G20-Aufarbeitung Eine vertane Chance

Vor einem Jahr brannten in Hamburg Barrikaden - zwei Bücher widmen sich den Krawallen während des G20-Gipfels aus linker Perspektive. Klären die Autoren auf? Oder wiederholen sie nur die eigene Version der Geschehnisse?

Polizisten beim G20-Gipfel 2017
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Polizisten beim G20-Gipfel 2017

Von Katharina Schipkowski


Was ist wirklich passiert, als sich Hamburg im vergangenen Juli tagelang im Ausnahmezustand befand? Ein Jahr nach dem G20-Gipfel ist der Kampf um die Deutungshoheit nicht entschieden.

Einerseits ist da die Version des Hamburger Senats und der Polizeiführung. Auf der anderen Seite steht die Version der Gipfelgegner und der Anwohner des Schanzenviertels. Oder besser: Die Versionen. Denn was passiert ist und wie die Ereignisse im Nachhinein zu bewerten sind, darüber besteht auch unter ihnen keine Einigkeit.

Jetzt sind zwei Bücher erschienen, die die Gipfelgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven der G20-Gegner erzählen: "G20 - Verkehrsprobleme in einer Geisterstadt" vom Autorenkollektiv "Komitee 17" und der Sammelband "Riot - Was war da los in Hamburg? Theorie und Praxis der kollektiven Aktion" von Karl-Heinz Dellwo.

Die Perspektive des Sammelbands, den das ehemalige RAF-Mitglied Dellwo zusammen mit Achim Szepanski und J. Paul Weiler herausgegeben hat, ist klar umrissen: Bei der Auswahl der 16 Beiträge - unter den Autoren ist keine einzige Frau - haben sich die Herausgeber von der Idee leiten lassen, eine "große Bandbreite innerhalb der Diskussion der radikalen Linken zu erfassen", aber "keine Beiträge zu verwenden, die sich einfach vom Geschehen distanzieren und damit staatliche Deutungsmuster reproduzieren".

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Achim Szepanski, Karl-Heinz Dellwo, J. Paul Weiler:
RIOT - Was war da los in Hamburg?

Theorie und Praxis der kollektiven Aktion

Laika; 258 Seiten; 16 Euro

Der Hauptgegenstand ihrer Betrachtung ist der Riot, also der Aufstand am Abend des 7. Juli 2017 im Schanzenviertel, als die Polizei stundenlang abwesend war, Barrikaden meterhoch brannten und Autonome und Krawalltouristen Geschäfte plünderten. Den Riot als Phänomen verstehen die Herausgeber als Reaktion auf gewaltförmige Verhältnisse, als Antwort auf ein ungerechtes System.

Zwar sind auch persönliche Schilderungen und Eindrücke der Protesttage in Hamburg unter den Beiträgen, aber das Gros nimmt eine soziologische, historische oder philosophische Einordnung der Ereignisse vor - ein radikaler Beitrag zur linken Militanzdebatte. Wer sich als Außenstehender darauf einlässt, kann vielleicht ein bisschen mehr verstehen, warum es zu den Ausschreitungen kommen konnte.

Die Nautilus-Publikation gibt sich weniger radikal - birgt aber auch weniger Erkenntniswert. Zwar ist auch für sie der Aufstand die Antwort der Überflüssigen auf das System, das sie überflüssig macht. Gleichzeitig stellen die Autoren infrage, ob "Riot" der richtige Ausdruck für das ist, was im Juli in Hamburg passierte. Die Antwort bleibt offen.

Die Mitglieder des Komitee 17, deren Name auf das "Unsichtbare Komitee", die Verfasser des linkspolitischen Essays "Der kommende Aufstand", anspielt, wollen anonym bleiben. Nach eigenen Angaben sind sie eine Gruppe von "Zeugen, Aktivisten und Beobachtern" der Gipfelereignisse.

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Komitee 17:
G20 - Verkehrsprobleme in einer Geisterstadt

Edition Nautilus; 98 Seiten; 10 Euro

Der Ton, in dem das Buch geschrieben ist, ist mitunter anstrengend. Das Komitee 17 gibt sich allwissend und uninteressiert an den Erfahrungen anderer - das wirkt manchmal arrogant, manchmal beleidigt. Etwa, als sie sich darüber beschweren, dass in der für die Regierungschefs abgesperrten Innenstadt keine Bahnen und Busse fuhren und die Bürger nicht darüber informiert wurden, wann der Verkehr wieder funktionieren würde. Das mag zwar nervig gewesen sein, steht aber in keinem Verhältnis zu der Einschränkung von Demokratie, die der G20-Gipfel für andere bedeutet hat. Diese Einschränkung dann wiederum klar herauszuarbeiten, gelingt den Autoren in ihrem allgemeinen Lamento leider nicht.

