Gegenwartstypen Zur Diva auf'n Dosenbier 

Sind Terroristen eigentlich Spießer, Türken der Inbegriff des Migranten, ist die Diva wirklich die einzige Frau im Soziotop? Suhrkamp-Soziologen erforschen Gegenwarts-Typen; ein amerikanischer Reader untersucht den Dosenbier trinkenden Hipster - denn der ist "tot genug für eine Obduktion".

Popdiva, Sozialfigur: Lady Gaga
Universal Music

Popdiva, Sozialfigur: Lady Gaga

Von Oskar Piegsa


Kein wiedervereinigtes Deutschland, keine Hauptstadt namens Berlin, kein War on Terror, kein Internet: Das waren die Rahmenbedingungen im Jahr 1989, als Gerd Stein den fünften, abschließenden Band seiner Taschenbuch-Reihe "Kulturfiguren und Sozialcharaktere des 19. und 20. Jahrhunderts" im Verlag S. Fischer veröffentlichte. In der archaischen Urzeit der achtziger Jahre hatte sich Stein der Gegenwartsdiagnostik verschrieben, Selbstdarstellungen und mediale Überformungen der Subkulturen gesammelt, den Menschen erforscht und die Formen, in denen er auftrat: Etwa als "Bohemien, Tramp, Sponti", so der Titel des ersten Bandes, oder als "Philister, Kleinbürger, Spießer". Heute sind Steins Materialsammlungen vergriffen - und auch von seinen Großstadtindianern und dem "Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen" hat man länger nichts mehr gehört.

Seitdem habe sich niemand mehr an einer vergleichbaren Typisierung der Gesellschaft versucht, schreiben die Soziologen Stephan Moebius und Markus Schroer im Vorwort des von ihnen herausgegebenen "Diven, Hacker, Spekulanten": "Ein Glossar zu den Sozialfiguren der Gegenwart existierte bisher nicht." Ihr Buch stellen sie schon durch seine Titelgebung in die Tradition Steins, sammeln darin aber keine Quellentexte, sondern lexikalische Beschreibungen zeitgenössischer Sozialfiguren: 34 sechs- bis siebzehnseitige Kurzessays unterschiedlicher Autoren durchleuchten neben der "Diva", dem "Hacker" und dem "Spekulanten" auch Typen wie den "Berater" und "Manager".

Sozialfiguren, so schreiben die beiden Herausgeber, sind dabei nicht mit Rollen zu verwechseln, die jeder Mensch kontextabhängig spielt (ein Vater kann zugleich Wähler und Angestellter sein). Sie entsprechen auch nicht zwangsläufig Berufstiteln: "Zwar gibt es den Manager, den Berater oder den Therapeuten auch als Berufsbeschreibung. Wenn er jedoch zum Typus wird, dann ist er hinsichtlich seiner Erscheinungs- und Darstellungsform, seines Auftretens und seiner Selbstinszenierung zu einem charakteristischen Merkmal der gegenwärtigen Gesellschaft mutiert." Andere Sozialfiguren entstehen durch "Anrufung" oder Zuschreibungen von dritten, etwa "Der Spießer", dessen Genese die Soziologin Laura Kajetzke von der Neuzeit bis zur Neuen Bürgerlichkeit nachzeichnet. Einige treten in großen Massen auf ("Der Konsument", "Der Fan"), andere sind Einzelgänger oder Minderheiten, die aber dennoch Rückschlüsse auf unsere Zeit zulassen ("Der Amokläufer", "Der Terrorist").

Warum nicht "Der Türke"?

Der Zugriff der Autoren, die zum überwiegenden Teil als Professoren an sozial- und kulturwissenschaftlichen Fakultäten lehren, variiert nach Theoretisierungsgrad und Praxisnähe, sind essayistische Analysen von Teilaspekten, Untersuchungen konkreter Fallbeispiele oder Begriffsgeschichten. Oft sind sie lehrreich und unterhaltsam und treten, in beliebiger Reihenfolge gelesen, anregend in Wechselwirkung: Ist "Der Terrorist" in seiner Intoleranz und Autoritätsgläubigkeit etwa die maximale Steigerung des "Spießers"? Oder gerade nicht, weil es Letzterem zu allererst an Statuserhalt gelegen ist? Wie es einst Gerd Stein den Lesern seines Kulturfigurenbuchs empfahl, lässt sich in "Diven, Hacker, Spekulanten" wie in einem Bilderbuch blättern, bis aus den Skizzen und Portraitstudien ein fragmentarisches Sittengemälde unserer Zeit erwächst.

