Dass zu viel Wissen Probleme bereiten kann, weiß die Welt spätestens seit Ödipus. Der mythische Held der alten Griechen erfährt von einem Orakel, er werde seinen Vater erschlagen und seine Mutter ehelichen. Das ist an sich schon keine besonders angenehme Nachricht. Weil Ödipus die Information nun nicht richtig zu deuten weiß - er täuscht sich im Bezug auf die Identität seiner Eltern -, nimmt das Drama seinen Lauf. Der Orakelspruch wird Realität. Und Ödipus sticht sich nach dem Mord an seinem Vater und dem Selbstmord seiner Mutter die Augen aus.
Anfang des Jahres 2008: Für den US-Erfolgsautor Richard Powers stellt sich die Frage, wie viel er eigentlich über sein zukünftiges Schicksal wissen möchte. Per E-Mail fragt das Magazin "Gentleman's Quarterly" an, ob der Schriftsteller bereit sei, als neunter Mensch auf dem Planeten sein Genom entschlüsseln zu lassen. Von den Erfahrungen solle er anschließend in einer Reportage berichten.
Powers überlegt und zitiert dann George Eliot, die in ihrem Roman "Middlemarch" schreibt, "unter allen Formen der Dummheit" sei "die Prophezeiung die überflüssigste" - und sagt zu.
Damit endet für den Schriftsteller "die glückselige Unwesenheit meines unerforschten Lebens". Im gerade in Buchform erschienenen Essay "Das Buch Ich #9" berichtet Powers davon, wie er sich, herausgerissen aus der Arbeit an seinem Roman "Das größere Glück", auf das Abenteuer Genomentschlüsselung einlässt. Er beschreibt, wie aus vier Röhrchen Blut "nach 2000 Arbeitsstunden und 9000 Stunden Premium-Rechenzeit" vier Gigabyte Genomdaten werden; wie seine DNA in einem Labor in New Jersey isoliert und gereinigt und anschließend im chinesischen Shenzen von Forschern des Beijing Genomic Institute sequenziert wird. Der geringeren Lohnkosten wegen.
Eine Bibliothek voller Genomdaten
Die Informationsfülle des menschlichen Genoms erschließt sich am besten über Metaphern: Verteilt auf 250 Seiten starke Bücher bräuchte man für dessen Ausdruck ganze 12.000 Bände. Und als Musikstück mit 120 Beats per Minute gespielt, würde die Abfolge der Töne knapp ein Jahrhundert dauern. Powers will herausfinden, wie es uns verändert, wenn wir diese Informationen jederzeit verfügbar haben. Schnell wird ihm klar: Das schiere Sammeln der Daten ist für Wissenschaftler längst Routine geworden, allein die Deutung bereitet Schwierigkeiten - und was für welche!
Filmreich inszeniert erfolgt einige Wochen nach Blutabnahme die Übergabe der Analyseergebnisse: Im gediegenen Harvard-Club zu Boston bekommt der Schriftsteller einen USB-Stick in einem Rosenholzkästchen überreicht. Kurz vorher schwant dem Autor bereits: "Gute Nachrichten sind aus meinem Genom nicht zu erwarten; im günstigsten Falle kommt überhaupt nichts Eindeutiges heraus."
Und genau so läuft es: Der Schriftsteller erfährt, dass er zahllose Erbgutvarianten trägt, die mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Krankheiten in Verbindung gebracht werden. Ein Leiden, das durch die Störung eines einzigen Gens bestimmt wird, hat er indes nicht: "Ich weiß jetzt, dass ich 248 genetische Varianten in mir habe, die mein Risiko erhöhen, an ungefähr 77 Krankheiten zu erkranken." Beispiel gefällig? "Altersbedingte Makuladegeneration, Alzheimer, Asthma, Atopie, atopisches Ekzem, Autismus - und das sind nicht einmal alle Krankheiten mit A."
Doch was sagen die Informationen auf dem USB-Stick tatsächlich aus? Experten diskutieren längst über die tatsächliche Informationskraft der Gendaten - und darüber, wie groß der Einfluss der Umwelt auf unsere Erbanlagen ist. Genetische Auffälligkeiten, die in zahllosen Studien auf bestimmte Krankheiten hindeuten, sind nämlich in Wahrheit rein mathematische Assoziationen. Insgesamt 850 davon glauben Forscher im menschlichen Erbgut ausgemacht zu haben, doch die Prognosekraft dieser Erkenntnisse ist sehr begrenzt.
Powers zum Beispiel hat neun genetische Varianten, die als Indikator für ein erhöhtes Darmkrebsrisiko in den Datenbanken verzeichnet sind - und zehn Gen-Passagen, die auf ein unterdurchschnittliches Risiko deuten. Was ist nun davon zu halten? Und soll sich der Autor eher um sein von den Genetikern prognostiziertes erhöhtes Alzheimer-Risiko kümmern oder doch eher um seine Veranlagung zur Fettleibigkeit?
Spott für das Strichmännchen - den Genen zum Trotz
Apropos Fettleibigkeit: Powers hat nach Aussagen der Wissenschaftler ein Dutzend genetische Varianten, die von einem hohen Risiko zu Körperfülle künden sollen. Doch tatsächlich war in seinem Leben davon nie etwas zu spüren - ganz im Gegenteil. In der Familie wurde der Literat stets als Strichmännchen verspottet. Und so beginnt er zu ahnen: "Offenbar steckt die Untersuchung der Rolle von Umwelteinflüssen noch ganz in den Anfängen." Denn längst nicht jeder Mensch mit einer genetischen Prädisposition für ein bestimmtes Leiden entwickelt dieses auch.
"Das Buch Ich #9" bildet die Debatte über die Rolle der Umwelteinflüsse auf unser Leben freilich nur bedingt ab. Große Teile des kurzen Textes sind vom deterministischen Glauben bestimmt, dass wir unser genetisches Schicksal eines Tages in die Hand nehmen können, wenn wir nur genug Ressourcen investieren. "Das allmähliche Ersetzen des Zufalls durch gezielte Steuerung" nennt Powers das.
Nur manchmal schimmern Zweifel durch, zum Beispiel wenn George Church, den der Autor als "Edison der Genomforschung" beschreibt, erklärt: "Die Leute wissen, dass das eine Vereinfachung ist; sie wissen, dass Gene komplizierter sind als das. Und sie wissen auch, dass die Umwelt die Ausprägung dieser Anlagen beeinflusst." Doch dieser Aspekt spielt in Powers Essay eben selten eine Rolle - vielleicht auch, weil das 2008 geschriebene (und teilweise etwas holprig übersetzte) Buch die jüngsten Forschungsergebnisse auf dem Feld der Epigenetik nicht abbildet.
Massiv sinkende Kosten, schnellere Analyseverfahren: Wir alle werden schon bald Zugriff auf unsere Gen-Informationen haben, sagt der Autor - und wir haben nur kurze Zeit, uns auf diesen Moment vorzubereiten. Wäre das tatsächlich so, und einiges deutet darauf hin, dann werden wir uns alle früher oder später in einer Situation wie Powers wiederfinden.
Wir werden erkennen, dass sich aus der Entschlüsselung des persönlichen Genoms allzu oft nur allgemeine Ratschläge formulieren lassen. So wie jener ganz am Schluss des Buches: "Nütze dein Leben, so gut du kannst, sonst wirst du es bereuen."
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