S.P.O.N. - Der Kritiker Die Kleinbürgerin, die die Gegenwart bekämpft

Igitt, Tätowierungen! Hungerwahn! Privatfernsehen! An der Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff ist vor allem ihr Schaudern vor dem vermeintlich Vulgären bemerkenswert. Könnte es sein, dass sie einfach eine vom Reinlichkeitswahn der schwäbischen Hausfrau getriebene Langeweilerin ist?

Eine Kolumne von

Autorin Lewitscharoff: Büchner-Preis für eine Langeweilerin?
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Autorin Lewitscharoff: Büchner-Preis für eine Langeweilerin?


Reden wir über Stil. Sibylle Lewitscharoff hat es selbst so gewollt. Und reden wir über Kunst, auch das hat die Schriftstellerin, die gerade mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, so gewollt.

Was also ist von einer Autorin zu halten, die Sätze schreibt wie diesen, aus ihrem "Opus magnum" "Apostoloff": "Rumen, der den Empfangsmenschen in eine hochwichtige Konversation verstrickt und diese zu einem befriedigendem Abschluß gebracht hat, fühlt sich lauter galanter Taten fähig."

Oder diesen: "Kreuzt eine Katze meinen Weg, brechen Schnurrhaare aus meiner Haut, und eine niedere Welt, gesponnen aus dunklen Ecken und schweren Gerüchen, will mich zum Schleichen bringen."

Oder diese hier, man findet was auf jeder Seite: "Würdig wie eine Koryphäe des neunzehnten Jahrhunderts gibt er sich dem Studium der Karte hin. Dazu werden die Augenbrauen wechselweise hoch- und niedergezogen, sein Kennermündchen tritt auf den Plan, ein mal abschätziges, mal wohlwollendes Mmm (tief angesummt) oder Hhhmmm (erwartungsfroh in die Höhe gezogen) begleitet Gericht für Gericht."

Was macht man also mit einer Autorin, die ihre Worte wie Blumen behandelt, die sie auf der Wiese pflückt, trocken presst und dann in ihr Poesiealbum klebt, um sie immer und immer wieder anzuschauen und sich über sich selbst zu freuen, wie schön sie das wieder gemacht hat?

Sehnsucht nach der Opferrolle

Genau, man gibt ihr natürlich eine "Poetikvorlesung", damit sie ein paar ihrer Gedanken trocken pressen kann. Das hört sich dann so an: "Die Mode der Tätowierungen etwa weist in zwei Richtungen - auf eine schicksalhafte Hautmarkierung, die sich der verbrecherische Outlaw einritzen läßt; sie weist aber auch auf den KZ-Häftling, dem sie beim Eintritt ins Lager verpaßt wird."

Und weiter: "Die weiblichen Hungerfiguren mit den Riesenaugen, die in den sechziger Jahren in Mode kamen, wie zum Beispiel Twiggy und ihre Nachfahren, verwandeln die ausgehungerten Knochengerüste der Lager in modische Chimären."

Noch mehr? "Der Aufschwung, den die Kremierung als Bestattungsform nach dem Zweiten Weltkrieg genommen hat", schreibt Lewitscharoff, entspringt der "Sehnsucht, sich mit der Asche der Juden zu vermengen, die als Unschuldige durch die Schornsteine gegangen sind."

Jetzt mal im Ernst: Würden Sie dieser Frau Ihre Kinder anvertrauen? Würden Sie diese Frau zu sich nach Hause einladen? Würden Sie ihr ein Buch abkaufen?

Warum also bekommt Sibylle Lewitscharoff, diese Gegenwartslegasthenikerin, diese herrische Reaktionärin, diese Gottesanbeterin mit dem fatalen Hang zum Kunsthandwerk, den immer wieder sogenannten "wichtigsten" deutschen Literaturpreis im Namen des jungen, wütenden, traurigen, liebenden, rasenden Georg Büchner?!

Empirie per U-Bahnfahrt

Wen will die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung damit eigentlich beleidigen? Was will sie damit sagen? Reicht es schon, Literatur als Religion zu feiern, was ja eine alte deutsche Krankheit ist? Reicht es schon, sich in öde Schlachten zu werfen wie die um den Realismus? Reicht es schon, eine rasende Kleinbürgerin zu sein, die mit besonderer Verachtung anderen Kleinbürgern gegenüber auftritt?

"Vulgarität" zum Beispiel, ein Lieblingsthema dieser Schriftstellerin, die alles Ressentiment in sich zu vereinen scheint, was in Hölderlins Turm vor sich hin schimmelt. "Es genügt eine längere U-Bahn-Fahrt", schreibt sie in dem Band "Vom Guten, Wahren und Schönen" und bezieht sich auf die "Sozialhilfeempfänger", die sonst im "Privatfernsehen" herumsitzen, "um sich davon zu überzeugen, daß das mediale Ausleseverfahren zwar auf Extreme setzt, auf die dramatische Zuspitzung des Scheußlichen, aber gänzlich an der Wahrheit vorbei führt leider nicht, was da gezeigt wird". Und schickt noch den Seufzer hinterher: "Die Würde der Armen, wo ist sie geblieben?"

