George R.R. Martin in Deutschland Die Zukunft ist vorbei

George R.R. Martin, der Autor der Vorlage von "Game of Thrones", besucht Hamburg, krault sich am Bart, verlangt ein fliegendes Auto und schmiedet Mordpläne. Und verrät dann doch noch etwas darüber, wie es in Westeros weitergeht.

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Er darf selbstverständlich nichts verraten, aber soviel doch: "Erst gestern Abend hatte ich eine Offenbarung", erzählt George R.R. Martin. Er sitzt hinter einem Pult im Konferenzraum "Elbe" des Hamburger Hotels Madison, die Schirmmütze in die Stirn gezogen, ein dunkles, kurzärmliges Hemd umhüllt seinen mächtigen Oberkörper, und er krault sich den grauen, gar nicht zotteligen Bart.

"Es gibt da diese Figur, von der ich immer wusste, dass sie sterben wird, vom Moment ihrer Einführung an war sie dem Tod geweiht. Aber ich wusste nicht, wie sie sterben würde. Seit gestern Abend weiß ich es. Vielleicht lag es an Hamburg, keine Ahnung."

Man muss das als Kompliment begreifen. George R.R. Martin, vielfacher Bestseller-Autor und als Schöpfer von "A Song of Ice and Fire" (in der deutschen Übersetzung "Das Lied von Eis und Feuer" und überaus erfolgreich verfilmt als HBO-Serie "Game of Thrones") einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Gegenwart, hat sich also inspirieren lassen von seinem Auftritt im Congress Centrum Hamburg, wo er sich vor Hunderten Fans vom Kritiker Denis Scheck befragen ließ - und ein unveröffentlichtes Kapitel aus dem nächsten Roman seiner Serie vorlas.

Einmal im Jahr nach New York, das war's

Es war nicht nur für ihn ein erkenntnisreicher Abend. Das augenscheinlich mehrheitlich studentische Publikum konnte erfahren, wie seine jungen Jahre die spätere Karriere des Schriftstellers beeinflusst haben: In Bayonne, einer Kleinstadt im US-Staat New Jersey, gab es nicht viel zu sehen, schon gar nicht für einen Jungen aus bescheidenen Verhältnissen. Morgens fünf Blocks zur Schule, danach wieder zurück, und einmal im Jahr zum Weihnachtsmann im New Yorker Kaufhaus Macy's, danach ein Familienessen im Automatenrestaurant, das war's.

Was blieb dem jungen George da anderes übrig, als sich weit weg zu träumen. Zunächst mit Disney-Comics über Donald Duck, später mit DC- und Marvel-Comics über Superhelden, später bei der Lektüre von Science-Fiction-Romanen. "Damals", sagt Martin, "waren Comics etwas für Freaks. Heute haben wir gewonnen. Heute beherrschen wir die Welt." Das Publikum applaudiert.

"Die grüne Laterne" wäre er lieber gewesen als Batman, weil die Laterne seine Superkräfte von einem gefundenen Ring hatte, während Batman schweißtreibend trainieren musste. Solche Scherze über seinen wenig athletischen Körper bringt Martin gerne unter, am nächsten Tag begründet er sein Misstrauen gegen Sicherungskopien seiner Arbeit in der Cloud damit, dass er nicht wolle, dass irgendwann gehackte Nacktfotos von ihm im Netz kursieren.

Als kleiner Junge begann George R.R. Martin damit, Figuren zu sammeln, Denis Scheck berichtet er von einer Figurenserie aus den Fünfzigerjahren der Firma Miller, die Außerirdische darstellten. Damals waren solche Figuren noch nicht Teil einer bereits erzählten Welt wie später solche aus Star Trek oder Star Wars, George musste sich die Geschichten zu den Figuren selbst ausdenken. Und da gab es eine, die eine seltsame Waffe in der Hand hielt, über deren Zweck George, der Achtjährige, rätselte - bis er sie für sich als Bohrer identifizierte und die zugehörige Figur als Folterknecht. Hier liegen also die Wurzeln der im "Lied von Eis und Feuer" sehr elaboriert dargestellten Gewalt.

