Fußball-Autor John King: "Fan kommt von Fanatismus"

Die WM ist ein Riesengeschäft - nicht nur davon ist John King genervt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Fußballexperte, warum er Hooligans für die konsequenteren Fans hält, was es mit den "White Niggers" auf sich hat. Und weshalb er seinem Lieblingsclub den Abstieg wünscht.

Autor John King: "Die Leute fühlen sich ohnmächtig" Fotos
REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Herr King, mit englischen Hooligans gab es dieses Jahr keinen Ärger bei der WM. Südafrika war wohl doch zu weit weg.

John King: Genau. Heute reist eine andere Sorte Fans mit England zu den Turnieren. In den Qualifikationsspielen gibt es noch einige von der alten Schule, denn da ist es nicht so glamourös. Aber bei der WM sind die Tickets extrem teuer, alles ist durchkommerzialisiert und die Polizeiüberwachung ist sehr strikt.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als würden Sie die Gewalt vermissen.

King: Fan kommt von Fanatismus. Als ich 1976 das erste Mal zu einem Chelsea-Heimspiel ging, standen 20.000 Teenager auf der Tribüne. Damals ging es ums Singen, ums Herumschubsen. Es war vor allem Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Die Vuvuzela-Spieler haben heute doch jede Menge Spaß.

King: Ich finde das alles seltsam, auch Trommeln oder Megafone. Man sollte selbst den Krach machen und nicht etwas anderes den Krach machen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Und sich selber prügeln? Wurde nicht unter anderem aus diesem Grund die Premier League in England etabliert?

King: Man hat den Fußball zerstört mit der Premier League. Man hat reine Sitzplatzstadien gebaut. Die brauchte man nicht, aber mit den höheren Preisen wurden die Leute verdrängt, die man nicht mehr haben wollte. Dafür lockte man einen neuen Kundentypus an. Es heißt oft, die Premier League sei die beste Liga der Welt. Falsch. Die Stimmung ist ziemlich tot in vielen Stadien.

SPIEGEL ONLINE: Vorher gab es Tote. Denken Sie an die Katastrophe von Heysel, als beim Europapokalfinale 1985 zwischen Liverpool und Juventus Turin in Brüssel 39 Menschen ums Leben kamen.

King: Das ist der Hintergrund meines Buches "The Football Factory". Nach Heysel ging es bergab. Für viele war Fußball kein Spiel mehr. Dann kamen die Überwachungskameras und eben die Premier League. Aber die großen Clubs haben nach wie vor noch ihre Hooligangruppen, bei wichtigen Spielen können sie noch immer jede Menge Leute mobilisieren. Es wird heute nur weniger berichtet.

SPIEGEL ONLINE: Und die Spannungen zwischen den Milieus haben sich im Zug der Wirtschaftskrise weiter verschärft. In Ihrem Buch bezeichnen sich die Hauptfigur Tom und seine Gang-Kollegen selbst als "White Niggers", als gesellschaftliche Außenseiter.

King: Die herrschende politische Klasse blickt nicht nur herab auf Minderheiten, sondern auch auf die gewöhnlichen Weißen. Diese Leute fühlen sich vollkommen ohnmächtig. Sie dürfen sich nicht mal wirklich beklagen, denn wenn sie das tun, werden sie als Rechtsextremisten verurteilt.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hassen die meisten Hooligans ihre migrantischen Mitbürger.

King: Klar, man beschimpft zum Beispiel die Schwarzen, aber es gibt in meinem Buch auch ein schwarzes Hooligan-Gang-Mitglied, und das war in den Neunzigern ja tatsächlich so. Am Ende wissen alle, dass die farbigen Jungs genauso sind wie sie. Und umgekehrt behandeln manche, die Worte wie "Nigger" peinlich vermeiden, Schwarze viel schlechter. Mir ging es um das Abbilden der Realität, und letztlich ist das Schimpfen auf die Schwarzen eine Fortführung des Stammesgehabes zwischen den Fußballclubs.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist gerade Fußball der Ort, wo all diese männlichen Obsessionen - Gewalt, Gang-Mentalität, Stammesverhalten - ausgelebt werden können?

King: Es ist ein Theater, es wird in den Medien darüber berichtet, es gibt eine klare Bilderwelt. Der Ablauf ist kontrolliert, auch wenn es manchmal zu Auseinandersetzungen kommt. Und wie ich in "Football Factory" schreibe: Fußball ist weit weniger gefährlich als Krieg. Es geht nicht darum, Leute umzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie eigentlich noch zu Chelsea-Spielen?

King: Nicht mehr oft. Ich finde es ziemlich deprimierend. Die Stimmung ist raus, viele sind keine wirklichen Fans. Vielleicht sollten wir absteigen. Dann würden all die Luxusfans abhauen, und Chelsea würde wieder ein richtiger Fußballverein werden. Zurück in die kleinen Stadien, wo es mehr Spaß macht und die Karten billiger sind.