Ja, Sibylle Lewitscharoff, wo ist sie geblieben? Haben die Engländer sie uns geraubt, bei denen "der Prozeß der menschenverachtenden Vulgarisierung - man glaubt es kaum - tatsächlich weiter fortgeschritten ist als bei uns"? Oder waren es doch die Amerikaner, die uns mit ihrer Kurzsatzprosa eh geistig verhurt haben?

Wischmopp des Würdevollen

Oh du mein Gott: "Wo ist er geblieben, der einfach und tapfer lebende Arme?"

Ist an allem das Fernsehen schuld oder der Westen an sich oder natürlich der Kapitalismus oder doch wieder nur das deutsche Theater, diese Drecksmaschine, wo "so viel gefurzt, gepinkelt, geschrien" wird, wo "ekelhafte Substanzen herumgeschmissen werden", wo in "Pappmachéschocks" die Gegenwart ihre Fratze zeigt, "das fängt in der Regel schlimm, pervers und häßlich an und endet elend, schlimm und häßlich"?

Oder ist Sibylle Lewitscharoff einfach eine vom Reinlichkeitswahn der schwäbischen Hausfrau getriebene Langeweilerin? "Der Stil muss den Gnadenschatz bergen, der Erlösung vom Bann des Alltäglichen verspricht", schreibt sie, "Erlösung von Schmutz und Schuld, die wir alle, schwache, böse, schutzbedürftige Wesen, die wir sind, unablässig in uns und um uns anhäufen."

Ist Literatur wirklich dafür da? Der Feudel fürs Feuilleton? Der Wischmopp der Weihevollen? Die Putzkolonne der Preisträger? Ist Literatur wirklich vor allem ein Mittel gegen die Gegenwart mit all ihren Nebenwirkungen?

Na, herzlich willkommen in der Apotheke des Heiligen.

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insgesamt 65 Beiträge
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GGArtikel5 07.06.2013
1. Wer hat's verbrochen?
„Es gibt auch schon einen Ausdruck für diese intellektuell-spirituell-spekulative Sicht auf die Welt, wie sie sein könnte, nicht wie sie ist: die Neu-Delhi-Transzendentalisten, die ihre Stadt lesen wie eine Botschaft aus der Zukunft, die wir nur entschlüsseln müssen, durch Unschärfe, Fiktion, Verwirrung, Fälschung, Inkohärenz.“ Na, raten Herr Diez. Von wem stammt dieses Monstrum?
garnienicht 07.06.2013
2. Ach, Herr Diez ...
Sie haben sich, aber wieder, das interessanteste Thema schlechthin, erwählt. Sie können wohl nicht aus Ihrer Haut heraus? Wie hiess nochmal der Mensch, der zu den heissesten Studentenprotesten, im Berlin, der fortgeschrittenen Sechziger, nicht auf dieses ´revolutionäre´ Treiben eingehen wollte und viel lieber eine Vorlesung über Goethes Farblehre hielt? Sie könnten, sich wieder wichtigen Gegebenheiten, in dieser Gesellschaft widmen. Mir fehlt z.B. ein ´Entgegentreten´ zum Weiter so, der politischen Parteien. Zur Schreibe dieser Dame ... Keine Ahnung, erinnert an die ´Fünfziger´ Cannetti, Schmidt?
jot-we 07.06.2013
3. Dass!
... ich diese Worte mal unter eine Ihrer Kolumnen setzen würde, Herr Diez: Danke für diesen erlösenden Artikel! Aber hilft ja alles nix - wo Sie recht haben, haben Sie recht und aus die Maus!
average_joe 07.06.2013
4. Lewitscharoff hin oder her ...
... Misogynie - und dieser Artikel trieft nur so davon - hat immer etwas Feiges, Neidisches, Billiges, extrem Kleingeistiges
volker_morales 07.06.2013
5. Honni soit qui mal y pense!
Es mag dem elitären avantgardistischen Literaturverständnis widersprechen, dass eine Georg-Büchner-Preisträgerin die real existierende Gegenwarts-Tristesse in formalsprachlich "gutem Deutsch" treffend und ausdrucksstark beleuchtet. Möglicherweise wäre ein Theodor-Fontane-Preis insoweit passender gewesen. Aber ich vermute zu Ihren Gunsten, dass auch Sie den Georg-Büchner-Preis nicht für Georg-Büchner-Imitate reservieren möchten, sondern ein gelungenes "gegen-den-Strich-bürsten" genügen lassen. Zu Ihrem Vorwurf der intellektuellen Kleinbürgerlichkeit fällt mir nur der bekannte Satz ein: „Honni soit qui mal y pense!“
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