Literaturkritiker Fritz J. Raddatz ist tot

Er war eine der wichtigsten Figuren des deutschen Feuilletons: Jetzt ist Fritz J. Raddatz gestorben. Er wurde 83 Jahre alt.

DPA

Hamburg - Fritz J. Raddatz ist tot. Das bestätigte der Rowohlt Verlag SPIEGEL ONLINE. Geboren 1931 in Berlin, arbeitete er von 1960 bis 1969 als stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlags. Von 1977 bis 1985 war er Feuilletonchef der "Zeit".

Raddatz war der Sohn eines UFA-Direktors. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Amerikanistik an der Humboldt-Universität machte er 1953 sein Staatsexamen und promovierte 1954. Anschließend war er bis 1958 Leiter der Auslandsabteilung beim DDR-Staatsverlag "Volk und Welt". Nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik ging er zunächst zum Kindler-Verlag nach München.

Zu einer der wichtigsten Figuren der deutschen Verlagsbranche stieg er dann nach seinem Wechsel zu Rowohlt auf: Dort entdeckte er in den Sechzigerjahren Autoren wie Hubert Fichte, Rolf Hochhuth, Walter Kempowski und Elfriede Jelinek.

Ende 1969 verließ Raddatz nach Differenzen mit dem Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt den Reinbeker Verlag. 1970/71 leitete er zunächst das SPIEGEL-Institut für Projektstudien, das Untersuchungen über gesellschaftliche Entwicklungen durchführte. Raddatz war zudem in der universitären Lehre tätig. 1971 habilitierte er sich an der TU Hannover, später hatte er Gastprofessuren in den USA und Frankreich inne.

Eine maßgebliche Person des kulturellen Feldes war er bereits, als er 1977 zur Wochenzeitung "Die Zeit" kam - als Chef des dortigen Feuilletons erfuhr Raddatz' Schaffen dann aber noch einmal eine Steigerung. Er wurde zu einem der einflussreichsten deutschen Literaturkritiker und zu einem streitbaren Anwalt der Literatur.

1985 beendete Raddatz seine Tätigkeit als Feuilletonchef der "Zeit", nachdem ihm ein Fehler mit einem angeblichen Goethe-Zitat ("Man begann damals das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern") unterlaufen war. Die erste Eisenbahn in Deutschland fuhr erst 1835 - drei Jahre nach Goethes Tod.

Ab 1986 arbeitete Raddatz als freier Kulturkorrespondent der "Zeit". Einen Namen machte er sich auch als Übersetzer, Autor und Herausgeber. Sein Werk umfasst Romane und Erzählungen, Biografien, Essays, theoretische Schriften und Fernsehfilme über literarische und andere kulturelle Themen. Sein Debüt als Erzähler gab er 1984 mit dem autobiografisch inspirierten Buch "Kuhauge". Seinen ersten Roman "Der Wolkentrinker" veröffentlichte Raddatz drei Jahre später. Kontrovers diskutierte Biografien schrieb Raddatz anschließend über Karl Marx und Heinrich Heine. Sein Lebensautor war wohl Kurt Tucholsky, dessen Werke er herausgab, zudem war er Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung.

In seinen späten Jahren gerierte der große Stilist Raddatz sich mit Vorliebe als altmodisches Überbleibsel einer untergegangenen Zeit des Geisteslebens. Seine 2010 und 2014 erschienenen Tagebuchbände riefen ein großes Echo hervor und wurden von einigen als großer Gesellschaftsroman der Bundesrepublik gelesen.

Bereits in dem 2003 erschienen Erinnerungsbuch "Unruhestifter" hatte Raddatz schonungslos über sich und andere geschrieben: über sein Elternhaus, die Züchtigungen durch den Vater, den sexuellen Missbrauch durch die Stiefmutter, die Eigenheiten und Eitelkeiten prominenter Zeitgenossen. Raddatz' letztes Buch "Jahre mit Ledig", ein Erinnerungsband über die Rowohlt-Jahre, erscheint am Freitag.

tha

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