Zum Tode von Fritz J. Raddatz Er war das Feuilleton

Wenn er schrieb, umwehte ihn der Weltgeist: Im deutschen Kulturbetrieb war Fritz J. Raddatz eine Ausnahmeerscheinung. Jetzt ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

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Ein Nachruf von


Die Silvesternacht des Jahres 1983 verbrachte Fritz J. Raddatz in Portugal. Reichlich angetrunken stellte er irgendwann im Lauf des Abends den Gastgeber zur Rede: "Setz dich auf deinen Arsch und schreib wieder ein Buch statt deinen Namen unter tausend Manifeste."

Es war Günter Grass, der seit seinem Roman "Der Butt" nichts Größeres mehr veröffentlicht hatte, den Raddatz da anschnauzte. Dessen endgültige Antwort, so beschreibt er es in seinen Memoiren, sei erst am nächsten Morgen erfolgt: "Na, du hast es mir ja tüchtig gegeben." Grass habe ein Blatt Papier vorgezeigt: Es war die erste Seite eines neuen Buches.

Darunter hat Fritz J. Raddatz es nicht gemacht. Wo er war, da war auch der Weltgeist. Oder zumindest ein späterer Literaturnobelpreisträger. Grass, so schreibt er, habe ihm so zwar so manche Inspiration und manchen Auftrag verdankt - aber keineswegs gedankt. "Wenn er demnächst einen Band zusammenstellt, ist es ein Buch von Grass, die 'Zeit' wird knapp im Copyright auftauchen, ich gar nicht. Ich bin das Trampolin für alle und alles", beklagte er sich, Kursivsetzung inklusive.

Raddatz mag ein übergroßes Talent zum Drama, zur Egozentrik und zur Larmoyanz gehabt haben. Eines war er sicher nicht: "Das Trampolin für alle und alles" - vielmehr war er der begabteste aller Turner auf diesem Trampolin, dem Kulturbetrieb der alten Bundesrepublik. So, wie Marcel Reich-Ranicki die Literaturkritik verkörperte, verkörperte er das Feuilleton. Und das ist in seiner schillernden Größe bekanntlich mehr als ein schnöder Kulturteil.

Indiskretion in eigener Sache

Im egalitären, bieder-linksliberalen Kulturbetrieb der Jahrzehnte vor dem Mauerfall war Raddatz die glamouröseste aller Erscheinungen: Er, der mit der Multimillionärin Gabriele Henkel gut befreundet war, der als Journalist darauf Wert legte, nicht mit Redakteuren, sondern nur mit Herausgebern zu verkehren, der Champagner liebte und den großen Auftritt. Ein "rigoroses Temperament" bescheinigte er sich selbst.

Geboren wurde Raddatz 1931 in Berlin. Über seine Mutter, die kurz nach seiner Geburt starb, schrieb er: "Sie war Pariserin, aus reichem Hause, man erzählte mir später von Schönheit, Eleganz, Reitpferden und luxuriösen Reisen." Die einzige Erinnerung, die er mit ihr verbinde, sei die an den Moment, als er als Acht- oder Neunjähriger in eines ihrer Abendkleider geschlüpft sei: Aus Goldlamé mit endloser lachsfarbener Schleppe. Dazu spitze, hochhackige, mit Strass verzierte Samtpumps.

Raddatz, der in seinen Erinnerungen auch davon berichtete, sein Vater, ein Offizier, habe ihn zum Geschlechtsverkehr mit seiner Stiefmutter gezwungen, lebte die Indiskretion in eigener und in fremder Sache offensiv. Und ebenso offen war er schwul, als Homosexualität noch geleugnet oder zumindest verdrängt wurde.

Die DDR, in der er nach dem Zweiten Weltkrieg einen "rasanten Start" als leitender Lektor beim Verlag Volk und Welt hatte, verließ er 1958, in einer, wie er es schilderte, filmreifen Szene: Während die Stasi ihn vor dem Verlagsgebäude festnehmen wollte, entwischte er quasi durch die Hintertür - und fuhr mit der U-Bahn nach West-Berlin. "Ich war siebenundzwanzig Jahre alt. Ich besaß 1 Anzug, 1 Paar Schuhe, 1 Wintermantel mit breitem Gürtel und großer Hornschnalle, 2 Hemden und 300 Westmark. Einen Beruf hatte ich, eine Aussicht, ihn auszuüben, besaß ich nicht. Gott Zufall regelte das."

Lächerlicher Skandal

Ab 1960 war Raddatz in Hamburg stellvertretender Leiter von Rowohlt. Der Verlag stand damals im Zenit seiner Bedeutung, war neben Suhrkamp die bedeutende Adresse für junge Gegenwartsliteratur.

Raddatz entdeckte und förderte einen der großen literarischen Jungstars der Sechziger, den Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte. Er inszenierte die Wiederentdeckung von Kurt Tucholsky, dessen Gesamtausgabe er vorantrieb und die sich dann in jedem besseren bundesdeutschen Bücherregal fand. Die roten rororo-Aktuell-Taschenbücher prägten das gesellschaftliche Klima der 68er-Jahre.

Zum viel zitierten "Fritz-Jott" aber, einer intellektuellen Berühmtheit, wurde Raddatz endgültig erst im Jahr 1977. Damals übernahm er das Feuilleton der "Zeit" - und wenn sich Raddatz im Lauf der Jahre auch der Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff oder dem Gründer Gerd Bucerius in tiefer Abneigung verbunden fühlte, so würdigte ihn das Wochenblatt anlässlich des 50. "Zeit"-Jubiläums doch mit einer Kette von Superlativen: Von den Feuilletonchefs des Hauses sei er "der anregendste, neugierigste, temperamentvollste und eloquenteste" gewesen.

Raddatz stieß große Debatten an, so zur NS-Verwicklung deutscher Schriftsteller, beschäftigte namhafte Gastautoren wie Enzensberger oder Habermas - und verlor seinen Posten 1985 in einem Skandal, der trotz seiner eigentlichen Lächerlichkeit die intellektuelle Bundesrepublik elektrisierte.

Auf Satire hereingefallen

In einem Leitartikel zur Buchmesse hatte Raddatz Goethe zitiert, der vom Frankfurter Bahnhof geschrieben habe. Er war auf eine Satire hereingefallen. Das Eisenbahnzeitalter hatte in Deutschland zu Goethes Lebzeiten noch gar nicht begonnen.

"Zeit"-Feuilletonchef war er nun nicht mehr, sein eigener Markenartikel, "Fritz-Jott" Raddatz aber blieb er, veröffentlichte Biografien zu Heinrich Heine oder Karl Marx, verfasste selbst einen Roman, "Der Wolkentrinker." 2003 erschienen seine Erinnerungen "Unruhestifter" - auch wegen ihrer ungewöhnlichen Offenheit ein Ereignis. Im Jahr 2010 folgte der Auswahlband mit Raddatz' Tagebüchern, zusammengefügt zu einer Art Roman des eigenen Lebens und der intellektuellen Gesellschaft der Bundesrepublik, den man, wie Rainald Goetz schrieb, "wie im Rausch" lesen konnte.

Am 3. September 2001 findet sich darin folgender Eintrag, verfasst in Kampen auf Sylt: "70. Geburtstag. Grabstein gekauft."

Im September 2014 erklärte er seinen Abschied vom Journalismus. Jetzt ist er in der Schweiz gestorben - einen Tag vor dem Erscheinen seines letzten Buchs.

Er wurde 83 Jahre alt.



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