Buchpreis-Kandidat "Miakro" Die Bürotische führen ein Eigenleben

Georg Kleins Roman "Miakro" ist für den Preis der Leipziger Messe nominiert. Er eröffnet ein undurchsichtiges Universum der Rätsel und Risse, das die Schädel der Leser knirschen lässt.

Büroleben von einst
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Büroleben von einst


"Spruchbeulen" und "Reizwogen", "Frühlingsmoder" und "Lichtpflichtstunden" - in den Welten des Georg Klein trifft man seit jeher auf allerlei Skurrilitäten und fantastische Elemente. Stets subtil bricht er die Kruste unserer sicheren Realität auf, bis mehr und mehr Risse von einem dunklen Untergrund zeugen.

Sein just für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiertes Werk "Miakro" führt uns diesmal tief unter die Erde, mitten hinein in eine eigenartige Bürowelt, deren Bewohner einen gänzlich ritualisierten Alltag pflegen: Aufstehen, an die Tische setzen, um in ein Glas zu schauen, das traumartige Bilder von anderen Zeiten offenbart, gemeinsames Speisen in sogenannten Nährfluren, die sich aus den Wänden heraus formen und in ihnen wieder verschwinden, zuletzt das abendliche Aufsuchen der Schlafkojen.

Als der Büroleiter Nettler erkrankt und sein langweiliges Dasein zu hinterfragen beginnt, beschließt er mit vier weiteren Kollegen die künstlichen Gefilde zu verlassen. Auf geht's durch die oberen Ebenen hin zur freien Natur. So zumindest der nicht ganz ungefährliche Plan. Unterdessen hat sich die "Naturkontrollagentin" Xazyz an der Oberfläche gemeinsam mit ihren Truppen zum Ziel gesetzt, die geheime Zone zwischen den Büros und der wirklichen Lebenswelt zu erforschen und im späteren Teil des Textes die fünf Männer zu finden.

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Georg Klein:
Miakro

Rowohlt, 336 Seiten, 24,- Euro (gebunden)

Mit den Ingredienzen eines Abenteuerromans, des Science-Fiction-Genres und des Öko-Thrillers sprengt der 1953 in Augsburg geborene Autor wieder einmal gängige Erzähl- und Gattungskonventionen. Mal springt er in die Innensicht seiner Protagonisten, die da Axler, Guhl oder Schill heißen, mal wechselt er in die Vogelperspektive. Und der Leser wird dabei kräftig geschleudert durch unterschiedliche Erdräume, mit überdimensionalen Pilzen und Wesen wie dem Suchwurm. Nirgendwo findet man in diesem wilden Kosmos Halt.

Hat man sich einmal vermeintlich orientiert, bringt Kleins hochkomplexe Sprachästhetik alles erneut ins Wanken. Da ist die Rede von "gelbfleckig aufglimmende[n] Gangdecken" oder "rundum rechtwinklig[en]" Quadraten. Schlangenartige Sätze quellen vor Adjektiven, Komposita, Abstrakta, Wortschöpfungen wie "flaumbärtig", "kleinfingerlang" oder "fühlgewiss" über. Wände verschlucken derweil ganze Figuren oder geben neue Gänge frei - ein Universum, so viskos wie ein Pudding!

Keine Prosa zum nächtlichen Einschlafen

Georg Klein
picture alliance/ F.May

Georg Klein

Was der Erzähler mit seinen zahlreichen Kunstgriffen im Sinn hat, ist maximale Irritation und maximales Fremdheitsgefühl aufseiten des Lesers hervorzurufen. Er will seine Welt nicht verständlich machen, sie soll ihr Faszinosum gerade in ihrer Rätselhaftigkeit entfalten. Während wir die Komplexe und teils versteckten Begehren der Helden dieser Story immer besser kennenlernen, bleibt uns nämlich ein wichtiger Akteur unzugänglich: die Umwelt.

So führen die Tische im Büro ein munteres Eigenleben, dasselbe gilt für den "knauserig gewordene[n] Gang" und das "aufschmatzend[e] Glas". Klein knüpft damit zum einen an den kulturwissenschaftlichen Diskurs des "material turn" an, der sich - grob gesagt - um die Handlungsmacht von Dingen in der Natur und unserem Alltag dreht, zum anderen literaturhistorisch vielleicht am ehesten an Adalbert Stifter an. Auch in Landschaften wirken kaum greifbare Kräfte.

Jenseits der Idylle verbirgt sich dabei immerzu das Grauen. "Etwas Ungesehenes wollte Gestalt annehmen", heißt es an einer Stelle in "Miakro". Andeutungen schaffen ein Dickicht, das einen wilden, nur schwer ergründlichen Wortwuchs provoziert.

Dieses Buch zu lesen, bedeutet letztlich, sich einer ungeheuerlichen Anstrengung auszusetzen, bedeutet, sich von einem Sprachstrudel in ein unbekanntes Inneres mitreißen zu lassen. Also keine Prosa zum nächtlichen Einschlafen, allerdings eine Einladung für all jene, die, wie ein weiterer Begriff des Romans so treffend festhält, "Schädelknirschen" nicht scheuen.

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