hamburger Werbeagentur, präsentiert einer Sportartikelfirma in London seine Ideen für eine neue Kampagne. Am Rande der Präsentation gerät er in die London Riots. Er trifft eine Aktivistin, die ihn verführt. Zum spontanen Sex im Park. Aber auch zu spontaner Gewalt: Jan wirft Steine auf ein Kaufhaus. Danach ist nichts mehr wie davor: Sein heiles Hamburger Vorstadtleben mit Yoga-Ehefrau und zwei Kindern und Golden Retriever erscheint Jan plötzlich leer und langweilig. Aus dem Werber wird ein Widerstandskämpfer. Oder genauer: Aus dem systemtreuen Werber wird ein subversiver Werber. Ein Polit-Aktivist, der Werbestrategien in den Dienst des Widerstands stellt.

Gemeinsam mit der Aktivistin Slavia und dem Künstler Mikael Mikael gründet Jan das Lifestyle-Unternehmen RLF, benannt nach dem berühmten Aphorismus aus Theodor W. Adornos "Minima Moralia": "Es gibt kein richtiges Leben im falschen". Dabei versucht RLF genau das: ein richtiges Leben im falschen zu etablieren - und so das falsche Leben von innen zu zerstören. Der Kapitalismus soll mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden.

RLF verwandelt den Wunsch nach Widerstand in Konsum. Es verkauft ein Lebensgefühl, vermittelt über Design- und Konsumklassiker, die der Künstler Mikael Mikael einem schwarz-weiß-goldenen Re-Design unterzogen hat. Appropriation Art nennt sich das in der Kunst; der Akt des Kopierens ist zentraler Teil des Konzepts.

Zu kaufen gibt es bei RLF zum Beispiel den Esszimmertisch Tavolo von Enzo Mari, verteuert mit vergoldeten Nagelschäften; das Regal FNP von Axel Kufus, aufgewertet mit vergoldeten Stiften; das Teeservice Urbino von KPM, lasiert mit einem schwarz-weißen Strudel; das Sofa Cape von Konstantin Grcic, bestickt mit Goldfäden und bedruckt mit dem Satz "Show you are not afraid"; den Couchtisch Lack von Ikea, verkleidet mit Blattgold und ebenfalls bedruckt mit "Show you are not afraid". Der Gedanke: Wer die absurd teuren Produkte kauft, kann sich als Teil einer exklusiven Widerstandsbewegung fühlen. Distinktion deluxe.

"Werde Shareholder der Revolution", heißt der Werbespruch von RLF. Was zunächst absurder klingt als es ist: Der Erlös aus dem Verkauf der RLF-Produkte fließt in den Aufbau einer Mikronation, einer autonomen Zone der Freiheit, in der das richtige Leben im falschen erprobt werden kann. Ein Nukleus der künftigen Weltrevolution.

Ein Revolutions-Regal für 18.000 Euro

Das Buch liest sich rasant, große Literatur aber steckt nicht in ihm, weder sprachlich noch gedanklich. Zu klischeehaft sind die Figuren, zu platt ist der Sex-and-Crime-Plot. Doch was heißt das? Borries erhebt nicht den Anspruch, große Literatur zu schreiben. Er erhebt den Anspruch, eine wahre Geschichte zu protokollieren.

Im Buch druckt er zum Beispiel kursiv gesetzte Transkripte von Kurzinterviews ab, die der Werber Jan angeblich zur Recherche geführt hat: "Braucht eine Revolution gutes Marketing?", fragt er Oliviero Toscani, den Fotografen der berüchtigten Benetton-Kampagne, die Fotos von Aidskranken zeigte und zerfetzte Körper aus dem Jugoslawien-Krieg. "Gibt es einen Weg in eine bessere Zukunft? Und welche Rolle spielt die Kunst dabei", will er von Stéphane Hessel wissen, dem ehemaligen Résistance-Kämpfer und Autor des Bestsellers "Empört Euch!". Und bei dem Sozialpsychologen Harald Welzer erkundigt er sich: "Was ist heute Subversion?" Der Clou: Die Interviews sind nicht ausgedacht, sie wurden wirklich geführt und mit der Kamera eines iPhones wacklig abgefilmt. Hier lassen sie sich anschauen.

Interview mit dem Fotografen Oliviero Toscani

Friedrich von Borries

Interview mit dem Bestseller-Autor Stéphane Hessel

Friedrich von Borries

Interview mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer

Friedrich von Borries

Mit der Geschichte, die er erzählt, will Borries über das Buch, in dem er sie erzählt, weit hinaus wirken. So existiert auch das Unternehmen RLF wirklich, und Borries selbst firmiert als dessen aktueller Geschäftsführer. Die Produkte aus dem Buch lassen sich in der Realität kaufen: Der Tisch Tavolo (Auflage 10 Stück) kostet 1800 Euro, das Teeservice Urbino (Auflage 15 Stück) 6000 Euro, der Tisch Lack (Auflage 20 Stück) ebenfalls jeweils 6000 Euro, das Sofa Cape (Auflage 5 Stück) 12.000 Euro, das Regal FNP (Auflage 10 Stück) gar 18.000 Euro. Der Vertrieb der meisten Produkte läuft über die Website www.rlf-propaganda.com, ab Oktober zudem über den Berliner Conceptstore von Andreas Murkudis. Zudem gibt es einen Overall, der als Einzelstück höchstbietend versteigert wird, und einen Turnschuh, den man nicht mit Geld erwerben kann, sondern den man sich mit politischem Protest verdienen muss.

