"Genosse Nachwuchs" Wie man ein Partei-Buch schreibt

Nicol Ljubic, mit 32 Jahren eigentlich ein Vertreter der illusionslosen Generation Golf, trat letztes Jahr mit viel Elan in die SPD ein und lernte Mühen und Macken des Wahlkampfs kennen. In "Genosse Nachwuchs" schildert er eindrucksvoll und amüsant sein nicht immer glorreiches Erweckungserlebnis zum Politiker.

Von Constanze Semidei


Junggenosse und -autor Nicol Ljubic: Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit
M. Wagenhan

Junggenosse und -autor Nicol Ljubic: Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit

Ein warmer Tag in Berlin Pankow. Die Bürger waren zur Europawahl 2004 aufgerufen, das Interesse schien gering, die Wahlbeteiligung würde entsprechend ausfallen. Vor dem Eingang eines Supermarktes warben zwei SPD-Mitglieder für ihre Partei. Mit Broschüren, Lollis, Fotos der Kandidaten und Luftballons. Das sollte den Menschen bei der Entscheidung an der Urne helfen.

Geschmähtes Engagement

Der junge Mann war ein wenig aufgeregt; schließlich galt es, den ersten Straßenwahlkampf zu bestreiten. Freundlich sprach er die Leute an - die potenziellen Wähler schwiegen grimmig oder beschimpften ihn. Der Himmel drohte mit grauen Wolken. Gegen Mittag baute die PDS ihren Stand neben den frustrierten Sozialdemokraten auf. "Schön, dass ihr da seid, dann kriegen wir die Prügel nicht allein ab", freute sich die Konkurrenz mit dem ebenso roten Schirm. Es fing an zu regnen. Um nichts auf der Welt wollte man mit den Genossen hinter den Infoständen tauschen. Warum tun die das? Warum tun die sich das an?

Ljubic-Roman "Genosse Nachwuchs": Jenseits der Feuilletonisten-Boheme

Ljubic-Roman "Genosse Nachwuchs": Jenseits der Feuilletonisten-Boheme

Nicol Ljubic ist so ein engagierter Fußgängerzonen-Kämpfer. Der Berliner Journalist ist im Jahr 2003 in die SPD eingetreten. Gegen den Rat seiner Eltern, trotz des entsetzten Staunens seiner Freunde. Zu einer Zeit, als viele Mitglieder die Parteibücher wegwarfen wie abgetragene Kleidungsstücke und sich politisch engagierte junge Leute eher mit Globalisierungsgegnern in Brasilien trafen als mit der Ortsgruppe in der Eckkneipe. "Es ist doch immer gut, antizyklisch zu sein", sagt Ljubic.

Alte Hasen und Durchmarschierer

Nach seinem 2001 erschienenen Roman "Mathildas Himmel" ist dem 32-Jährigen nun ein politisches Buch gelungen. Auf 200 Seiten erzählt er von seinem neuen Leben als "Genosse Nachwuchs" und beschreibt die Knochenarbeit an der Basis einer Partei. Er trifft Gleichgesinnte in Berliner Ortsgruppen, die in der Hauptstadt Abteilungen heißen, quält sich in der Kneipe beim Bier mit langwierigen Beschlussfassungen, besucht Landesdelegiertenkonferenzen und sogar einen Sonderparteitag. Er begegnet alten Hasen und jungen Durchmarschierern. Alle arbeiten für eine Partei, der die Wähler derzeit bei jeder Landtagswahl die rote Karte zeigen.

Getrieben hat Ljubic der Wille, etwas zu ändern in dieser Gesellschaft, aber auch die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit. Wie so viele sorgt er sich um die aktuellen politischen Entscheidungen, er kritisiert die Eiseskälte von Berufspolitikern, ihre Ignoranz gegenüber der eigenen Basis und die Unfähigkeit zur Selbstkritik. Ljubic wollte nicht mehr zuschauen, sondern mitmachen. Also ist er eines Tages ins Willy-Brandt-Haus gegangen und Parteimitglied geworden.

SPD-Parteitag (2003): Mitmachen statt zuschauen
AP

SPD-Parteitag (2003): Mitmachen statt zuschauen

Er lernt, fremde Menschen mit Du anzureden und mit "Genosse Klaus". Die Chance, seine neuen Bekannten durch den Kakao zu ziehen, lässt er allerdings souverän verstreichen. Ljubic ist kein abgeklärter Zyniker, im Gegenteil: warmherzig porträtiert er einzelne Personen, ihre Stärken und Schwächen und ihre Zähigkeit.

Trotzdem bleibt ihm seine Partei oft seltsam fremd: Zwar freundet er sich mit einigen Gleichgesinnten aus der Jusogruppe an, aber ein echtes Zugehörigkeitsgefühl will sich nicht einstellen. Ljubic spricht damit ein Grundproblem der "thirtysomethings" an: die Angst der Nicht-Festgelegten, vereinnahmt zu werden. Der Junggenosse hadert mit seinem Engagement, möchte nicht, dass andere für ihn sprechen, fühlt sich mit "wir" nicht gemeint und sehnt sich an so manchem Jusoabend etwas beschämt nach Hause zu Freundin und Privatleben.

Generationen-Buch ohne Generationen-Etikett

Das ist die große Stärke von "Genosse Nachwuchs": Das Buch ist nicht nur eine Beschreibung der mühsamen und oft frustrierenden Basisarbeit einer Partei, sondern spricht eine Altersgruppe an, über die in den letzten Jahren oft geschrieben wurde. Es wendet sich an diejenigen, die weder "Zonenkinder" genannt noch zur "Generation Golf" gehören wollen, zwar als "Erbengeneration" mit dem Silber-Löffel im Mund geboren, aber einer sicheren beruflichen Zukunft beraubt sind.

Generationengefährt und Gesellschaftsmetapher Golf: Neu mit politischem Antrieb
DPA

Generationengefährt und Gesellschaftsmetapher Golf: Neu mit politischem Antrieb

Die den Regierungswechsel 1998 als Befreiungsschlag empfanden, sich auf privaten Wahlpartys in den Armen lagen und über das Ende des Stillstands freuten. "Genosse Nachwuchs" berichtet auch vom Wunsch, die Welt zu verbessern, sich einzubringen, aber in der Parteienlandschaft keine rechte Heimat zu finden. Es handelt vom politischen Interesse eines Dreissigjährigen, nicht von seinem Leben als Feuilletons schreibendem Bohemien in Berlin-Mitte oder seinen Erinnerungen ans Kinderzimmer.

Ob das Buch die Leser zum sozialdemokratischen Engagement bewegen wird, ist fraglich. Parteiarbeit scheint eine überholte Art des gesellschaftlichen Engagements zu sein, sie riecht nach Vereinsmeierei und hat die Aura des gerechten Kampfs für die Schwachen eingebüßt. Trotzdem findet Ljubic seine ganz persönliche Form des Weltverbesserns, seine Nische jenseits der Landesdelegiertenkonferenzen - und das mitten in Berlin.



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