Wiederentdeckung von F. R. Fries: Mehr Swing, als die Stasi erlaubt

Von

Zerrieben zwischen Staatssicherheit, DDR-Kulturbürokratie und Ächtung nach dem Mauerfall: Mit "Der Weg nach Oobliadooh" verfasste Fritz Rudolf Fries eines der Großwerke der Nachkriegsliteratur - und geriet dann gründlich in Vergessenheit. Jetzt erscheint der Roman neu.

Fries-Idol Dizzy Gillespie (l.): "A wonderful princess in the land of Oobliadooh" Zur Großansicht
Corbis

Fries-Idol Dizzy Gillespie (l.): "A wonderful princess in the land of Oobliadooh"

Im Frühjahr 1966 veröffentlichte der Suhrkamp Verlag zwei Debütromane von jungen Schriftstellern: "Die Hornissen" und "Der Weg nach Oobliadooh". Peter Handke, Verfasser der "Hornissen" ist seit Jahrzehnten weltbekannt. Fritz Rudolf Fries, er hat "Der Weg nach Oobliadooh" geschrieben, dagegen so gut wie vergessen. Das könnte sich nun ändern: Die Andere Bibliothek veröffentlicht seinen Roman neu. Es ist die späte Wiederentdeckung eines der ungewöhnlichsten Werke der Nachkriegsliteratur.

Wie das von Handke war Fries' Debüt 1966 ein literarisches Ereignis, groß rezensiert in den Feuilletons von "FAZ" bis zum SPIEGEL. Dass der Verfasser des Romans zudem in der DDR und nicht in der Bundesrepublik lebte, machte das Buch in einer Zeit, in der die Grenze zwischen Ost und West fast undurchlässig war, zum Politikum - und zur vielversprechenden Überraschung: Mit dem sozialistischen Realismus, dem proletarischen "Bitterfelder Weg" hatte dieser Debütant offensichtlich nichts im Sinn. Empfohlen worden war Fries bei Suhrkamp von Uwe Johnson.

In der DDR fand "Der Weg nach Oobliadooh" damals keinen Verlag. Das berüchtigte 11. Plenum des Jahres 1965, bei dem die SED-Oberen mit nicht linientreuem Kulturschaffen, besonders im Film, abrechneten, hatte gerade erst stattgefunden. Dazu kam, dass Fries in seinem Roman über Jazzfans schrieb und der Titel "Der Weg nach Oobliadooh" nicht nur unverständlich wirkte, sondern sich direkt auf einen Dizzy-Gillespie-Song bezog. Jazz aber galt im Arbeiter- und Bauernstaat als "snobistisch".

Fritz Rudolf Fries, damals 31 Jahre alt, verlor seine Stelle bei der ostdeutschen Akademie der Wissenschaften, musste sich und seine Familie mit schlecht bezahlten Übersetzungsaufträgen über Wasser halten - und geriet ins Visier der Staatssicherheit. Gegen ihn wurde ein operativer Vorgang wegen "staatsfeindlicher Hetze" eingeleitet.

"Der Teufelspakt"

Weil sich dieser Verdacht nicht erhärten ließ, beschloss die Stasi in die "Vertrauenssphäre des F." einzudringen - seine schwierige ökonomische Situation, seine marginalisierte Position im Kulturbetrieb der DDR, so kalkulierte man, dürften den Schriftsteller anfällig machen für Drohungen und für Verlockungen gleichermaßen. Zehn Jahre später war es so weit: Für das Visum einer Spanienreise ließ Fries sich 1976 auf einen Deal mit der Staatssicherheit ein. In den Achtzigern dann berichtete er dem MfS als IM Pedro Hagen aus dem internationalen Literaturbetrieb - und geriet ein zweites Mal zwischen die Fronten einer politisch motivierten Auseinandersetzung, bei der es kaum um literarische Qualität, umso mehr aber um moralische Überlegenheit ging.

