Krimi "Hard Revolution" Soundtrack der Rebellion

Hamburg hat es gezeigt: Die Gründe und Folgen von Krawallen sind schwer zu rekonstruieren. George Pelecanos macht das am Beispiel von Washington 1968 präzise - im wichtigsten Kriminalroman, den man zurzeit lesen kann.

Nationalgarde in Washington nach der Ermordung Martin Luther Kings (1968)
AP

Nationalgarde in Washington nach der Ermordung Martin Luther Kings (1968)


New York hat Richard Price, Boston Dennis Lehane und L.A. James Ellroy - Krimiautoren, die an einer alternativen Geschichte ihrer Stadt schreiben. Für Washington, D.C., erledigt George Pelecanos den Job - und das seit mehr als zwanzig Jahren verdammt gut. 18 Romane sind es bislang, ins Deutsche übertragen wurde nur die Hälfte von ihnen. Drei Verlage scheiterten schon daran, den Schriftsteller hierzulande bekannt zu machen, der in den USA auch wegen seiner Drehbücher für TV-Serien wie "The Wire" ein großer Name ist. Jetzt unternimmt Ars Vivendi einen vierten Anlauf.

Mit "Hard Revolution" aus dem Jahr 2004 hat man sich eines von Pelecanos' wichtigsten Büchern ausgesucht, und mit Hardcover samt Lesebändchen eine adäquate Form gefunden. Das gilt leider nicht für die Übersetzung, die es nicht schafft, Pelecanos' lässig-groovenden Stil, sein Gespür für den Sound der Straße, ins Deutsche zu übertragen. Doch "Hard Revolution" besitzt eine solche erzählerische Wucht, dass der Roman sich einen Großteil seiner Faszination bewahrt.

Von Kleinkriminellen und Cops

Politiker und Lobbyisten spielen keine Rolle in Pelecanos' Washington-Panorama, er erzählt von Kleinkriminellen und Cops, von einfachen Menschen, die auf der Suche sind nach dem richtigen Leben unter schwierigsten Bedingungen. Einer von ihnen ist der Afroamerikaner Derek Strange, Sohn einer Putzfrau und eines Imbisskochs. Als Junge wird sein Weltbild geprägt von den Western, die er zusammen mit seinem Vater im Kino sieht. Er lernt, was richtig ist und was falsch, glaubt zu wissen, wer die Guten sind und wer die Bösen. Und er beschließt, Polizist zu werden.

George Pelecanos
Thibaut de Corday

George Pelecanos

Ein Großteil des Romans spielt im April 1968. Damals brannten Teile Washingtons, und, anders als unlängst in Hamburg, traf der Begriff "Bürgerkriegszustand" hier wirklich zu: zwölf Tote, 1000 Verletzte, 1200 ausgebrannte Gebäude lautete die Bilanz, nachdem das Militär den Aufstand nach fast einer Woche in den Griff bekommen hatte. Der Anlass war die Ermordung Martin Luther Kings, und wer die Gründe verstehen will, muss "Hard Revolution" lesen.

Pelecanos zeigt den ganz alltäglichen Rassismus, die Beleidigungen, Anfeindungen und Erniedrigungen - den Hi-Fi-Händler, der das Geld der Schwarzen nicht mit dem der Weißen aufbewahrt; die Frau, die es gut meint mit ihrer schwarzen Putzhilfe und ihre eigene Überheblichkeit gar nicht bemerkt; aber auch Derek, der die Einladungen seines weißen Partners zum gemeinsamen Abendessen immer wieder abbügelt. Pelecanos beschreibt auch die Gewalt, die weißen Jungs zum Beispiel, für die ein gelungener Abend mit Speed und Schnaps beginnt, und damit endet, einen Schwarzen mit dem Auto durch die Straßen zu hetzen.

