Ganz andere Bibliothek Der doppelte Enzensberger

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" will bald eine Bücher-Anthologie auf den Markt werfen, die von Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno herausgegeben werden soll. Das wäre eine Kampfansage an den Eichborn-Verlag, der noch immer die "Andere Bibliothek" veröffentlicht - ebenfalls unter der Obhut von Enzensberger.

Von Claus Christian Malzahn


Hans Magnus Enzensberger: Von Eichborn zur FAZ
DDP

Hans Magnus Enzensberger: Von Eichborn zur FAZ

Berlin - Was heute auf der ersten Seite der "FAZ" in einem Kasten unter dem Bruch angekündigt wird, klingt mindestens nach Epochenwechsel. Darunter läuft im Feuilleton am Main ohnehin selten etwas, und so ist auch über die ab Herbst erscheinende "Frankfurter Allgemeine Bücherei" zu lesen, als dass diesem verlegerischen Projekt ein "neuartiges, in Deutschland nie erprobtes Modell zugrunde" liege: Ein Zeitungsverlag und ein Buchverlag vertrauen einem Schriftsteller und einem Buchgestalter eine Reihe an, die von beiden Partnern getragen werde. Zwölf Titel sollen im Jahr erscheinen, die Buchgötter Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno wachen über die Qualität, mit dem DTV-Verlag ist eine Kooperation vereinbart worden.

Ganz so neu und revolutionär ist die Idee bei näherem Hinsehen freilich nicht. Genau genommen ist sie schon 20 Jahre alt: 1985 starteten Enzensberger und Greno die "Andere Bibliothek". Damals versprachen sie, nur Bücher zu verlegen, "die wir selber lesen wollen" - ein ausgesprochen sympathisches Verlagskonzept. Es folgten fortan jährlich zwölf Titel plus Sonderbände in - später - limitierter, hochwertig ausgestatteter Ausgabe. In der Anderen Bibliothek erschienen vergessene Romane ebenso wie Erstlingswerke. Das Duo Enzensberger/Greno veröffentlichte alles, was es interessant fand: Erzählungen, Wissenschaftsbände, Reportagen, Essays, Geschichtsbücher - solange die Manuskripte im Geiste der Aufklärung und des Humanismus verfasst und spannend zu lesen waren, fand es die Gnade von Herausgeber und Verleger.

Doch die Andere Bibliothek geriet Ende der achtziger Jahre finanziell ins Schlingern, denn die Bücher waren nicht nur gut, sondern auch teuer hergestellt. Der Eichborn-Verlag rettete das Projekt vor dem finanziellen Aus. Gleichzeitig profitierte der kleine Verlag, der bisher mit Walter Moers "kleinem Arschloch" eher in der Schmuddelecke der Literatur zu Hause war, ganz erheblich von der sowohl in der Ausstattung wie im Format ungewöhnlichen Buchserie. Mehrmals schafften es AB-Bände in die Bestseller-Listen, so zum Beispiel die "Anonyma", das Tagebuch einer Berlinerin, die den grausamen Alltag unter russischer Besatzung 1945 schildert. Andere Bücher haben längst Kultstatus: Für die Originalausgabe von Irene Disches "Fromme Lügen" zahlen Sammler beispielsweise Hunderte Euro. Wer heute seine AB-Sammlung verkauft, kann sich anschließend die SL-Klasse leisten. In der AB veröffentlichten wichtige Schriftsteller wie W.G. Sebald, Raoul Schrott oder Christoph Ransmayer. Mit der Herausgabe von Humboldts "Kosmos" im vergangenen Jahr erreichte der Erfolg der Anderen Bibliothek auch ökonomisch seinen vorläufigen Höhepunkt.

Wie die Harald Schmidt-Show ohne Harald Schmidt

Genau um die Vermarktung des "Kosmos" - einen kiloschweren Atlas für Intellektuelle, der mit 99 Euro nicht eben billig war - hat es zwischen Enzensberger und dem Eichborn-Verlag aber Streit gegeben. Bereits zum Erscheinen des Werkes von Alexander von Humboldt kursierten Gerüchte, Enzensberger plane seinen Ausstieg bei Eichborn, um bei der FAZ die Andere Bibliothek unter anderem Namen weiter zu führen. Eichborn dementierte laut und hektisch. Doch nach dem unerwarteten Erfolg der "Süddeutschen Zeitung" mit ihrer preiswerten SZ-Bibliothek schien eine Kombination Enzensberger/FAZ geradezu genial, um auf diesen neuen Verlagszug zu springen. Nach der SZ hatte auch die "Zeit" mit ihrer Lexika-Reihe entsprechenden Erfolg, die Süddeutsche Zeitung freut sich zurzeit über die zusätzlichen Einnahmen durch ihre DVD-Edition, die sich der SZ-Bibliothek am Kiosk anschloss. Nur der Eichborn-Verlag steht dumm da - weil der Herausgeber seiner wichtigsten Buchreihe heute faktisch dieselbe Reihe in einem anderen Verlag ankündigt. Ein solches Verhalten ist tatsächlich "neuartig" und "in Deutschland nie erprobt" worden.

Was nun aus der Anderen Bibliothek bei Eichborn werden soll, ob Enzensberger weiter als Herausgeber zur Verfügung steht, ist völlig unklar. Dem Vernehmen nach drängt Enzensberger seit längerer Zeit aus dem Verlag heraus, doch Eichborn kann bis 2006 noch auf die Vertragslage pochen. Die Andere Bibliothek soll also weiter erscheinen, tatsächlich reichen die verabredeten und geplanten Erscheinungen weit über die Frankfurter Messe im Herbst 2005 hinaus. Doch wie soll die Patina der Reihe erhalten bleiben, wenn sich ihr Herausgeber in aller Öffentlichkeit um ein anderes Projekt kümmert und dem alten Verlag eine Nase dreht? Wenn Enzensberger Eichborn nicht mehr als Frontmann zur Verfügung steht - ganz egal ob er vertraglich noch zur Herausgabe der Anderen Bibliothek verpflichtet ist oder nicht - wird die AB so viel wert sein wie die Harald Schmidt Show ohne Harald Schmidt.

Selbst die hochwertige Ausstattung der einzelnen Bände in der Frankfurter Allgemeinen Bücherei orientiert sich offenbar am bewährten AB-Konzept. In einem "nachtblauen Seideneinband mit tiefgeprägtem Titel - und Rückenschild" werde der Erstlingsband geliefert, natürlich im "transparenten Schuber und "selbstverständlich" in Fadenheftung, mit Lesebändchen. Im Programm ist "neue Prosa und neue Bilder, Vergessenes und Unerhörtes, Politik und Wissenschaft, ganz ohne Rücksicht auf den Trend." Die heutige Ankündigung liest sich wie aus einem alten Verlagsprospekt. Ende 1984 klang das so: "Die Einwohner der Bundesrepublik sind mit Büchern gut versorgt. Der Umsatz liegt bei vielen Millionen und jedes Jahr erscheinen tausende neue Titel. Nörgler und Unzufriedene gibt es immer. Wir zählen uns zu ihnen. Deshalb wollen wir damit anfangen, die Andere Bibliothek zu veröffentlichen: und wir haben nicht die Absicht, damit aufzuhören, solange wir unzufrieden sind. Das kann sehr lange dauern".

Der Zeitpunkt ist offenbar noch immer nicht erreicht, auch wenn die Andere Bibliothek bald als FAZ-Bücherei daherkommt.



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