Gen-Debatte: Der Vier-Gigabyte-Mann

Von

Autor Powers: "Nütze dein Leben, so gut du kannst, sonst wirst du es bereuen" Zur Großansicht
John Foley/ Opale/ Studio X

Autor Powers: "Nütze dein Leben, so gut du kannst, sonst wirst du es bereuen"

Was passiert, wenn wir unser eigenes Erbgut kennen? US-Autor Richard Powers hat sein Genom entschlüsseln lassen, als neunter Mensch auf der Erde. Jetzt erzählt er, wie ihn als Strichmännchen plötzlich Furcht vor Fettleibigkeit packen sollte - und was vier Gigabyte Daten wirklich über ihn sagen.

Dass zu viel Wissen Probleme bereiten kann, weiß die Welt spätestens seit Ödipus. Der mythische Held der alten Griechen erfährt von einem Orakel, er werde seinen Vater erschlagen und seine Mutter ehelichen. Das ist an sich schon keine besonders angenehme Nachricht. Weil Ödipus die Information nun nicht richtig zu deuten weiß - er täuscht sich im Bezug auf die Identität seiner Eltern -, nimmt das Drama seinen Lauf. Der Orakelspruch wird Realität. Und Ödipus sticht sich nach dem Mord an seinem Vater und dem Selbstmord seiner Mutter die Augen aus.

Anfang des Jahres 2008: Für den US-Erfolgsautor Richard Powers stellt sich die Frage, wie viel er eigentlich über sein zukünftiges Schicksal wissen möchte. Per E-Mail fragt das Magazin "Gentleman's Quarterly" an, ob der Schriftsteller bereit sei, als neunter Mensch auf dem Planeten sein Genom entschlüsseln zu lassen. Von den Erfahrungen solle er anschließend in einer Reportage berichten.

Powers überlegt und zitiert dann George Eliot, die in ihrem Roman "Middlemarch" schreibt, "unter allen Formen der Dummheit" sei "die Prophezeiung die überflüssigste" - und sagt zu.

Damit endet für den Schriftsteller "die glückselige Unwesenheit meines unerforschten Lebens". Im gerade in Buchform erschienenen Essay "Das Buch Ich #9" berichtet Powers davon, wie er sich, herausgerissen aus der Arbeit an seinem Roman "Das größere Glück", auf das Abenteuer Genomentschlüsselung einlässt. Er beschreibt, wie aus vier Röhrchen Blut "nach 2000 Arbeitsstunden und 9000 Stunden Premium-Rechenzeit" vier Gigabyte Genomdaten werden; wie seine DNA in einem Labor in New Jersey isoliert und gereinigt und anschließend im chinesischen Shenzen von Forschern des Beijing Genomic Institute sequenziert wird. Der geringeren Lohnkosten wegen.

Eine Bibliothek voller Genomdaten

Die Informationsfülle des menschlichen Genoms erschließt sich am besten über Metaphern: Verteilt auf 250 Seiten starke Bücher bräuchte man für dessen Ausdruck ganze 12.000 Bände. Und als Musikstück mit 120 Beats per Minute gespielt, würde die Abfolge der Töne knapp ein Jahrhundert dauern. Powers will herausfinden, wie es uns verändert, wenn wir diese Informationen jederzeit verfügbar haben. Schnell wird ihm klar: Das schiere Sammeln der Daten ist für Wissenschaftler längst Routine geworden, allein die Deutung bereitet Schwierigkeiten - und was für welche!

Filmreich inszeniert erfolgt einige Wochen nach Blutabnahme die Übergabe der Analyseergebnisse: Im gediegenen Harvard-Club zu Boston bekommt der Schriftsteller einen USB-Stick in einem Rosenholzkästchen überreicht. Kurz vorher schwant dem Autor bereits: "Gute Nachrichten sind aus meinem Genom nicht zu erwarten; im günstigsten Falle kommt überhaupt nichts Eindeutiges heraus."

Und genau so läuft es: Der Schriftsteller erfährt, dass er zahllose Erbgutvarianten trägt, die mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Krankheiten in Verbindung gebracht werden. Ein Leiden, das durch die Störung eines einzigen Gens bestimmt wird, hat er indes nicht: "Ich weiß jetzt, dass ich 248 genetische Varianten in mir habe, die mein Risiko erhöhen, an ungefähr 77 Krankheiten zu erkranken." Beispiel gefällig? "Altersbedingte Makuladegeneration, Alzheimer, Asthma, Atopie, atopisches Ekzem, Autismus - und das sind nicht einmal alle Krankheiten mit A."

Doch was sagen die Informationen auf dem USB-Stick tatsächlich aus? Experten diskutieren längst über die tatsächliche Informationskraft der Gendaten - und darüber, wie groß der Einfluss der Umwelt auf unsere Erbanlagen ist. Genetische Auffälligkeiten, die in zahllosen Studien auf bestimmte Krankheiten hindeuten, sind nämlich in Wahrheit rein mathematische Assoziationen. Insgesamt 850 davon glauben Forscher im menschlichen Erbgut ausgemacht zu haben, doch die Prognosekraft dieser Erkenntnisse ist sehr begrenzt.