Anders als 1966 allerdings saßen die, die über Fries urteilten, nicht in Ost-Berlin, sondern im Westen: Es war der "Focus", der 1996 unter der scharf formulierten Überschrift "Der Teufelspakt" Fries' Stasi-Zuträgerschaft publik machte. Schnell sah der Autor, der den DDR-Kulturoberen einst als zu undogmatisch gegolten hatte, sich von der medialen Öffentlichkeit des wiedervereinigten Deutschland als Helfershelfer einer Diktatur abgeurteilt.

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen.

Auch wenn ihm keiner seiner Kritiker vorwerfen konnte, in seinen Gesprächen mit dem zuständigen Führungsoffizier jemandem geschadet zu haben, reagierte Fries, anders als beispielsweise Heiner Müller in einem ähnlichen Fall, denkbar ungeschickt: Er schmollte, zog sich aus allen Verbänden und der Akademie der Künste zurück. In einem Jahrzehnt, zu dessen Dauerbrennern die energische, mitunter pauschale Abrechnung mit fast allen Facetten der DDR-Kultur zählte, sah sich Fries schnell abgestempelt - und wurde dann vergessen. Er schreibt weiter, bis heute, doch seine Bücher erschienen seitdem bei Ostalgie-Verlagen am äußeren Rand der medialen Wahrnehmung.

"Verry jut, es hat Swing"

Wer "Der Weg nach Oobliadooh" nun, 46 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung liest, entdeckt ein feuriges, äußerst phantasievolles, liebenswert verstiegenes und manchmal auch gespreizt wirkendes Romankunstwerk, dessen einzige Messlatte die Weltliteratur sein kann: Fries hatte bei den Neuerern des Romans, bei Joyce und Dos Passos, ebenso gelernt wie bei deren lateinamerikanischen Schülern, den magischen Realisten.

Er erzählt die Geschichte der jazzbegeisterten Freunde Arlecq und Paasch, die sich, noch vor dem Mauerbau, aus der Sowjetzone zu einem Count-Basie-Konzert im Berliner Westen aufmachen; überwindet dabei die Sektorengrenzen ebenso lässig wie die engen Definitionen von sozialistischem, bürgerlichem oder avantgardistischem Roman. "Der Weg nach Oobliadooh" wird getragen von einem musikalischen Tonfall, aber auch von einer Lust am Experiment, die in den Erzählwerken der Gegenwart fast zum Erliegen gekommen ist.

In einem Zeitungsartikel über seine persönliche Lieblingsplatte, "Somethin' Else" von Cannonball Adderley, zitierte Fritz Rudolf Fries, der noch immer in der Nähe von Berlin lebt, vor einigen Jahren Alfred Lion, den deutschstämmigen Gründer des berühmten Blue-Note-Labels: "Verry jut, es hat Swing" soll der nach den Sessions zu Adderley gesagt haben.

