Georg-Büchner-Preis: Wolfgang Hilbigs Aufstieg in die Oberliga

Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig bekommt am Samstag in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis verliehen, die angesehenste Auszeichnung der deutschen Literatur. Doch gefeiert werden will er nicht.

Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig: "Ich komme nur noch nachts zum Schreiben."
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Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig: "Ich komme nur noch nachts zum Schreiben."

Es beruhigt Wolfgang Hilbig, 62, dass seine Dankesrede nur 15 Minuten lang sein darf, "weil der Bundespräsident anwesend sein wird und die Veranstaltung nicht überzogen werden soll". Für Hilbig, der 1985 aus der DDR in den Westen übersiedelte, bedeutet der Preis den endgültigen "Aufstieg in die Oberliga", auch wenn er sich von dem ganzen Trubel zurzeit fast gestört fühlt. "Vor lauter Interviews und Lesungen komme ich nur noch nachts zum Schreiben."

Die 40.000 Euro Preisgeld sind eine wichtige materielle Sicherheit für den Schriftsteller, der zurzeit im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg "in einer Art Waggon" lebt, wie er sagt. So war sein erster Gedanke, als die Nachricht ihn ereilte, dass er Büchner-Preisträger wird, ein praktischer. "Auf einer Fahrt im Bus von Bergen-Enkheim nach Frankfurt fiel mir ein, jetzt hast du den Büchner-Preis, jetzt kannst du dir eigentlich ein Taxi nehmen", erzählte er im Interview mit der "Sächsischen Zeitung".

Der Büchner-Preis gilt als die wichtigste deutsche Literatur-Auszeichnung, seit die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 1950 die Jury übernahm. Sie verleiht den Preis an Dichter, die "an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben". Im vergangenen Jahr wurde er an die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker verliehen. Auch Günter Grass, Gottfried Benn und Botho Strauß sind Büchner-Preisträger.

Wolfgang Hilbig, der in seiner Heimatstadt Meuselwitz nahe Leipzig zunächst als Heizer arbeitete, zeichnet in fast allen seinen Geschichten das Leben in der DDR mit autobiografischen Zügen nach. Im Westen waren seine sperrigen Werke stets gefragt, die Kritiker mochten seine Schilderungen "der Krankheitsgeschichte der DDR". Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen gingen auch der renommierte Ingeborg-Bachmann-Preis (1989) und der Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste (1997) an Hilbig.

Ihm ist der Literatur-Betrieb dennoch immer suspekt geblieben und damit verbunden sogar das Schreiben selbst, das mit seiner Radikalität eigentlich "ins Leere" laufe. "Wir werden nicht mehr von den Polizeiknüppeln beherrscht, sondern von den Massenmedien, und gegen die kann man radikal sein, wie man will. Die feiern das immer noch und schlucken dich." Wolfgang Hilbig lässt sich ungern feiern. Selbst auf Lesungen fühlt er sich als "zweckentfremdete Figur". Am Samstag bei der Verleihung in Darmstadt wird er nicht verhindern können, umjubelt zu werden.

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