Generationenkonflikt "Ich habe nie geglaubt, dass die 68er Antifaschisten waren"

In ihrem Roman "Das bleiche Herz der Revolution" rechnet Sophie Dannenberg schonungslos mit der Generation ihrer Eltern ab. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sprach die 33-Jährige über sexuelle Befreiung und Unterdrückung und die Auseinandersetzung der 68er mit dem Nationalsozialismus.


 Autorin Sophie Dannenberg: "Das ist Baby-Anarchismus!"
Stefan Ulrich Meyer

Autorin Sophie Dannenberg: "Das ist Baby-Anarchismus!"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Dannenberg, Sie wurden 1971 geboren und schreiben über die 68er. Wollen Sie sich mit ihrem Buch an der Generation Ihrer Eltern rächen?

Dannenberg: Wenn die Wahrheit Rache an der Lüge ist - dann ist es so. Es geht mir darum, den verschwiegenen Teil der Wahrheit zur Sprache zu bringen. Schon in meinem linken Kinderladen habe ich gelernt, dass man die Wahrheit sagen muss, auch wenn es unangenehm ist. Übrigens habe ich gar nicht mit dem Vorsatz begonnen, über '68 zu schreiben. Ich habe angefangen, eine Familiengeschichte zu schreiben, in der es um den Verlust des Glaubens ging, den Gottesverlust innerhalb einer Gesellschaft. Ich habe versucht, diese Spur zurückzuverfolgen. Im Laufe des Schreibens ging mir mehr und mehr auf, welche politischen Implikationen das Thema hat. Und ich fing an, über '68 nachzudenken und zu recherchieren. Und so wurde aus meinem Buch unter anderem ein Buch über 1968.

SPIEGEL ONLINE: Es war also nicht etwas, was Ihnen seit langem auf der Seele brannte?

Dannenberg: Das Thema hat sich angepirscht. Dass daraus ein Roman wird, wurde erst ziemlich spät klar. Obwohl '68 eigentlich das große Thema meiner Generation ist. Wir sind ja in diesem Zeitgeist geradezu gebadet worden. Nun müssen wir ihn ausbaden. Was liegt also näher, als darüber zu schreiben?

SPIEGEL ONLINE: Der Name Sophie Dannenberg ist nicht Ihr richtiger Name. Es wurde gemunkelt, dass Sie die Tochter eines prominenten Politikers sind. Haben Sie etwas zu verbergen?

Dannenberg: Natürlich nicht. Ich bin scheu und möchte vermeiden, dass Leser und Journalisten gleich in meinem Wohnzimmer stehen. Ich wollte eine zweite Tür einbauen. Der nom de plume ist so etwas wie eine Büroadresse. Ich komme auch nicht aus einer prominenten Familie, mich kennt keiner.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 1971 geboren. Große Teile ihres Romans spielen aber Ende der sechziger Jahre an der Universität in Frankfurt. Was haben Sie denn wirklich selbst mitbekommen?

Dannenberg: Im Roman finden sich Splitter und Spuren aus meinem Leben, aber nichts ist deckungsgleich abgebildet. Grundsätzlich ist es so, dass autobiografische Elemente sich während des Schreibens verändert haben. Ich komme gleichwohl aus einem linken Umfeld. Das ideologische Programm habe ich durchaus mitbekommen. Und ich kenne die Atmosphäre der Zeit. Ich kenne die Typen. Außerdem habe ich viel mit Archivmaterial, Dokumentationen und Selbstzeugnissen von 68ern gearbeitet. Meine eigene Familie habe ich ausdrücklich nicht porträtiert. Das hätte mir die Freiheit genommen, auf die konkreten Probleme meines Themas einzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen wird vorgeworfen, mit billigen Klischees gearbeitet und vollkommen übertrieben zu haben.

Kommunarden Langhans, Teufel, r.: "Die 68er waren groß im Zerstören von Institutionen und Werten"
AP

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Dannenberg: Das ist nicht ganz falsch. In der Tat arbeite ich in diesem Buch gelegentlich mit Übertreibungen, Verzerrungen und mit Klischees. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Selbstdarstellung vieler 68er seltsam starr und klischeehaft ist, perückenhaft wild. Wenn wir nach '68 fragen, müssen wir also zuerst nach den Klischees fragen, die diese Zeit hervorgebracht hat - und warum. Es hat mich beim Schreiben meines Romans erstaunt, dass manchmal nur zwei bis drei Eigenschaften genügten, um einen 68er zu skizzieren. Das sagt schon einiges aus über den Konformismus dieser Gruppe. Was die Satire anbelangt - sie ist von jeher ein Mittel der Aufklärung gewesen. Ihr Vorteil ist, dass sie für eine Verfremdung sorgt und auf diese Weise einen Neuzugang zum Thema schafft. Meine Figuren sind bis zur Kenntlichkeit entstellt.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch stellen Sie die Auswirkungen von '68 - sexuelle Befreiung, antiautoritäre Erziehung - vorwiegend auf der persönlichen Ebene dar. Kitty Caspari, Kind von 68er-Eltern und eine der beiden Hauptpersonen des Romans, wird von ihren Eltern vorgeführt, bloßgestellt, gedemütigt. Inwieweit gehen die negativen Auswirkungen von 1968 über die persönliche Lebenswelt hinaus?

Dannenberg: Mich interessiert ja eher, wie weit die Auswirkungen von 1968 in die persönliche Lebenswelt hineinreichen und wie sich das literarisch verarbeiten lässt. Aber wenn Sie so fragen: Die 68er waren groß im Zerstören von Institutionen und Werten: die deutsche Universität haben sie auf dem Gewissen, die Familie, das Leistungsprinzip, Etikette und Anstand, Verlässlichkeit und Geborgenheit. Um ein Beispiel zu nennen: In den Stücken des Berliner Grips-Theaters findet man immer wieder Plädoyers für die Zerstörung von familiären Hierarchien und Strukturen, von Respekt, jenem Respekt, den Richard Sennett in seinem neuesten Buch so dringend einklagt. Und im "Kursbuch 17" wird geschildert, wie die Bindung zwischen Eltern und Kindern systematisch zerbrochen werden muss - weil die Kinder sonst angeblich autoritäre Persönlichkeiten werden. Was die 68er damals ideologisch legitimierten, hat sich gesellschaftlich vollzogen, aber nicht als Utopie, sondern als Verwahrlosung.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Dannenberg: Wir haben die Schlüsselkinder, allein erziehende Frauen, Patchworkfamilien und mit der Bildung ging es bergab. Die 68er sind ja mit der Idee angetreten, Schulen und Universitäten zu demokratisieren. PISA zeigt uns, dass da etwas schief lief. Neulich bin ich mal durch eine bekannte Berliner Uni gegangen, und es war schrecklich: An den Wänden Graffiti, in den Gängen Müll, und ständig kamen mir verschlurfte Gestalten mit leeren Kuhaugen entgegen. Das Abenteuer Bildung hat sich als Albtraum verwirklicht.



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