Generationenroman "Wolkenfern" Napoleons Nachttopf

Zweieinhalb Jahre nach Joanna Bators gefeiertem Roman "Sandberg" erscheint dessen Fortsetzung "Wolkenfern". Kann Bator damit an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen?

Autorin Joanna Bator: Eine der bedeutendsten und berühmtesten zeitgenössischen polnischen Schriftstellerinnen
Hartmut Salmen

Autorin Joanna Bator: Eine der bedeutendsten und berühmtesten zeitgenössischen polnischen Schriftstellerinnen

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Die Schriftstellerin Nicole Krauss hat einen Schreibtisch ins Zentrum eines Romans gerückt, der jüdische Schriftsteller Edmund De Waal japanische Figuren wie den Hasen mit den Bernsteinaugen. Es sagt also schon ziemlich viel über Joanna Bators Roman "Wolkenfern", wenn man weiß, welchen Gegenstand sie im Lauf der Jahrhunderte auftauchen, abtauchen, Menschen verbinden lässt: Es ist ein Nachttopf. Zugegeben, es ist der Nachttopf von Napoleon. Aber Nachttopf bleibt Nachttopf.

Die Geschichte dieses Nachttopfs beginnt damit, dass der große Napoleon Bonaparte höchstpersönlich auf der Durchreise in einem kleinen polnischen Ort namens Kamiensk rastet. Er soll erst im Herrenhaus des Fabrikanten übernachten, aber Napoleon zieht es vor, so geht die Geschichte, näher bei seinen Soldaten zu sein, und macht in einer kleinen Bauernhütte auf dem Gelände Quartier, die von diesem Tag an nur noch Napoleonhütte genannt werden wird. Napoleon werden Teppiche, Wandbehänge, ein Bett und Dienstboten in die Hütte gebracht - und eben der Nachttopf.

In den Jahrhunderten nach Napoleons Nacht in der Napoleonhütte wurde der Nachttopf in einer Vitrine aufbewahrt, im Krieg in einem Gurkenfass versteckt. Und vor allem wurde die Geschichte von jedem Nachfahren weitererzählt, selbst von den New Yorker Tanten Lily Rose und Violet Rose, die als Kinder noch befanden: "Wenn es wenigstens ein Collier wäre, eine Schatulle, Ringe - aber ein Nachttopf, was sollte man in New York mit einem Nachttopf, dazu noch einem alten, den irgendein Napoleon schon benutzt hatte?" Und so endet die Geschichte von Napoleons Nachttopf vorläufig damit, dass deren Neffe Andrew in einer renommierten akademischen Zeitschrift einen Essay veröffentlicht mit dem Titel "Der Nachttopf von Napoleon" und eigenhändig nach Polen reist, mitten hinein in die polnische Provinz, deren Schilderung Joanna Bator zu einer der bedeutendsten und berühmtesten zeitgenössischen polnischen Schriftstellerinnen gemacht hat.

Starke Frauen und schwache Männer

Vor zweieinhalb Jahren erschien ihr Roman "Sandberg" auf Deutsch, benannt nach einem tristen Viertel in einem Bergbaustädtchen, in dem Bator selbst aufgewachsen ist. Bator wurde damals für so gut wie jeden wichtigen Literaturpreis nominiert und von der Kritik mit Superlativen beschrieben: "Sandberg" sei eine der wichtigsten Übertragungen aus dem Polnischen, hieß es damals, sie wurde mit Kolleginnen wie der finnischen Autorin Sofie Oksanen oder der ebenfalls aus Polen stammenden Olga Tokarczuk, mit denen sie die unsentimentale Erzählweise und die Vorliebe für starke Frauenfiguren und schwache Männer gemein hat, zu einem Teil des Literaturkanons erklärt. Und natürlich fiel auch die Kritikerfloskel: "Von Joanna Bator wird man noch viel hören."

Und in der Tat, nun also hört man wieder von ihr. "Wolkenfern" ist eine Fortsetzung von "Sandberg", die man allerdings auch lesen kann, ohne "Sandberg" zu kennen. Auch wenn es ein Wiedersehen mit vielen der Figuren gibt. Ein Provinzroman wurde "Sandberg" in vielen der Lobeshymnen genannt; die polnische Provinzenge ist in "Wolkenfern" nur noch der Mittelpunkt von Bators Erzählradius, der auf seinen Runden Vergangenheit, Zukunft und mehrere Kontinente durchmisst. Es geht nach Deutschland, das in der Sprache von Bators Figuren "BeErDe" heißt, es geht nach New York. Wer gerne eine stringente Geschichte liest, mit Klimax und Auflösung, wird mit diesem Roman nicht glücklich. Die Geschichte des Romans ist so fein verästelt wie die Ausläufer eines Flusses. Man muss eine Lust am Streunen und Sich-davon-treiben-Lassen mitbringen, um Bators Roman zu mögen. Dann aber wird man ihn lieben. Er folgt mal dem Nachttopf, dann dieser Figur, dann jener.

Plausibel und kurios zugleich

Was sind das für wundersame Figuren, von denen Joanna Bator erzählt, allesamt auf ihre eigene Art plausibel und kurios zugleich, wie Napoleons Nachttopf: die Teetanten, die ohne Mann, aber mit Findelkind in der Napoleonhütte leben und die Dorfbewohner zu Gebäck einladen. Der Fotograf, der auf seinen eigenen Fotografien den Tod kommen sehen kann, weil er die Fotografierten wie Raureif überzieht. Der sadistische Friseur, der Kissen und Decke mit Frauenhaar ausgestopft hat und sein Glück ausgerechnet im Konzentrationslager findet, als er verängstigten Frauen die Haare abrasieren darf. Noch die unwichtigste Nebenfigur hat bei Bator mehr Farbe als die Hauptfiguren anderer Romane.

Neben dieser Originalität der Figuren zeichnet ein zweiter Punkt diesen Roman aus: die deftige, mitreißende Sprache. Manchmal glaubt man, Bator greife auf eine andere als die gewöhnliche Sprache zurück, weil sie diese zu so kunstvollen, kraftvollen Sätzen zusammensetzt. Die Sprache verbindet all die Figuren und Orte und führt sie immer wieder zurück an ihr heimliches Zentrum: in die polnische Provinz, wo Napoleon einst ein Nachttopf gebracht wurde. Damit geht es der Erzählung als Ganzem nicht anders als dem Fabrikanten, dessen ganzer Stolz dieses Requisit war: "Für Antoni Mopsinski, vor dem Krieg in Kamiensk der Fabrikant genannt, sprudelt hier die Geschichte, schäumend wie der Silvestersekt im Club Weißer Adler in Greenpoint. Sie sprudelt und sprudelt mit unveränderter Kraft..."


Joanna Bator: "Wolkenfern". Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Suhrkamp Verlag, Berlin; 506 Seiten; 24,95 Euro.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
frenjes 16.10.2013
1. Strickmuster bekannt
Zitat von sysopHartmut SalmenZweieinhalb Jahre nach Joanna Bators gefeiertem Roman "Sandberg" erscheint dessen Fortsetzung "Wolkenfern". Kann Bator damit an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen? http://www.spiegel.de/kultur/literatur/generationenroman-wolkenfern-von-joanna-bator-ueber-napoleons-nachttopf-a-928013.html
Erinnert and die Simpsons Folge mit der Geschichte über den Teddybär von Mr Burns. Auch hier war die "Sprache" teils kraftvoll und die Inszenierung amüsant.
kobolte 16.10.2013
2. Eine große Literatur!
Faszinierende, überwältigende Sprache, ein außergewöhnliches und einzigartiges Buch.
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