Die Mitglieder des Komitee 17 rekonstruieren die Gipfeltage chronologisch und teilen dabei gegen alles aus, was ihnen nicht gefallen hat, von Entscheidungen linker Demo-Organisatoren über das Verkehrschaos und die Medienberichterstattung. Gerade Letzteres ist ihnen ein zentrales Anliegen. Dabei verzichten sie aber weitgehend auf Beispiele, sondern unterstellen den Journalisten - von der "taz" bis zur "Bild" -, sich bereitwillig in den Dienst der Regierung gestellt und bewusst bestimmte "Details", wie etwa die Zahl der verletzten Demonstranten, verschwiegen zu haben. Kritische Stimmen unter den Journalisten seien "aussortiert" worden.

Die durchaus berechtigte Kritik am Zusammentreffen der Staats- und Regierungschefs in Hamburg verfehlt ihren Kern, unter anderem an der Stelle, an der Hamburgs Ex-Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) für seine Frisur kritisiert wird. Eine vertane Chance.

Video: G20-Gipfel in Hamburg - Eine Stadt im Ausnahmezustand

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Riv 07.07.2018
1. Oje,
... das Video ist sehr tendenziös. Es wird die Frage gestellt, warum die Polizei die Unversehrtheit der Bürger nicht geschützt hat (und ich möchte anmerken: die der Bürgerinnen auch nicht). Und dabei ist , anbiedernd, die Unversehrtheit des Eigentums in Form von verbrannten Autos gemeint. Denn, die Unversehrtheit der Bürger hat die Polizei ja selbst besorgt. Die Randalierer*innen haben nur in Einzelfällen Polizisten im Dienst angegriffen. Weitere Übergriffigkeit seitens der Randalierer*innen auf Nichtpolizist*innen ist belegt. Ich denke, dass die besorgten Bürger*innen sich mal viele Fragen über die Polizeieinsätze stellen sollten, anstatt auf die Einzigen, die den Mut hatten, gegen die G20 zu demonstrieren, abzustellen. Für mich ist das verkehrte Welt mit Diskursführung durch die Kleinbürgerin. Die Traurigkeit der Kleinbürgerin, die weinend sich über ihr zerstörtes Auto beklagt, weil sie am nächsten Tag nicht zur Arbeit kommt, sollte nicht einen Diskurs über die eigentlichen Fragen beherrschen.
post-postfaktisch! 07.07.2018
2. Gewalt ist Gewalt ist Gewalt
Zitat von Riv... das Video ist sehr tendenziös. Es wird die Frage gestellt, warum die Polizei die Unversehrtheit der Bürger nicht geschützt hat (und ich möchte anmerken: die der Bürgerinnen auch nicht). Und dabei ist , anbiedernd, die Unversehrtheit des Eigentums in Form von verbrannten Autos gemeint. Denn, die Unversehrtheit der Bürger hat die Polizei ja selbst besorgt. Die Randalierer*innen haben nur in Einzelfällen Polizisten im Dienst angegriffen. Weitere Übergriffigkeit seitens der Randalierer*innen auf Nichtpolizist*innen ist belegt. Ich denke, dass die besorgten Bürger*innen sich mal viele Fragen über die Polizeieinsätze stellen sollten, anstatt auf die Einzigen, die den Mut hatten, gegen die G20 zu demonstrieren, abzustellen. Für mich ist das verkehrte Welt mit Diskursführung durch die Kleinbürgerin. Die Traurigkeit der Kleinbürgerin, die weinend sich über ihr zerstörtes Auto beklagt, weil sie am nächsten Tag nicht zur Arbeit kommt, sollte nicht einen Diskurs über die eigentlichen Fragen beherrschen.
... und damit außerhalb jedweden politischen Diskurses. Ich war in der Schanze, mein Sohn wohnt dort, ich war auf der Großdemonstration und habe die kleinen, sich ständig umziehenden und kommunizierenden Gruppen gesehen, ich habe die eindeutigen Gewaltaufrufe im Netz gesehen. Der schwarze Block war nicht „die einzigen, die gegen G20 demonstriert haben, sondern, sie haben die gigantische, bürgerliche und vielstimmige Gegendemonstration und den damit verbundenen politischen Druck und die Inhalte vernichtet und vergessen lassen. Ich habe kräftige Kerle von der Polizei in voller Kampfmontur in den Ecken weinen gesehen, Bewohner der Schanze verzweifelt und traumatisiert, die jetzt der Polizei vorwerfen weggeblieben zu sein. Dort wurden Existenzen