Fiktive Attacke auf Präsidentschaftskandidaten Einer werfe den ersten Kiesel

Eine alte Dame attackiert einen Politiker - und ihr Sohn krempelt sein Leben um. Im Roman "Geister" fragt Nathan Hill, wie man richtige Entscheidungen trifft - ein perfekter Begleittext zum US-Wahlkampf.

Polizei und Demonstranten am Rande des Parteitags der US-Demokraten 1968
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Polizei und Demonstranten am Rande des Parteitags der US-Demokraten 1968

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"Sein Redestil", heißt es über den republikanischen Präsidentschaftskandidaten, "ist eine Art verbaler Impressionismus." Es sei, als ob "die Worte exakt in dem Moment seinen Mund verlassen, da sie ihm in den Sinn kommen."

Alle machen sich lustig, er ist das Hassliebeobjekt aller Liberalen. Und dann kommt eine ältere Frau in Yogaklamotten, bewirft ihn mit Kieseln, und die Welt stürzt ein.

Natürlich ist das nicht Donald Trump, auch wenn die Ähnlichkeit sicher kein Zufall ist. Genauso wenig wie die Tatsache, dass Nathan Hills Debütroman "Geister" mitten in die heiße Phase des US-Wahlkampfs knallt - dreht er sich doch rund um einen Nominierungsparteitag 2011, als jener Kandidat namens Packer einen in die Fresse kriegt.

"Radikale 68erin attackiert Gouverneur Packer!", hyperventilieren die Medien. Aus dem Kiesel, den Faye Anderson-Andresen da geschmissen hat, wird ein Attentat, sie zur al-Qaida-Verbündeten und nach den Post-9/11-Terrorgesetzen angeklagt. (Dass Meryl Streep sich schon die Rechte gesichert hat und mit "Lost"-Erfinder J.J. Abrams eine TV-Serie aus dem Roman entwickeln will, überrascht da kaum.)

Ohne die Diskussion über die "Ära des Postfaktischen" überzustrapazieren, so dreht sich der Kern dieses Romans eben doch um die Frage: Wissen wir, auf welcher Basis wir uns wie entscheiden? Was, wenn alles nur Fiktion ist, überall nur "Geister"?

Ein Buch übers Lebenführen

Die Figur, die nach dem #KieselGate im Zentrum steht, ist allerdings Samuel Anderson-Andresen, Fayes Sohn und angenehmerweise nicht immer rasend sympathisch. Ein junger Englisch-Dozent, der gelähmt ist vom Leben und sich ablenkt, indem er 40 Stunden die Woche im Computerspieluniversum "World of Elfscape" Orks wegballert. "Einer dieser Tage wird der Tag sein, der alles ändert", heißt es. "Morgen, schwört er sich."

Somit beginnt in diesem Sohn-Mutter-Roman ein fast 900 Seiten langes Räsonnieren über die Frage, was passiert, wenn man Entscheidungen trifft, was passiert, wenn sich doch Zweifel einschleichen. Also im besten Sinne ein Buch übers Lebenführen, ohne auch nur den leisesten Hauch von Schmonzetten-Selbsthilfe.

Samuels Handeln dreht sich um Bethany, die Zwillingsschwester seines Schulfreunds. Selbst die Kurzgeschichte, die ihm kurzen Ruhm und einen dicken Romanvertrag einbrachte, hatte er nur mit ihr im Sinn verfasst. "Samuel denkt an Bethany wie andere an Gott denken mögen. So wie in: Wie beurteilt mich Gott? Wie wird er mich richten?" Das Ziel: irgendwann so erfolgreich zu sein, dass er ihr, der Weltklasse-Violinistin, das Wasser reichen könnte.

Tja, den Roman hat er nicht mal richtig begonnen, den fetten Vorschuss verpulvert, der Verlag drängt. Und als dann seine entfremdete verhasste Mutter vor der Weltöffentlichkeit diesen Kieselstein packt, tut sich auf einmal die Chance auf. Mit "Die Packer-Attackerin - die wahre Geschichte" zum Bestsellerautor werden und sich an der Mutter rächen, die ihn vor 20 Jahren verließ, als er noch ein Kind war. Win-win-win.

Der Wert einer Tat ist hier rein ökonomisch bestimmt: Was bringt's? Und während sich Samuel noch über seine Studentin echauffiert, die beim Aufsatz über Hamlet geschummelt hat, woraus sich ein sensationell komischer Romanblock um diesen Campus-Alltag entspinnt, ist er natürlich selbst längst korrumpiert. Er macht sich auf die Suche nach seiner Mutter, füllt nach und nach die Lücken in seiner Familiengeschichte. Nur um zu begreifen, dass all seine bisherigen Entscheidungen auf einem Fundament aus Fiktionen basieren.

"Wahrheit oder Pflicht" zum Kapitelende

Autor Nathan Hill
Getty Images

Autor Nathan Hill

Nathan Hill wird schon mit John Irving verglichen (der ihn einen "Maestro" nennt), und ja, in der Kategorie "Dicker Familienepos, der zugleich US-Geschichte erzählt" gibt es Parallelen. "Geister" wandert durch die Jahrhunderte, widmet wunderbar ausgeruhte Episoden norwegischen Auswanderergeschichten, der 68er-Revolution und Occupy Wallstreet, mit anrührenden Porträts von US-Soldaten, die im Irak auf Patrouille sind, einer Englisch-Studentin, die eigentlich nur in Social-Media-Gruppen lebt, oder einem Computerspielsüchtigen auf Entzug.

Da enden die Gemeinsamkeiten aber schon wieder, Tonfall und Plot sind unvergleichlich, in Sachen Originalität spielt Hill eher in der Liga von David Foster Wallace oder Jonathan Safran Foers "Extrem laut und unglaublich nah".

Die schlagendste Idee, sein Leitmotiv weiterzudrehen aber ist, über den Computerspielfreak Samuel Lesen und Spieltheorie zu verbinden: Kapitel um Kapitel beendet Hill mit einer Art "Wahrheit oder Pflicht"-Situation: "Um mit Bethany nach Hause zu gehen, blättere auf die nächste Seite ...". Wir werden vom Autor wie bei Sheherazade dazu genötigt, uns zu entscheiden - am besten fürs Weiterzählen: der Akt des Lesens als Ur-Spiel. Grandios.

"Du bist wie der steinzeitliche Höhlenmaler, der zweidimensionale Tiere malt, weil die räumliche Perspektive noch nicht erfunden wurde", überlegt Samuel einmal. "Du kannst in nichts anderem arbeiten als in deinen eigenen beengten Dimensionen. Du lässt geschehen, was geschieht." Fürs Umblättern einer Buchseite reicht es allemal. Die Folgen sind zum Glück nicht unrevidierbar. In der Weltpolitik zurückzublättern ist weiß Gott schwieriger.

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