Drogenkrimi "Fuck you very much" Koks dealen in Zeiten von Darknet und Bitcoin

"Ich bin ein Businessplan auf zwei Beinen", sagt die Hauptfigur von Aidan Truhens Kriminalroman - in einem Erzählstrom, der an James Joyce und "South Park" zugleich erinnert. Atemberaubend, erschreckend, toll!

So könnte der Koksdealer von heute auch aussehen
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So könnte der Koksdealer von heute auch aussehen


Man hatte es schon fast vergessen, dass Kriminalromane so sein können, dass Literatur so sein kann. So rotzig wie der Punk der Siebziger, so zynisch wie Bret Easton Ellis' "American Psycho", so rasant wie der Don Winslow der Nullerjahre. Und so zeitgemäß, dass einem schwindelig wird.

Da ist es nur konsequent, dass der deutsche Verlag den unscheinbaren - und als Wortspiel mit dem Namen des Protagonisten sowieso nicht sinnvoll zu übersetzenden - Originaltitel "The Price You Pay" in ein grelles "Fuck you very much" gepimpt hat und auf dem Cover ein ausgestreckter Mittelfinger samt Totenschädelring prangt.

Gar nicht erst lange aufzuhalten brauchen wir uns mit der Nacherzählung der Story, die ist in etwa so alt und abgegriffen wie ein Western von vorvorgestern: ein Mann, ein Kopfgeld, eine Bande von Killern, die ihn töten wollen, Gegenwehr, Blutvergießen, Showdown, fertig.

Interessant ist also weniger, was erzählt wird, sondern wie Aidan Truhen (über den Autor weiß man übrigens nichts, Aidan Truhen ist ein Pseudonym) das macht. Wie er uns zu Komplizen seines hochgradig gestörten Helden macht, dessen ununterbrochener Erzählstrom manchmal klingt, als hätte Truhen die ausschweifenden Assoziationsketten eines James Joyce mit dem derben Humor von "South Park" kurzgeschlossen.

Ein Ein-Mann-Drogenkartell

Im permanenten selbstreferenziellen Geplapper von Jack Price bleibt die Außenwelt schemenhaft. Was wir erfahren: Er lebt in New York und verdient sein Geld mit allem, was wach macht. Früher war das Kaffee, heute eben Kokain, immer im großen Stil. Weil das so einfach ist in den Zeiten von Darknet und Bitcoin.

Price ist ein White-Collar-Krimineller, der die fragwürdigen Segnungen der digitalisierten Welt nutzt, um gute Geschäfte - und sich nicht die Hände schmutzig - zu machen. "Die Zukunft ist rosig, und ich bin Amazon. Ich bin das Uber der illegalen Drogen. (…...) Ich liefere per Crowd-Paketlieferdienst: alles Einzelaufträge für Freiberufler mit Null-Stunden-Vertrag. Die Mikrojobber in der Gig Economy. Ein Fünfzehn-Kilo-Paket soll von East Harbour zum Point? Dafür gibt's längst eine App."

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Aidan Truhen:
Fuck you very much

übersetzt von Andrea Stumpf und Sven Koch

Suhrkamp; 349 Seiten; 14,95 Euro

Price ist ein Ein-Mann-Drogenkartell, ein Entrepreneur, der nicht viel mehr braucht, als ein, zwei brillante Hacker und einen Karrierecop auf der Lohnliste, dazu die Dienste eines dubiosen Internetanbieters namens Poltergeist, um seine Geschäfte unbehelligt von Gesetzgeber und Gesetzlosen gleichermaßen am Laufen zu halten. Auch sein Gewissen steht ihm nicht im Weg, denn Price hat keins. Dass er ein Soziopath wie aus dem Lehrbuch ist und damit moralisch maximal flexibel, schadet nicht in seiner Branche.

Und es hilft ihm, als er seine Komfortzone verlassen muss, weil plötzlich die "Sieben Dämonen" hinter ihm her sind, eine Art global agierende Killerorganisation, dafür bekannt, dass sie nie versagt. Oder, wie es Price ausdrückt: "Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie keinerlei Hemmungen kennen und der verfickte Goldstandard der Fürchterlichkeit sind."

Was folgt, ist ein Katz-und-Maus-Spiel, wobei Price abwechselnd die Rolle des Gejagten und des Jägers ausfüllt - und einigen Einfallsreichtum in der Wahl der Waffen entwickelt. Unter anderem helfen Drohnen, Stickstoff und eine mobile Kürbiskanone (ja, so etwas gibt es wirklich!) dabei, die Dämonen zu dezimieren. Aber am Ende wird der Krieg nicht auf dem Schlachtfeld gewonnen werden - wer am Ende die Nase vorn hat beziehungsweise seinen Kopf noch auf den Schultern trägt, das hängt von der Beherrschung der virtuellen Welt ab.

Und so ist letztlich alle Aktion nur Reaktion. Price hat das verstanden, die Dämonen nicht, und das steigert seine Chancen zu überleben: "Sie sind wirklich nicht für einen solchen Krieg gerüstet. Präsidenten umbringen können sie prima, Konzerne erpressen sie perfekt, und Staatsstreiche und Putsche in kriminellen Organisationen erledigen sie mit links. Aber ich bin nichts davon. Ich muss nichts und niemanden schützen außer mich selbst. Ich bin ein Businessplan auf zwei Beinen und Ausdruck dieses Jahrhunderts."

Sind wir am Ende alle auf dem Weg, zu werden wie Jack Price? Digitale Monaden, beziehungslos, gefühllos, profillos? Zersetzt das digitale Sein unser Bewusstsein? Die Fragen, die Truhen in seinem Roman aufwirft, können Angst machen. Die einzige Antwort darauf hier ist das sardonische, freudlose Lachen von Jack Price, dem Global Psycho unserer Tage. Selten hat eine Schreckensvision so viel Vergnügen bereitet.

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insgesamt 2 Beiträge
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Cugel 19.04.2018
1. Grübel
Könnte der Autor bitte noch darlegen, was genau er unter einer "digitalen Monade" versteht? Eine Vorleipniz´sche Monade? Eine Leibniz´sche Monade, oder eine Nachleibniz´sche Monade? Sollte es sich allerdings um einen schlichten Buchstabendreher handeln, wäre ich schon etwas enttäuscht.
Ry G. 19.04.2018
2. Wer ist der wahre Autor?
Offensichtlich ist Aidan Truhen ein kaum verhülltes Anagramm von "Diana Hunter", was wahrscheinlich selbst ein Pseudonym ist: Diana, Göttin der Jagd! Es gibt allerdings viel zu viele Diana Hunters auf der Welt, um damit die wahre Identität des Autors zu lüften, z.B. Autorin Diana Hunter (Cynthia) in USA oder ex-CEO von Conviviality/Bargain Booze. Also weiterspekulieren!
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