vernichtet, physisch und psychisch und Sie reden die Opfer und ihren Schmerz als kleinbürgerlich runter. Das ist widerwärtig. Bei Ihrer Eistellung müsste es auch OK sein wenn demnächst ein rechter Mob die Flora und alle weiteren Orte autonomen Lebens zerlegt und abfackelt. Ist doch nur ein Haus, seid doch nicht so kleinbürgerlich. Und ja, es hat Übergriffe der Polizei gegeben. Definitiv. Aber wenn ich persönlich mit solcher, zum Teil potenziell tödlicher Gewalt konfrontiert wäre, vielleich wäre dann auch meine pazifistische Ader versiegt. Gewalt geht gar nicht und für jedweden linken oder rechten Block gilt: NO PASSARAN!
kratzdistel 07.07.2018
3. recht im unrecht gibt es nunmal nicht
solange es ein funktionierender rechtsstaat gibt, gibt es nach der Verfassung kein widerstandsrecht. was bei g 20 geschah, konnte jeder in den medien beobachten und bewerten. wer friedlich demonstrierte, wurde auch geschützt. dass es bei einsätzen gegen gewaltbereite Demonstranten auch kollaterale schäden gab, ist unbestritten sind aber nicht immer vermeidbar bei Massenveranstaltungen. ex post werden jetzt noch Straftäter ermittelt und das ist gut zu. denn nur friedliche Demonstrationen können wertsetzend im sinne unseres Grundgesetzes sein.
reichsvernunft 07.07.2018
4. @post-postfaktisch!
Mal eine linke Demo besucht, die von der Bayerischen Polizei "begleitet" wurde? Da sollte man auch nicht zart besaitet sein... nebenher ist das Vorgehen vor Ort gut dokumentiert. Die Berliner, die Erfahrung und Erfolg beim De-eskalieren solcher Situationen vorweisen können (haben zu Hause ja genug Gelegenheit zum üben...) wurden weggeschickt, stattdessen die Bayerischen Schocktruppen angefordert. Mit Schlagstöcken gegen Banner und Badetiere. Ich bestreite nicht, dass die Linke Szene einiges an Krawallmachern mitgebracht hat, aber für solche Situationen gibt es ungeschriebene Regeln, die auch in Hamburg bekannt waren (und zumindest im schwarzen Block auch intern durchgesetzt...). "Harte Linie" bedeutet es kracht. Sollte es auch. Und Gewalt allgemein abzulehnen ist ein Bisschen kurz gegriffen. Innerhalb der Regeln eines Systems ist es schwer und wird mit zunehmender Verkrustung immer schwerer, einen Wandel des Systems herbeizuführen. Moderne Errungenschaften wie Religionsfreiheit, Demokratie oder der Sozialstaat sind das Ergebnis von Gewalt oder Gewaltandrohung gegen eine Herrschaft, gegen die kein anderes Mittel mehr half. Etwas, das ich in der Gegenwart durchaus sehe, eine Gegenwart in der Aufmerksamkeit als Währung die Demokratie aushebelt (oder machen unsere gewählten Vertreter das, was Sie für notwendig halten?) und Korruption (Riester, Privatisierung um jeden Preis, gewollte schieflage des Arbeitsmarktes, keine effektive Besteuerung von Kapital, Ausverkauf von Bildung, Kinderbetreuung, Infrastruktur, etc.) als legales politisches Wirken verkauft wird (und hinterher sind dann alle über die Resultate "überrascht", die vorher von unabhängigen Instituten vorrausgesagt wurden...). Ich bin nicht dafür Polizisten anzugreifen - ich glaube niemand geht zur Polizei ohne "etwas Gutes" zu wollen, aber ich habe auch das Elend gesehen, das die Globalisierung bringt (schon mal ein indisches Kind beim Versuch beobachtet sich umzubringen? Oh nein, Omas Kleinwagen!) - und nein, da ist Mitleid mit den armen Opfern von Sachschäden nicht notwendig.
ruhepuls 07.07.2018
5. Gewalt erzeugt Gewalt
Wer Gewalt als "notwendiges Mittel" rechtfertigt, vergisst eines: Die Anwendung von Gewalt rechtfertigt Gegengewalt. Auch der schwarze Block (über-)lebt davon, dass die Gegengewalt sich zurückhalten muss. Vorkommnisse wie beim G20-Gipfel führen aber dazu, dass die Bereitschaft der Bürger zunimmt, auch schärfere Formen der Gegengewalt zu fordern. Salopp gesagt: Irgendwann sind dann Schlagstöcke und Gummigeschosse nicht mehr das letzte Mittel.
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