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Proteste vor Fußball-WM: "Brasilien ist ein rassistisches Land - immer noch"

Brasilien vor der Fußball-WM: Samba und Wut Fotos
Getty Images

Unruhen erschüttern das WM-Gastgeberland Brasilien. Paulo Lins wuchs selbst in einer Favela auf. Im Interview spricht der Autor des Weltbestsellers "City of God" über die Kluft im Land, korrupte Polizisten und mögliche Proteste während des Turniers.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind in der Favela Cidade de Deus in Rio de Janeiro aufgewachsen. Im Vorfeld der Fußball-WM wurden in vielen Favelas Polizeieinheiten stationiert. Was halten Sie davon?

Lins: Das wurde vorgeblich gemacht, um den Drogenhandel zu unterbinden. Aber vom Waffenhandel, der damit in Verbindung steht, redet niemand. Wo kommen die Waffen denn her? Sie stammen aus der ganzen Welt - auch aus Deutschland. Außerdem sind diese Polizeieinheiten keinesfalls pazifistisch, sondern gehorchen militärischen Prinzipien.

Zur Person
  • Lucia Murat
    Paulo Lins, 1958 in Rio de Janeiro geboren, wurde mit dem Favela-Epos "City of God" berühmt, das auch im Kino ein Welterfolg war. In dem Nachfolgeroman "Seit der Samba Samba ist" erzählt Lins, wie Sklaven die Kultur Afrikas nach Brasilien brachten. Lins wuchs in einer Favela auf und gilt als kritischer Beobachter des gesellschaftlichen Geschehens in seinem Land.
SPIEGEL ONLINE: Immerhin ist die Zahl der Morde zurückgegangen, oder etwa nicht?

Lins: Weil es weniger Waffen in den entsprechenden Favelas gibt. Aber was diese Viertel wirklich bräuchten, ist mehr Bildung, damit keine neue Generation von Gangstern heranwächst. Die Straftaten sind überwiegend sozial bedingt, begangen von jungen Männern, die arm sind, wenig Bildung haben und sozial ausgeschlossen sind.

SPIEGEL ONLINE: Neben den vom Drogenhandel beherrschten Favelas gibt es auch solche, die von Milizen kontrolliert werden.

Lins: Korrupte Polizisten, die zum Teil noch im Dienst sind - paramilitärische Gruppen, die Schutzgelder erpressen und bestimmte Dienstleistungen vor Ort unter Kontrolle haben. Die Polizeieinheiten wurden im Süden Rios stationiert. Dort wo die Reichen wohnen und die Touristen hinkommen. Die Milizen dagegen beherrschen den Westen der Stadt und sind vielleicht ein noch größeres Problem als die Drogenhändler. Der Staat aber bekämpft sie kaum - auch, weil bestimmte Politiker in ihre Geschäfte verwickelt sind.

SPIEGEL ONLINE: Wenig Beachtung wird der Tatsache geschenkt, dass die überwiegende Mehrheit der Favela-Bewohner einer ehrlichen Arbeit nachgeht.

Lins: Die Banditen machen doch nur einen ganz kleinen Teil aus. All die Bauarbeiter, Dienstmädchen, Hausmeister und Verkäuferinnen hier in der Südzone kommen aus den Favelas. Aber sozial aufzusteigen, ist für sie kaum möglich.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es daher, seit Brasilien im Juni des Vorjahres von einer Welle von Protesten erschüttert wurde, immer wieder Demonstrationen und Streiks?

Lins: Ausgelöst wurden die Proteste durch die Erhöhung der Buspreise in São Paulo, aber bald haben sich vier Hauptforderungen herauskristallisiert: Verbesserungen in den Bereichen Transport, öffentliche Sicherheit, Gesundheit und Bildung.

SPIEGEL ONLINE: Eine neues Phänomen sind die sogenannten Rolezinhos, bei denen sich junge, modisch gekleidete, überwiegend dunkelhäutige Menschen aus den Armenvierteln über soziale Netzwerke massenhaft zum gemeinsamen Besuch von Shopping-Malls verabreden. Was steckt dahinter?

Lins: Es geht um die Freiheit, an Orte zu gehen, die einst den Reichen vorbehalten waren, ohne vom Sicherheitspersonal belästigt zu werden. Früher sind die Favelados in diesen Malls ja nur zum Arbeiten gewesen - jetzt kommen sie dahin, um sich mit Freunden zu treffen und einzukaufen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Zeichen dafür, dass die sogenannte "Classe C", die neue untere Mittelklasse, stark gewachsen ist?

Lins: Ja, und typisch für die Mitglieder dieser Schicht ist, dass alle Handys besitzen und gut mit digitalen Medien umgehen können. Das hat bei der Organisation der Proteste eine wichtige Rolle gespielt - sowohl bei den Demonstrationen wie den Rolezinhos. Die neuen Medien haben zudem den Zugang zu Informationen erleichtert und dabei geholfen, dass es ein größeres politisches Bewusstsein gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich das auch bei der Fußball-WM bemerkbar machen?

Lins: Davon gehe ich aus, und ich bin davon überzeugt, dass es auch während der Weltmeisterschaft Demonstrationen geben wird.

SPIEGEL ONLINE: Werden solche Demonstrationen tiefgreifende Veränderungen bewirken können?

Lins: Nicht unmittelbar, aber mittelfristig bin ich optimistisch. Es führt einfach kein Weg daran vorbei. In den öffentlichen Krankenhäusern arbeiten etwa nicht genügend Ärzte, Menschen sterben deshalb. Das kann so nicht weitergehen.

SPIEGEL ONLINE: Als Brasilien 2013 Gastland bei der Frankfurter Buchmesse war, hat es für einigen Wirbel gesorgt, dass Sie der einzige dunkelhäutige Schriftsteller von insgesamt 70 Autoren waren, die nach Deutschland entsandt wurden. Ein Indiz dafür, dass der Rassismus in Ihrer Heimat noch immer nicht überwunden ist?

Lins: Selbstverständlich. Bei einer Konferenz von Medizinern wäre es genauso gewesen - bei allen Tätigkeiten, für die man eine gute Ausbildung oder ein Studium braucht. Brasilien ist ein rassistisches Land - immer noch.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Opfer von Polizeigewalt sind bis heute zu einem sehr großen Teil dunkelhäutige Personen.

Lins: Das stimmt. Und auch die Mehrheit der Armen und Häftlinge ist schwarz. Letztlich ist das ein Reflex des Rassismus in der gesamten westlichen Welt, deren Ökonomie auf Sklavenhandel beruht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für Ihr jüngstes Buch "Seit der Samba Samba ist", in dem es viel um die Kultur der ehemaligen Sklaven geht, viel in den Polizeiarchiven Rios recherchiert. Warum?

Lins: Weil in anderen Archiven nicht viel zur Geschichte der Schwarzen zu finden ist. Aus den Ermittlungsakten der Polizei lässt sich dagegen einiges herauslesen. Als der Samba noch verboten war, wurden viele nur deshalb verhaftet, weil sie diese Musik gespielt haben.

Das Interview führte Ole Schulz

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Fußball-WM: Alle Gastgeber und Gewinner
Jahr Gastgeber Weltmeister
2022 Katar ???
2018 Russland ???
2014 Brasilien Deutschland
2010 Südafrika Spanien
2006 Deutschland Italien
2002 Japan und Südkorea Brasilien
1998 Frankreich Frankreich
1994 USA Brasilien
1990 Italien Deutschland
1986 Mexiko Argentinien
1982 Spanien Italien
1978 Argentinien Argentinien
1974 Deutschland Deutschland
1970 Mexiko Brasilien
1966 England England
1962 Chile Brasilien
1958 Schweden Brasilien
1954 Schweiz Deutschland
1950 Brasilien Uruguay
1938 Frankreich Italien
1934 Italien Italien
1930 Uruguay Uruguay


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