Bedauerlich ist jedoch, das völlig unklar bleibt, nach welchen Kriterien die besprochenen Figuren ausgewählt worden sind. Ist zum Beispiel der hier als "Homo academicus" beschriebene Karrierewissenschaftler nicht im Kern ein zeitloser und in allen bürokratischen Systemen auftretender Opportunist statt eine eigene Sozialfigur? Wenn der Soziologe Helmuth Berking in seinem Beitrag zu "Der Migrant" schreibt, dass die "emblematische Gestalt des bundesrepublikanischen Migranten" heute "Der Türke" sei, warum wurde dann nicht "Der Türke" beschrieben? Auffällig ist das bis auf eine Ausnahme durchweg männliche Geschlecht der Idealtypen. Gerd Stein hatte immerhin einen seiner fünf Bände Frauenfiguren gewidmet. Kaum vorstellbar, dass es die zwanzig Jahre später gar nicht mehr geben soll.

Abwesend sind zudem Figuren, die in den vergangenen Jahren in Diskussionen außerhalb des akademischen Betriebs auftraten und die man hier gerne bestätigt oder verworfen sähe: "Der Praktikant" und der Internet-affine Freiberufler, der als "digitaler Bohemien" (Holm Friebe/Sascha Lobo) oder "urbaner Penner" (Mercedes Bunz) unterschiedliche Ausdeutungen erfahren hat, werden nur touchiert. Der "Easyjetsetter", den Tobias Rapp in seinem Buch "Lost and Sound" als Akteur einer entgrenzten Popkultur und tragende Säule des Berliner Kultursektors ausmachte, fehlt ganz. Ebenso "Der Nerd", der einstige Außenseiter der Jugendkulturen, der durch Musiker wie Erlend Øye und Hot Chip längst auf Konzertbühnen und in DJ-Kanzeln vorgerückt ist - ein Idealtyp des Informationszeitalters, der auch in Form seiner prominentesten Vertreter wie Bill Gates, Mark Zuckerberg, Karl Rove und Julian Assange noch jene Mischung aus Narzissmus, Dünnhäutigkeit und Soziophobie ausstellt, die ihn einst zum Gespött der Schulhöfe machte.

"Tot genug für eine erste Obduktion"

Eine größere Nähe zu Popkultur und Zeitgeist prägt den von Mark Greif, Kathleen Ross und Dayna Tortorici herausgegebenen englischsprachigen Band "What Was the Hipster?", der sich einer einzigen Sozialfigur verschreibt: Dem enge Hosen und ironische Bärte tragenden, Latte Macchiato trinkenden Hipster, der nach seiner Geburt im Manhattan der späten neunziger Jahre und Klimax in Brooklyn und Berlin nun auch in der kroatischen und peruanischen Provinz angekommen ist - und damit, so die Herausgeber, tot genug für eine erste soziologische Obduktion.

Kernstück des Büchleins, das seine Vorläufigkeit stets betont, ist die Mitschrift einer Podiumsdiskussion, die Redakteure das New Yorker Jungintellektuellen-Magazins n+1 im vergangenen Jahr organisierten. Die stärksten Beiträgen sind aber in den anschließend verfassten "Responses" und "Essays" versammelt, deren Autoren mit verschiedenen Biografien und Blickwinkeln auf die Figur des Hipsters eingehen. Der afro-amerikanische Blogger Patrice Evans untersucht "Hipsterism" als weiße urbane Kultur im Unterschied zum schwarzen urbanen Hiphop. Christopher Glazek beschreibt die Konflikte zwischen hedonistischen Hipstern und orthodoxen Juden im New Yorker Stadtteil Williamsburg. Vor allem geht es aber immer wieder um die politischen Ambivalenzen des "Hipsterism" als Subkultur von oben.

Immerhin sei diese Szene geprägt von den Kindern jener weißen, wohlhabenden baby boomer, die einst die Städte verließen um ein neues Leben in suburbia zu beginnen - und deren Nachwuchs nun in die Cities zurückdrängt, die Gentrifizierung befeuert und sich dabei mit den Insignien der Arbeiterklasse (Schnurrbärte, Trucker-Caps, Dosenbier) schmückt. Künftige Subkultur-Archäologen finden in "What Was the Hipster?" eine Fülle von Analysen und Denkanstößen zu einer Sozialfigur, die eines Tages so seltsam erscheinen wird, wie heute Großstadtindianer und umherschweifende Haschrebellen.

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