Pelecanos-Krimi: Zu weit unten für das große Ding

Von Marcus Müntefering

Junkies und Prostituierte, Diebe und Dealer: George Pelecanos Romane spielen unter Kleinkriminellen, Verbrechen geschehen hier aus Versehen oder aus Verzweiflung. "Ein schmutziges Geschäft" bildet nun den Auftakt zu einer neuen Serie - im Mittelpunkt steht der Irak-Kriegsveteran Spero Lucas.

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Pelecanos-Thema US-Unterschicht: Nie ein besseres Leben kennengelernt

Als George Pelecanos 17 Jahre alt war, schoss er seinem besten Freund mit einer .38er ins Gesicht. Es war ein Versehen, der Freund überlebte, doch Pelecanos war danach nicht mehr derselbe. Wenig später erlitt sein Vater einen Herzinfarkt. Für den Teenager, der bis dahin ein Leben zwischen schnellen Autos und kurzen Affären führte, war die Jugend endgültig vorbei. Er musste das Diner seines Vaters in Washington D.C. übernehmen, an ihm war es jetzt, der Mann in der Familie zu sein.

Diese beiden Ereignisse haben George Pelecanos' Leben unwiderruflich geprägt - und sie durchziehen motivisch jeden der 18 Romane, die er in den vergangenen 20 Jahren veröffentlicht hat. Viele seiner Helden sind wie Pelecanos selbst, griechischstämmige Männer mit einer starken Familienbindung, die in ihrer Jugend jede Menge Unfug angestellt haben, bis sie lernen mussten, dass es als Mann darauf ankommt, Verantwortung zu übernehmen, für sich, für seine Familie, für seine Freunde. Aber auch die Bösen ähneln oft dem Autor, repräsentieren das, was aus ihm hätte werden können, wenn sein Leben anders verlaufen wäre.

Ausschließlich gut oder böse ist folglich selten eine Figur in Pelecanos' Büchern. Wer in den Achtzigern und Neunzigern in dem Teil Washingtons aufwuchs, in dem auch Pelecanos groß wurde, für den hätte das Weiße Haus ebenso gut am Nordpol liegen können, der lebte nicht in der Hauptstadt der USA, sondern in der murder capital, wo Jahr für Jahr mehr als 400 Menschen erstochen, erschossen oder erschlagen wurden. In diesem kleinkriminellen Milieu, zwischen Junkies und Prostituierten, zwischen Dieben und Dealern, spielen bis heute alle Romane von George Pelecanos. Zu seinem Personal gehören weder perfide Serienkiller noch brillante Gentleman-Einbrecher, die geniale Coups planen; das Verbrechen bei Pelecanos ist blue collar, geschieht aus Versehen oder aus Verzweiflung oder einfach, weil man nie ein anderes, ein besseres Leben kennengelernt hat.

Punkrock liebender Privatdetektiv

In "Ein schmutziges Geschäft" führt Pelecanos einen neuen Helden ein: Spero Lucas, ein Irakkriegsveteran Ende Zwanzig, der als Ermittler für einen Anwalt arbeitet, ohne Lizenz, ohne Ausbildung. Sein Spezialgebiet: die Wiederbeschaffung verschwundener Dinge, sein Anteil: 40 Prozent, sein aktueller Auftrag: für einen Dealer eine gestohlene Lieferung Marihuana aufzuspüren. Als Lucas herausfindet, dass es sich um einen Insiderjob handelt, in den zwei der Drogenkuriere verwickelt sind, ist es bereits zu spät. Die beiden jungen Schwarzen werden von ihren Partnern ermordet. Lucas kommt den Hintermännern, einem ehemaligen Polizisten und zwei Amateurkillern, bald auf die Spur und rüstet sich zu einem blutigen Showdown.

"Ein schmutziges Geschäft" gehört nicht zu Pelecanos' besten Büchern, viele Bestandteile sind aus früheren Romanen bekannt, die Dialoge enttäuschen ein wenig. Normalerweise sind sie es, die Pelecanos weit aus dem Krimi-Mittelmaß erheben. Sie brachten ihm nicht nur Vergleiche mit Elmore Leonard ein, sondern bescherten ihm auch einen Job bei der TV-Serie "The Wire", für die er insgesamt acht Folgen schrieb und mehrere Staffeln co-produzierte.

"Ein schmutziges Geschäft" bildet den Auftakt zu einer neuen Reihe. Auch wenn Spero Lucas zunächst wie ein Abziehbild früher Pelecanos-Helden wirkt, entwickelt er im Laufe der Geschichte das Potenzial eine ähnlich unvergessliche Figur wie der Punkrock liebende Privatdetektiv Nick Stefanos aus Pelecanos' frühen (und, liebe deutsche Verlage, bis heute nicht übersetzten) Krimis zu werden. Am Ende des Romans, wenn Lucas begreift, dass er von seinem Auftraggeber reingelegt wurde, und wenn die einzige Frau, die dem Womanizer wirklich etwas bedeutet, ihn verlässt, versteht er, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat, bevor er der Mann sein wird, der er sein will.

Es dürfte sich lohnen, Spero Lucas auf dieser Reise zu begleiten.

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Oliver Bottinis "Der kalte Traum"

Peter Temples "Tage des Bösen"

Emilie de Turckheims "Im schönen Monat Mai"

Arne Dahls "Gier"

Donald Ray Pollocks "Das Handwerk des Teufels"

Fred Vargas' "Die Nacht des Zorns"

Sam Hawkens "Die toten Frauen von Juarez"

Matthew Stokoes "High Life"

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insgesamt 2 Beiträge
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1. George Pelecanos
derek-raymond 13.06.2012
Na ja, übersetzt wurden die ersten drei Romane um Nick Stefanos schon. Aber halt nur einer davon ist noch lieferbar
2. optional
spon-facebook-1302601703 14.06.2012
Vielleicht liegst auch an der Übersetzung, dass das Buch so schwer in die Gänge kommt. Gute Übersetzungen soll man loben, schlecht aber auch kritisieren. Und die ist definitiv nicht gelungen.
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