Wenn es ein Urteil gibt, das auch Fritz Rudolf Fries' freigeistiger, ostdeutscher Romanübertragung von Jazz-Stimmung und -Sound gerecht wird, dann dieses.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Norbert Scheuers "Peehs Liebe", John Lanchesters "Kapital", Edwartd Lewis Wallants "Mr Moonbloom", Ayad Akhtars "Himmelssucher", Clemens J. Setz' "Indigo", J. J. Sullivans "Pulphead" und Stephan Thomes "Fliehkräfte".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Jazz snobistisch, ich lach mich tot,
+LY 01.11.2012
Zitat von sysopImagoZerrieben zwischen Stasi, DDR-Kulturbürokratie und Ächtung nach dem Mauerfall: Mit "Der Weg nach Oobliadooh" verfasste Fritz Rudolf Fries eines der Großwerke der Nachkriegsliteratur - und geriet dann gründlich in Vergessenheit. Jetzt erscheint der Roman neu. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/fritz-rudolf-fries-der-weg-nach-oobliadooh-in-der-anderen-bibliothek-a-864462.html
damals nie sowas gehört, und wenn es bei irgendwem so galt, es wäre uns sowas von egal gewesen. 1961-62, die Jazzwelle rollte bei den Jugendlichen, Manne Krug, Fischi, Uschi, ebenso wie die der stones und der beatles, es war Wahnsinn, riesengroße Fangemeinde, 1966 Armstrong in Erfurt, die Hütte war brechend voll, bedaure heute noch, mir keine Serviette gestibitzt zu haben vom großen Stapel auf dem Klavier, saß nur 4 Meter weg davon... freut mich sehr, daß das Buch von Fries jetzt kommt, und, Bitterfelder Weg oder so, damit hat man nur die Künstler ärgern können, uns, der Jugend wars egal, da hörte doch keiner zu, wenn an der Hochschule zu Studentenversammlungen von Funktionären gewettert wurde, daß es sich Künstler erlaubt hätten, im Theater den Ulbricht zu karikieren, mittels mehrdeutiger Sprüche und Fistelstimme... zugegeben, wer über die Stränge schlug, wie weiland in Leipzig, landete schonmal mit Lederschlips und weißem Hemd, mit spitzen Schuhen, im Braunkohlentagebau, aber über diese gabs mehrheitlich von uns Häme... es war eine herrliche Zeit!
2. Jazz snobistisch, ich lach mich tot, von wem, bei wem?
+LY 01.11.2012
Zitat von sysopImagoZerrieben zwischen Stasi, DDR-Kulturbürokratie und Ächtung nach dem Mauerfall: Mit "Der Weg nach Oobliadooh" verfasste Fritz Rudolf Fries eines der Großwerke der Nachkriegsliteratur - und geriet dann gründlich in Vergessenheit. Jetzt erscheint der Roman neu. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/fritz-rudolf-fries-der-weg-nach-oobliadooh-in-der-anderen-bibliothek-a-864462.html
damals nie sowas gehört, und wenn es bei irgendwem so galt, es wäre uns sowas von egal gewesen. ab 1961-62, die Jazzwelle rollte bei den Jugendlichen, Manne Krug, Fischi, Uschi, ebenso wie die der stones und der beatles, es war Wahnsinn, riesengroße Fangemeinde, 1966 Armstrong in Erfurt, die Hütte war brechend voll, bedaure heute noch, mir keine Serviette gestibitzt zu haben vom großen Stapel auf dem Klavier, saß nur 4 Meter weg davon... freut mich sehr, daß das Buch von Fries jetzt kommt, und, Bitterfelder Weg oder so, damit hat man nur die Künstler ärgern können, uns, der Jugend wars egal, da hörte doch keiner zu, wenn an der Hochschule zu Studentenversammlungen von Funktionären gewettert wurde, daß es sich Künstler erlaubt hätten, im Theater den Ulbricht zu karikieren, mittels mehrdeutiger Sprüche und Fistelstimme... zugegeben, wer über die Stränge schlug, wie weiland in Leipzig, landete schonmal mit Lederschlips und weißem Hemd, mit spitzen Schuhen, im Braunkohlentagebau, aber über diese gabs mehrheitlich von uns Häme... es war eine herrliche Zeit!
3. Schlechte Recherche
smile12 01.11.2012
Autor Hammelehle unterschlägt, dass Werke von Fries, diesem Meister anspielungsreichen Fabulierens, vor ´89 über Jahrzehnte immer wieder und in einer Vielzahl namhafter DDR-Verlage erschienen. Zudem: Nach 1996 sei Fries nur „von Ostalgie-Verlagen am äußeren Rand der medialen Wahrnehmung“ verlegt worden? Soso. Ein Blick auf zvab.com zeigt neben Büchergilde Gutenberg (1990), Piper (90 + 91 + 92), Wagenbach (92), Reclam (93), Aufbau (90 + 95) auch: Kiepenheuer (96 + 99), Suhrkamp (2010). Wie jetzt? Erwähnung hätte zudem finden sollen, dass es Aufbau-Verleger waren, die „ Oobliadooh“ bereits im stürmischen Herbst 1989 herausbrachten – in Ostberlin.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema Literatur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
Buchtipp

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller