"Stéphane Chapuisat - eine Geschichte": Der Jesus von Lausanne

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Der beste Schweizer Fußballspieler bisher? Kann man durchaus über Stéphane Chapuisat sagen. Aber Philippe Dubath fallen in seinem Buchporträt noch viel schönere Schwärmereien zu dem Ex-BVB-Spieler ein. Nummer acht der elf besten Bücher zur EM.

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Stéphane Chapuisat: Erst Schweizer Nationalspieler, jetzt poetische Buchfigur

Darum geht's: Stéphane Chapuisat, Jahrgang 1969. Erste Erfolge in Zürich und Lausanne. In den Neunzigern mit Borussia Dortmund zweimal Deutscher Meister, 1997 Champions-League-Gewinner und Weltpokal-Sieger. Laut des Verfassers Philippe Dubath der beste Schweizer Fußballspieler aller Zeiten (sprich: bisher) - und zudem eine zurückhaltende, angenehme Persönlichkeit. Trinkt gern Kakao.

Das lernt man: Die Geschichte Stéphane Chapuisats, wie Dubath sie erzählt, ist auch die Geschichte einer Fußballerfamilie mit sehr klassischer Rollenaufteilung: Der Vater, selbst Profi, lebt Stéphane das Fußballerdasein vor. Mutter und Schwester ordnen sich unter. Davon abgesehen, dass es fraglich ist, ob dieses Modell für Nachwuchsspieler im Jahr 2012 noch funktionieren würde - wie so oft, wenn es um Vater und Sohn geht, war der Heilige Geist, hier in der Spezialform des fußballerischen Genies, offenbar stets präsent. Stéphane Chapuisats Karriere scheint bei Dubath regelrecht gottgegeben. Und dann kam auch noch Ottmar Hitzfeld: "Chappi" (wie Dubath mindestens einmal zu häufig den Dortmunder Fan-Slang zitiert) wurde beim BVB Hitzfelds Lieblingsspieler.

Der Satz, der alles sagt: "Ottmar Hitzfeld hat auch heute, Jahre später noch, eine Verbindung zu Stéphanes Seele."

Das taugt's: Philippe Dubath schreibt über Fußball, wie Peter Handke über die Jukebox, wie W.G. Sebald über Norfolk - so, wie einst Matthias Claudius über den Mond, der aufgegangen ist, dichtete: "Es gibt so manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehen." Es könnte durchaus sein, dass sein Buch nicht ganz den Ton der durchschnittlichen Mannschaftskabine trifft - andererseits: Besteht Fußball nicht zu 90 Prozent aus Gefühl? Wird hier nicht die Verbindung zu höheren Wesen gesucht, wie in keinem anderen Milieu unserer rationalen Welt? Der vielbeschworene Fußballgott tritt nicht auf in diesem Buch. Parareligiöse Schwingungen aber durchziehen es auf jeder Seite. Bis hin zur unterschwelligen Stilisierung von Pierrette Chapuisat als einer Art Mutter Gottes (die der Autor, um das Idealbild perfekt zu machen, zudem ziemlich heiß findet). Wenn Dubath sein Faible für charismatisch-schwärmerische Passagen etwas zügeln würde, könnte es was werden mit der Kombination aus Fußball und Literatur.

Und wer wird Fußball-Europameister? Vergesst alle Laktatwerte. Den Pokal holt die Mannschaft, die glaubt - und sei es nur an sich selbst.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, "Der Mond ist aufgegangen" sei von Paul Gerhardt verfasst worden. Tatsächlich stammt der Text von Matthias Claudius. Der Autor des Textes bittet, seine, in diesem speziellen Fall besonders sträfliche, Kirchenlied-Halbbildung zu entschuldigen.

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1. Aber hallo ...
wip 05.06.2012
.. ."der Mond ist aufgegangen" ist von Matthias Claudius, nicht von Paul Gerhard.
2. So ist es recht
kunstdirektor 05.06.2012
Matthias Claudius, mit einer schönen Version von Dieter Hildebrandt.
3. ha,ha
mikeklatt 20.06.2012
da ist ein Claudius das Thema geworden...aber mal ehrlich...wer zum Geier war/ist Chapuisat...eben wohl der beste Schweizer Fussballer...aber eben auch nur das.
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