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George Pelecanos:
Hard Revolution

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Gottfried Röckelein

Ars Vivendi; 399 Seiten; 24 Euro

Derek Strange, der junge, aufrechte Cop, dient Pelecanos als moralisches Zentrum der Geschichte. Um ihn herum kreiert er einen Kosmos aus mehr als einem Dutzend Figuren, deren Wege sich immer wieder kreuzen. Er beobachtet sie auf ihrer Jagd nach Geld, nach Liebe, nach Anerkennung. Und er zeigt, wie leicht es ist, vom Weg abzukommen. Sein Held Derek Strange wird lernen müssen, das die Welt nicht schwarz-weiß ist wie in den Western seiner Kindheit. Und am Ende des Romans wird er kein Polizist mehr sein können.

Ein schönes Bild findet Pelecanos für Derek und die Erschütterung seines moralischen Kompasses: 1968 läuft in Washingtons Kinos Sergio Leones "The Good, the Bad and the Ugly" ("Zwei glorreiche Halunken"), und Derek rätselt, wer eigentlich der Gute in diesem zynischen Italowestern sein soll. Nebenbei ärgert er sich darüber, dass im Radio nie der Original-Soundtrack von Ennio Morricone zu hören ist, sondern die weichgespülte Version von Hugo Montenegro.

Popkulturelle Referenzen wie diese ziehen sich durch Pelecanos' gesamtes Werk, in "Hard Revolution" geht es vor allem um Musik. Die weißen Jungs lieben den harten Trashrock von Link Wray und den Raymen: "Es war ein Sound, den wohl niemand sonst erzeugen konnte, eine urwüchsige Art von Rock and Roll, die das Blut in Wallung brachte und den Saal unter Strom setzte. Die Leute tanzten ineinander hinein, schon bald flogen die Fäuste, und viele von denen, die sich prügelten, hatten ein Lächeln im Gesicht."

Sirenengeheul und Hubschrauberknattern

Den eigentlichen Soundtrack des Romans - in den USA wurde eine limitierte Auflage von "Hard Revolution" sogar mit CD ausgeliefert - aber liefert der Soul der späten Sixties. Derek liebt die Songs von Labels wie Stax und Volt, Motown hingegen ist für ihn "Soulmusik für die Weißen".

Doch irgendwann verstummt die Musik aus den Autoradios und Bars. Solomon Burke und Wilson Pickett und Aretha Franklin werden ersetzt durch berstende Fensterscheiben und Sirenengeheul und Hubschrauberknattern. Inmitten dieses Chaos' sucht Derek nach dem Mörder seines Bruders - und findet sein wahres Selbst. Auch wenn es ihm zunächst nicht gefällt.

Am Ende dieses Romans ist niemand unversehrt. Die Wunden, die Washington trägt, stehen auch für den Schmerz der Menschen, ob sie Opfer der Ausschreitungen oder privater Tragödien sind. Wie Pelecanos damit umgeht, das könnte auch Vorbild sein für die von Hysterie und politischem Kalkül getriebenen Debatten um die Ereignisse während des Hamburger G20-Gipfels.

Er klagt nicht an, zeigt nicht mit dem Finger auf vermeintlich Schuldige, sondern beschreibt mit großer Präzision und Empathie, wie extreme soziale Schieflagen zu einer Eskalation führen können. Auch deshalb ist "Hard Revolution" der wichtigste Kriminalroman, den man jetzt lesen kann.



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B. Hoffrich 24.07.2017
1. Das stimmt doch einfach nicht.
"Die Gründe und Folgen von Krawallen sind schwer zu rekonstruieren." Es geht um diese fünf Minuten Berühmtheit, camoufliert als politische Botschaft. Wichtigtuerei und Eitelkeit. Hungerunruhen und Kampf gegen eine Diktatur sind was ganz anderes. Und lebensgefährlich. Die Folgen der Show-Krawalle sind auch längst bekannt: Phrasen der Polit-Kaste, sonst nix.... Da es ja auch um nichts geht.
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