Powers zum Beispiel hat neun genetische Varianten, die als Indikator für ein erhöhtes Darmkrebsrisiko in den Datenbanken verzeichnet sind - und zehn Gen-Passagen, die auf ein unterdurchschnittliches Risiko deuten. Was ist nun davon zu halten? Und soll sich der Autor eher um sein von den Genetikern prognostiziertes erhöhtes Alzheimer-Risiko kümmern oder doch eher um seine Veranlagung zur Fettleibigkeit?

Spott für das Strichmännchen - den Genen zum Trotz

Apropos Fettleibigkeit: Powers hat nach Aussagen der Wissenschaftler ein Dutzend genetische Varianten, die von einem hohen Risiko zu Körperfülle künden sollen. Doch tatsächlich war in seinem Leben davon nie etwas zu spüren - ganz im Gegenteil. In der Familie wurde der Literat stets als Strichmännchen verspottet. Und so beginnt er zu ahnen: "Offenbar steckt die Untersuchung der Rolle von Umwelteinflüssen noch ganz in den Anfängen." Denn längst nicht jeder Mensch mit einer genetischen Prädisposition für ein bestimmtes Leiden entwickelt dieses auch.

"Das Buch Ich #9" bildet die Debatte über die Rolle der Umwelteinflüsse auf unser Leben freilich nur bedingt ab. Große Teile des kurzen Textes sind vom deterministischen Glauben bestimmt, dass wir unser genetisches Schicksal eines Tages in die Hand nehmen können, wenn wir nur genug Ressourcen investieren. "Das allmähliche Ersetzen des Zufalls durch gezielte Steuerung" nennt Powers das.

Nur manchmal schimmern Zweifel durch, zum Beispiel wenn George Church, den der Autor als "Edison der Genomforschung" beschreibt, erklärt: "Die Leute wissen, dass das eine Vereinfachung ist; sie wissen, dass Gene komplizierter sind als das. Und sie wissen auch, dass die Umwelt die Ausprägung dieser Anlagen beeinflusst." Doch dieser Aspekt spielt in Powers Essay eben selten eine Rolle - vielleicht auch, weil das 2008 geschriebene (und teilweise etwas holprig übersetzte) Buch die jüngsten Forschungsergebnisse auf dem Feld der Epigenetik nicht abbildet.

Massiv sinkende Kosten, schnellere Analyseverfahren: Wir alle werden schon bald Zugriff auf unsere Gen-Informationen haben, sagt der Autor - und wir haben nur kurze Zeit, uns auf diesen Moment vorzubereiten. Wäre das tatsächlich so, und einiges deutet darauf hin, dann werden wir uns alle früher oder später in einer Situation wie Powers wiederfinden.

Wir werden erkennen, dass sich aus der Entschlüsselung des persönlichen Genoms allzu oft nur allgemeine Ratschläge formulieren lassen. So wie jener ganz am Schluss des Buches: "Nütze dein Leben, so gut du kannst, sonst wirst du es bereuen."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
Kanzla87 13.08.2010
Und wieder einmal ein Versuch des Menschen, Gott zu spielen. Da wird versucht, sämtlichen Ursachen auf den Grund zu gehen und trotzdem kommt man auf keine (wirklich weiterbringende) Antwort. Und es wird auch immer so bleiben: Der Mensch forscht und entdeckt statt neuer Antworten nur immer tiefergehende Fragestellungen. Aber das ist eben der Unterschied zwischen Mensch und Gott...
2. Warum bin ich nur 800 MByte?
greeny1701 13.08.2010
Kann mir jemand erklären, wie 4 GByte Daten zustande kommen? Mit den 3,27×10^9 Basenpaaren des menschlichen Genoms (Quelle:Wikipedia), die je zwei Bit veranschlagen, komme ich "nur" auf 6,54 Gbit bzw. 0,8175 GByte.
3. Saure-Gurken-Zeit bei Spiegel Online...
graf.koks 13.08.2010
Zitat von sysopWas passiert, wenn wir unser eigenes Erbgut kennen? US-Autor Richard Powers hat sein Genom entschlüsseln lassen, als neunter Mensch auf der Erde. Jetzt erzählt er, wie ihn als Strichmännchen plötzlich Furcht vor Fettleibigkeit packen sollte*- und was vier Gigabyte Daten wirklich über ihn sagen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,711531,00.html
Ein weitgehend sinnfreier Artikel über ein kleines Buch aus dem Jahre 2008, das offenbar damals schon schwach geschrieben war und "holperig" übersetzt wurde. Und dazu noch ein Forum! Hiermit möchte ich mich beim Spon bewerben als freier Autor, da ich auch eine Menge Theman aus dem letzten Jahrzehnt auf Lager habe. Au weia, das Sommerloch muß wirklich tief sein!
4. A, C, G und T
benchok 13.08.2010
Ich kann mir kaum vorstellen, dass das Wissen über meine individuelle Zusammensetzung bestehend aus zufällig angeordneten As, Cs, Gs und Ts, einen Einfluss auf meine persönliche Einstellung zum Leben haben wird. Vielmehr werden Krankenkassen und Arbeitgeber das Speichern dieser Buchstabenpaare in Auftrag geben um ihre potentiellen Kosten und Risiken mit Kalkül zu kalkulieren. Vielleicht ist das auch der erste Schritt in eine "Schöne neue Welt". Unabhängig davon, stimme ich dem Autor zu: carpe diem.
5. Zauberlehrlinge
mbschmid, 13.08.2010
Was wissen wir den schon über das menschliche Genom? Ja, schön, wir können es auslesen. Das ist etwa so, als hätte man eine Bibliothek voller ägyptischer Hieroglyphen ohne Wörterbuch dazu. Und jetzt gibt es ein paar Zauberlehrlinge, die glauben sie können doch schon etwas raus lesen. Nach allem was bekannt ist, grenzt das bis jetzt immer noch an Kaffeesatzleserei. Nicht zu viel Wissen ist schädlich. Halbwissen zum Wissen zu erklären, dass ist schädlich. So viel ich weiss, könnte ein Genetiker, wenn er nur meinen genetischen Code hat, noch nicht mal sagen, welche Augenfarbe ich habe, und so lange das so ist, sollen sie in ihren Labors bleiben und arbeiten, bis sie endlich etwas sinnvolles wissen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema Genforschung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 15 Kommentare
Illustration Leonello Calvetti für den SPIEGEL; Foto Axel Martens für den SPIEGEL
Heft 32/2010:
Der Sieg über die Gene
Klüger, gesünder, glücklicher: Wie wir unser Erbgut überlisten können

Inhaltsverzeichnis

Titelthema -: diskutieren Sie mit

Hier geht es zum E-Paper

Hier kaufen Sie das Heft

Hier finden Sie Ihre Abo-Angebote und Prämien


Zur Person
John Foley/ Opale/ Studio X
Richard Powers, 53, gilt als einer der erfolgreichsten Romanciers der Gegenwart. Seine Romane, u.a. " Der Klang der Zeit" (2004), "Das Echo der Erinnerung" (2006) und "Das größere Glück" befassen sich oft mit naturwissenschaftlichen und technischen Themen - und sind gerade auf dem deutschsprachigen Buchmarkt sehr populär. Im Jahr 2006 wurde Powers mit dem National Book Award for Fiction, der bedeutendsten amerikanischen Literaturauszeichnung, geehrt. Er lehrt an der Universität von Illinois und war im Sommer 2009 Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin.
Buchtipp

Richard Powers:
Das Buch Ich # 9

Fischer S. Verlag; 78 Seiten; 12,00 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


Fotostrecke
Das Wissen um die DNA: Was Gene verraten
Das Erbgut
Genom
Das Genom bezeichnet das gesamte Erbgut eines Organismus. Außer bei einigen Viren besteht es immer aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das Genom beinhaltet den Bauplan für die Produktion sämtlicher Proteine (Eiweißmoleküle), die ein Organismus zum Leben benötigt. Ein Gen ist ein Sequenzabschnitt auf dem Genom und beinhaltet die Erbinformation für ein Protein. Die einzelnen Bausteine der DNA sind vier verschiedene sogenannte Nukleinsäuren: A, C, T und G.
Messenger-RNA (mRNA)
Die mRNA ist eine Art Genabschrift oder Blaupause der DNA. Nur die mRNA kann von den Proteinfabriken der Zellen, den sogenannten Ribosomen gelesen werden. Sie gibt ihnen vor, in welcher Reihenfolge Aminosäuren - die Bausteine von Proteinen - für das jeweilige Protein zu verknüpfen sind.
Codon
Ein Codon ist eine Folge von drei Bausteinen (Nukleotiden oder Basen) der DNA und analog auch der mRNA. Ein Codon steht für eine bestimmte Aminosäure oder als Stoppsignal, welches das Ende einer Bauanweisung für ein Protein kennzeichnet.
Genetischer Code
Der genetische Code ist die Zuordnung der Basen-Dreiergruppen und der Aminosäuren. Da vier verschiedene Basen zur Auswahl stehen, umfasst der genetische Code insgesamt 64 Codons. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehr als ein Codon. So stehen beispielsweise die Codons CAG und CAA für die gleiche Aminosäure, die Glutaminsäure.
Transfer-RNA (tRNA)
Die tRNAs übernehmen eine Adapterfunktion beim Bau der Proteine: Jede tRNA hat auf der einen Seite jeweils ein sogenanntes Anticodon, das passend zum Codon auf der mRNA ist. Auf der anderen Seite ist sie mit der zugehörigen Aminosäure beladen. Auf diese Weise wird der genetische Code auf der mRNA abgelesen und in die entsprechende Aminosäurekette zum Protein verwandelt. Dieser Prozess geschieht in den Ribosomen.