"Ich brauche kein Internet und keinen Terrorismus"

Seine Karriere als Schriftsteller begann Martin als Autor von Science-Fiction-Geschichten. Allerdings sei das Genre heute nicht mehr so attraktiv wie damals: Die Zukunft ist einfach nicht mehr das, was sie mal war. "Ich brauche kein Internet, keinen Terrorismus, keine Klimaerwärmung und all diesen Mist, ich will Kolonien auf dem Mars und Jetpacks und fliegende Autos." Zukunftsvisionen eignen sich nicht mehr für Unterhaltung und Eskapismus, sagt Martin - dafür sind sie zu düster geworden. So erklärt er sich den heutigen Erfolg von Fantasy-Literatur: Lieber träumen sich die Leser in eine mehr oder weniger märchenhafte mittelalterliche Welt als in die reale, wahrscheinlich schreckliche Zukunft.

Das Setting einer Geschichte, sagt Martin am nächsten Tag bei der Pressekonferenz, sei dabei eigentlich egal. Sein "Lied von Eis und Feuer" könnte auch in der Zukunft oder im Weltall spielen, in China oder in Hamburg, denn das einzige, das zählt, sei, wie William Faulkner es gesagt hat, das Menschenherz im Konflikt mit sich selbst. Allein darum gehe es beim Schreiben. Die Drachen, die Ritter und die Könige seien nur Ausstattung. Die Drachen allerdings seien "cool", spricht der Autor.

Schön und gut, dann soll er endlich weiter schreiben und hier nicht noch länger herumsitzen und Fragen beantworten, will man ihm zurufen. Wir wollen wissen, wie seine jetzt auf sieben Bände angelegte Serie endet! Und wann wir endlich den nächsten Band bekommen! Danach darf man ihn aber nicht fragen, wie der Blanvalet-Verlag, in dem Martins Werk auf Deutsch erscheint, schon vorher mitteilte (das Buch ist fertig, wenn es fertig ist). Und auch nicht nach seinem Gesundheitszustand (er ist gesund). Aber wenigstens darf man fragen, ob er selbst denn schon weiß, wie die Geschichte ausgeht.

Zwar habe er keinen exakten Plan für jede der etwa zweitausend Figuren der Serie, antwortet George R.R. Martin. Aber immerhin: "Ich weiß, wer von den Hauptcharakteren stirbt und wer am Ende noch am Leben ist. Und ich weiß, wer den Eisernen Thron besteigt."

Aha! Es gibt am Ende noch einen Eisernen Thron, Westeros wird also nicht komplett untergehen. Jetzt hat er doch noch etwas verraten.



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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
ambergris 22.06.2015
1.
Interessant... dann wird Westeros keine Republik? Vielleicht hat er mit der vom Tod geweihten Person Arya Stark gemeint.
kleinbürger 22.06.2015
2. republik
Zitat von ambergrisInteressant... dann wird Westeros keine Republik? Vielleicht hat er mit der vom Tod geweihten Person Arya Stark gemeint.
republik ? die ist out, wir lieben putin, assad und gaddafi, endlich wieder macker, die den republiken auf der nase rumtanzen wie es ihnen gefällt. amerika ist das neue reich des pösen, nordkorea und der iran die neuen heilsbringer. westeros muss monarchistisch bleiben, einer gibt vor, alle anderen folgen. damit ist der geisteszustand der fans hinreichend beschrieben. ps. ich will das khalessi den thron besteigt und mich igrendwann heiratet
Atheist_Crusader 22.06.2015
3.
Zitat von ambergrisInteressant... dann wird Westeros keine Republik? Vielleicht hat er mit der vom Tod geweihten Person Arya Stark gemeint.
Habe ich auch im Verdacht, obwohl sie der Lieblingscharakter seiner Frau sein soll. Aber der Pfad den sie eingeschlagen hat, ist zu sehr mit Selbstzerstörung gepflastert, als dass ich da irgendwo noch ein halbwegs gutes Ende sehen könnte. Selbst wenn sie es schaffen sollte, ihre ganze Liste abzuarbeiten - was sollte danach kommen?
Dracul91 22.06.2015
4. -
kann ja immer noch ne parlamentarische Monarchie werden, immerhin. ;-)
Msc 22.06.2015
5.
Das Buch ist fertig, wenn es fertig ist. Und dann wird es noch übersetzt (mind. 6 Monate) und erscheint in mindestens zwei Bänden (doppelt Geld, vielleicht diesmal sogar dreifach?!). Dann doch lieber im Original.
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