Das Interview führte Felix Bayer


John King: "The Football Factory" (Übersetzt von Gunnar Kwisinski), Heyne Hardcore, 448 Seiten, 8,95 Euro

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
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1. Danke!
Hans Albers 06.07.2010
Zitat von sysopDie WM ist ein Riesengeschäft - und nicht nur davon ist John King genervt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Fußballexperte und Autor, warum Hooligans die konsequenteren Fans sind, was es mit den "White Niggers" auf sich hat. Und weshalb er seinem Lieblingsclub den Abstieg wünscht. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,704711,00.html
Der Mann spricht mir aus dem Herzen! In den 80'ern war die dritte Halbzeit auch eine gute und faire Sache: wer auf dem Boden lag wurde in Ruhe gelassen. Heute ist das anders. Erheblich anders. Das Buch "Feverpitch" behandelt den Wandel des Fußballs ebenfalls; hier aus der Sicht eines Arsenal-Fans. Ich denke, beide Bücher werden gute Unterhaltung sein.
2. romantische verklärung
kuriosos 06.07.2010
entschuldige wenn ich dir da widerspreche, aber diese romantische verklärung kann ich so nicht stehen lassen. offensichtlich kennst du weder das chelsea smile, die gelsenkirchener gangart, oder simpel bordstein mit ketchup. die mär von fairness und wer am bodenliegt ist raus erzählen meist ohne hin nur leute, die nie dabei waren. jeder der in der dritten dabei war hatte nen gürtel oder anderes zur hand und in den bisweilen sehr archaisch anmutenden szenen haben sich streckenweise fast 100 leute gegenübergestanden, da ist kein platz für fairness gewesen! villeicht hast du recht das mit der wende einiges noch härter geworden ist weil ne menge leute von drüben nur noch den ganzen tag im studio waren und endlich ne gelegenheit hatten mal ihr muay thai oder jet kun do auszutesten, aber das es vorher ne ehrenhafte sache unter männern war ist gelogene propaganda! das das problem in england nie weniger wird liegt wohl eher in deren fan struktur. alle kategorie b ausser wenn sie bier trinken => dann instant mutation in Kategorie C. schon mal nüchterne workingclass engländer beim fussball gefunden? ich nicht!
3. Fans
Desmond 06.07.2010
also mit Fanatikern habe ich in allen Bereichen meine Probleme. Ich persönlich gehe zum Fussball um das Spiel zu sehen und nicht um mich zu prügeln. Sich allein über einen Verein zu definieren ist doch armselig, dies macht nur Sinn wenn man sonst nichts im Leben hat. Deshalb freue ich mich zwar wenn mein Heimverein gewinnt, aber es ist kein Weltuntergang wenn nicht. Gute Aktionen des Gegners erfreuen mich auch. Dieses Geheule und Gejammere wenn der eigene Klub verliert oder vielleicht absteigt kann ich nicht nachvollziehen. Es ist doch nur ein Spiel und es gibt wichtigeres im Leben. deshalb bin ich auch froh, dass das Publikum im Stadion jetzt so bunt gemischt ist. Die Entwicklung der letzten Jahre kann ich nur begrüßen.
4. Dr.
Redigel 06.07.2010
Genau solche Leute von vorgestern, die meinen ne dicke Lippe und ein blaues Auge gehören zum Fußball dazu, haben dazu geführt, dass in Leipzig die Anzahl der Fans von BSG/Sachsen Leipzig (wat auch immer) und VfB/Lok Leipzig stetig zurückgegangen sind. Ein paar Harte sind noch zurückgeblieben (das kann man in seiner Doppeldeutigkeit durchaus stehen lassen) und erzählen sich Geschichten aus vergangenen Tagen und tragen es an die Kids weiter (die von alledem rein gar nichts erlebt haben und in Bezug auf die Erfolge auch nie erleben werden). Das Problem an diesen Leuten ist eben, sie Leben in der Vergangenheit und nicht im Hier und Jetzt. Jetzt hat Red Bull am Stadttor angeklopft und die kommende Saison ist der Einzug in Leipzig perfekt. Wenn ich die Wahl habe zwischen "Football is for you and me, not for fucking industry!" und "Football is for you and me, not for Hooligan-Idioty!" die Wahl habe, dann wähle ich das letztere.
5. Fußball ein dickes Geschäft der FIFA
2010sdafrika 06.07.2010
Klar ist, dass der Sport seit längerem zur Nebensache geworden ist und der Kommerz an erster Stelle steht. Auch bei der aktuellen Weltmeisterschaft in Südafrika ist dieser Status quo deutlich zu erkennen. Sämtliche Einahmen aus Sponsorenverträgen und TV-Übertragungsrechten fließen nicht in den südafrikanischen Haushalt und sozialen Projekten des Ausrichterlandes, sondern ausschließlich in die Kassen der FIFA nach Zürich. Anbei möchte ich auf das Südafrika-Portal hinweisen, mit interessanten und kritischen Beiträgen zum Geschäft Fußball: http://2010sdafrika.wordpress.com/
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Zur Person
John King, 50, liebt Fußball, Literatur und die Dynamik des Klassenkampfs. Deshalb ist sein Roman "The Football Factory" nicht nur eine Hommage an die Hooligan-Kultur, sondern eine dralle Schilderung der englischen Arbeiterklasse und ihrer Selbstbehauptungs-Rituale.

Aktuell plant der bekennende EU-Gegner King einen futuristischen Roman über den totalitären Superstaat. Und legt unterdessen in seinem Verlag London Books alte Bücher neu auf, die vom Leben in der englischen Hauptstadt handeln.

Buchtipp

John King:
The Football Factory.

Übersetzt von Gunnar Kwisinski.

Heyne Verlag; 448 Seiten; 8,95 Euro.

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