Roman von Jenny Erpenbeck Trifft ein Berliner Professor auf Flüchtlinge

Ein gelangweilter Professor im Ruhestand mischt sich unter Asylbewerber: Jenny Erpenbecks neuer Roman "Gehen, ging, gegangen" will die Flüchtlingsdebatte als informative Groteske darstellen, bedient aber nur Wohlstandsbürger-Klischees.

Flüchtlinge im bayerischen Rosenheim (im August): Waren sie je im Bode-Museum?
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Flüchtlinge im bayerischen Rosenheim (im August): Waren sie je im Bode-Museum?

Von Dana Buchzik


Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass die Hauptfigur auch das Hauptproblem dieses Romans darstellt. Richard, ein emeritierter Professor, langweilt sich seitenlang in seinem Haus am See. Schwelgt in Erinnerungen, bewundert seine elegante Art, Zwiebeln zu schneiden, und schämt sich beim Nachrichtengucken halbherzig, "dass er Abendbrot isst, während er auf dem Bildschirm totgeschossene Menschen sieht".

Die hungerstreikenden Flüchtlinge nimmt Richard nicht wahr, als er über den Berliner Alexanderplatz bummelt; nachdem er aber in der Zeitung von ihnen gelesen hat, kehrt er zurück: "Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr hinausgefallen sind."

Der gelangweilte Rentner staffiert sich mit Notizbuch und Stift aus und befragt die Geflüchteten nach ihrer Geschichte: "Wenn du Glück hast, wirst du geschlagen, wenn du Pech hast, wirst du erschossen ... Dann haben sie aus den Telefonen die SIM-Karten herausgenommen und vor unseren Augen zerbrochen, dann die Speicherkarten ... Broke the memory, sagt Awad. Das Gedächtnis zerbrochen ... Wer zurückzuschwimmen versucht, wird erschossen. Wir wussten nicht, wohin das Boot fährt ... Wir haben in eine leere Plastikflasche mit den Zähnen eine größere Öffnung hineingebissen, dann ein paar Schnürsenkel aus unseren Schuhen zusammengebunden, die Flasche angehängt, runtergelassen, und das Meerwasser geschöpft. Man muss ja trinken ... Die Toten wurden ins Meer geworfen."

Schriftstellerin Erpenbeck: Auf Feuilletons und Preisjurys hin geschrieben
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Schriftstellerin Erpenbeck: Auf Feuilletons und Preisjurys hin geschrieben

Je mehr Einblick Richard in die Welt der Flüchtlinge erhält, aus deren Alltag jede Selbstverständlichkeit gekippt ist, desto aktiver wird er: Tagsüber versorgt er die Flüchtlinge mit Kleidung und Nahrungsmitteln und begleitet sie zu anstehenden Behördenterminen; abends arbeitet er sich, zunehmend fassungslos, durch den europäischen Paragrafendschungel: "Es geht in dieser Verordnung gar nicht darum zu klären, ob diese Männer Kriegsopfer sind. Zuständig für den Inhalt ihrer Geschichte ist einzig das Land, in dem sie zum ersten Mal europäischen Boden betreten haben. Nur dort dürfen sie um Asyl bitten, nirgends sonst ... Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen. Ein sogenannter Asylbetrüger ist also auch jemand, der eine wahre Geschichte dort erzählt, wo man sie nicht anhören muss."

Bürokratischer Hindernisparcours

"Gehen, ging, gegangen" leistet in seinen dokumentarischen Passagen einen wichtigen Beitrag zur Flüchtlingsdebatte. Jenny Erpenbeck erzählt in ihrem siebten Buch von der Groteske, die es bedeutet, wenn ein Land mit Zehntausenden unbesetzter Lehrstellen und Fachkräftemangel es Asylbewerbern schier unmöglich macht, sich Arbeit zu suchen.

Sie beleuchtet den bürokratischen Hindernisparcours, den Flüchtlinge absolvieren müssen, eine Matrix aus Auflagen und Verordnungen, die selbst für Muttersprachler kaum verständlich sind; für Asylbewerber, erst recht jene, die der neuen Sprache noch nicht mächtig sind, schnurrt die verworrene Gesetzeslage zu einem großen "Nein" zusammen, das ihr Schutzbedürfnis und ihre Individualität negiert.

Immer dann, wenn Erpenbeck den Stimmen der Menschen Raum lässt, die alles verloren haben, wird "Gehen, ging, gegangen" zur eindringlichen, zur relevanten Lektüre. Leider kommentiert Richard permanent die Geschichten der Flüchtlinge und versucht sie auf seine gutbürgerliche Lebens- und Leserwelt anzuwenden: Auch Blanscheflur starb bei Tristans Geburt, konstatiert der emeritierte Professor, als ein verwaister Flüchtling ihm seine Geschichte erzählt. Auch Mozarts Tamino wurde geprüft und davon abgehalten, weiterzugehen, sinniert Richard, auch Goethes Iphigenie war letztlich Emigrantin auf Tauris - auf den Gedanken, dass zwischen Emigration und Flucht ein Unterschied bestehen könnte, kommt Erpenbecks Protagonist nicht.

Stattdessen fragt er sich: "Ob irgendeiner von den Männern hier je im Bode-Museum war?" und gibt ihnen neue Namen (u.a. "Tristan", "Apoll" und "schwarzer Mond von Wismar"), weil er sich die afrikanischen so schlecht merken kann.

Richard bleibt bis zuletzt in kolonialen Denkmustern verhaftet, bezeichnet die Flüchtlinge als "Fremdling" oder "Schwarzhäutige". Er setzt sich, mit Kant gesprochen, nicht aus moralischer Pflicht mit den Geflüchteten auseinander, sondern weil er davon profitiert. Weil er bei schwer traumatisierten Menschen letztlich nur - wie auch der Verlag es formuliert - "Antworten auf seine Fragen" sucht.

Das neue Buch der vielfach ausgezeichneten Erfolgsschriftstellerin ("Heimsuchung") zeigt, wie schlecht es um die politische Literatur in Deutschland bestellt ist. Statt die Geschichten der Geflüchteten in den Vordergrund zu stellen, wird "Gehen, ging, gegangen" von einem Wohlstandsbürger dominiert, der sich weltoffen und aufgeklärt fühlt und die eigene, von Ressentiments durchsetzte Ignoranz nicht bemerkt. Erpenbecks Roman ist ein klassischer Pressetitel, auf Feuilletons und Preisjurys zugeschrieben; anders gesagt: auf Leser zugeschrieben, die sich in Richard wiederfinden werden.

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