RLF ist also mehr als ein Buch. RLF ist Konzeptkunst, und vielleicht sogar mehr als das. Selbst wenn die Geschichte, die Borries erzählt, nicht stimmt, und das tut sie natürlich nicht, so ist RLF doch ein reales Unternehmen mit realen Produkten. Die Abkürzung RLF lässt sich daher auch anders lesen als beabsichtigt: Sie steht für "Das richtige Leben im falschen", sie könnte aber ebenso gut für Real Life Fiction stehen. Für die Fiktionalisierung der Realität. Oder die Realisierung einer Fiktion. Je nachdem.

Die Kritik, seine Figuren seien zu platt, musste Borries sich schon bei seinem ersten Roman "1WTC" anhören. Und schon damals lief diese Kritik ins Leere: Die Figuren seien nicht schlecht ausgedacht, sagte er, sie seien gar nicht ausgedacht. Borries blieb bei Interviews, Lesungen und Podiumsdiskussionen konsequent in seiner Rolle, ließ nie ab von seiner Position, dass er eine wahre Geschichte protokolliert habe. Zum Beweis, dass seine damalige Hauptfigur Mikael Mikael wirklich existiere, ließ er sogar Werke von Mikael Mikael in Ausstellungen hängen.

Der Verlag schrieb damals "Roman" auf das Buchcover von "1WTC", Borries selbst schrieb in die Vorbemerkung des Buches "Bericht". Die treffendere Genrebezeichnung hatte ein Freund von Borries: Sein Buch sei ein "Doku-Science-Fiction-Art-Porno", schrieb er ihm.

Ein Doku-Science-Fiction-Art-Porno, das ist auch "RLF".


Friedrich von Borries: "RLF". Suhrkamp; 252 Seiten; 13,99 Euro.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Feier dich selbst
docker 19.08.2013
Zitat von sysopJens-Uwe Fischer/Suhrkamp VerlagWas ist real? Und was ist Fiktion? Der Romanautor Friedrich von Borries wirbelt die Kategorien durcheinander. Aus Sex and Crime macht er Konzeptkunst - und startet einen verrückten Versuch, den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/friedrich-von-borries-revolutions-roman-rlf-a-916980.html
Einmal in den richtigen Sessel gesetzt und schon kannst du jeden nonsense vermarkten. Tres chic !
2. Religion?
A.Hello 19.08.2013
Buch, Moral, Rituale - Heilslehre bei gleichzeitiger Selbstkasteiung. Das könnte der Auftakt einer neuen Religion werden.
3.
vox veritas 19.08.2013
Zitat von sysopJens-Uwe Fischer/Suhrkamp VerlagWas ist real? Und was ist Fiktion? Der Romanautor Friedrich von Borries wirbelt die Kategorien durcheinander. Aus Sex and Crime macht er Konzeptkunst - und startet einen verrückten Versuch, den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/friedrich-von-borries-revolutions-roman-rlf-a-916980.html
Was für ein Quatsch aus Langeweile entsteht. Das ist schon phänomenal!
4. Leider genau andersrum
jenom 19.08.2013
Anstatt irgendetwas "revolutionäres" in den Kapitalismus einzugeben, verkommen hier offensichtlich systemkritische Gedanken zu Mode und Konsum. Mehr würde aber auch niemals gehyped werden, zu groß ist die (irrationale) Angst irgendwo eine imaginäre Linie zu übertreten. Lustig ist, dass genau an dieser Furcht vor der Veränderung Systeme scheitern (s. DDR). Wenn sich diejenigen durchsetzen, die alles verhindern, gibt es keinen Wandel mehr, ohne den alles Lebende zwangsläufig zugrunde geht. Ein gesundes System erkennt (echte) Systemkritik (zur Verbesserung) als lebensnotwendige, unbedingt förderungswürdige Grundlage. Das erfordert aber ein gewisses Maß an Intellekt, der durch konsequente kulturelle Klüngel-Inzucht immer weiter ausstirbt, bis alle geistigen Böden unfruchtbar sind. Der Klüngel rottet sich (und die Gemeinschaft) durch Abschirmung vor wirklich neuen Gedanken selbst aus - was er aber gar nicht merkt.
5.
xxbigj 19.08.2013
"und startet einen verrückten Versuch, den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen." Der Richtige Weg!!! Habe den Ansatz verstanden aber nicht wie er es erreichen will!! Es geht ja nicht um einen politischen Wechsel sondern um einen Menschlichen!
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