Generationen nach dem Holocaust "Wir befinden uns jetzt in der Ära des Post-Antifaschismus"

Was bleibt, wenn die letzten Zeugen des Holocausts sterben? Die Publizistin Géraldine Schwarz spricht sich gegen erzwungenes Erinnern aus - und rät Deutschland, den Blick auf die Nachkriegszeit zu richten.

Géraldine Schwarz
Mathias Bothor

Géraldine Schwarz

Ein Interview von Katharina Schipkowski


Zur Person
  • Mathias Bothor
    Géraldine Schwarz, geboren 1974 in Straßburg, ist die Tochter einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Sie hat als Korrespondentin der Nachrichtenagentur AFP in Paris gearbeitet und lebt heute in Berlin. Schwarz arbeitet als Autorin und Dokumentarfilmerin und bezeichnet sich selbst "als Kind Europas". Für ihr Buch "Die Gedächtnislosen" wurde sie mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet; er wird ihr am 5. Dezember im EU-Parlament verliehen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schwarz, in Ihrem Buch rekonstruieren Sie den Krieg und die Nachkriegszeit anhand Ihrer deutsch-französischen Familiengeschichte. Warum ist Ihnen so wichtig, Schuld individuell zu verhandeln?

Schwarz: Ich denke, dass man Geschichte und Erinnerung nicht trennen kann. Über die "kleine Geschichte", die Art, wie sich ein einzelner Mensch im "Dritten Reich" und nach dem Krieg verhalten hat, lässt sich die "große Geschichte" besser verstehen, und umgekehrt. Weil man sich identifizieren kann, vor allem, wenn dieser Mensch ein Mitläufer war, wie mein deutscher Großvater, und keine große Nummer - kein Göring, kein Mengele. Mit denen kann sich niemand identifizieren. Aber aus Konformismus oder Opportunismus in die NSDAP eingetreten zu sein, sich ein bisschen bereichert zu haben, eine Firma arisiert zu haben und so allmählich zum Komplizen eines verbrecherischen Staates geworden zu sein - das kann man sich vorstellen. Auch dass sich ein solches Verhalten in einem anderen Kontext heute wiederholen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie schockiert darüber, wie Ihr Großvater eine jüdische Firma arisiert hat?

Schwarz: Mein Ansatz ist nicht, meine Großeltern zu verurteilen, sondern ihre Haltung im breiten Kontext ihrer Zeit einzubetten. Man kann davon ausgehen, dass mein Großvater nicht wusste, dass sein Mitläufertum eine notwendige Voraussetzung für die Organisation eines Verbrechens riesigen Ausmaßes war. Aber er hätte es nach dem Krieg anerkennen müssen, statt, wie die Mehrheit der Deutschen, sich in die Opferrolle zu drängen. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Wo fängt die individuelle Verantwortung an, und wo hört sie auf in einer Diktatur?

SPIEGEL ONLINE: Die Anerkennung von individueller Verantwortung ist keine Selbstverständlichkeit in der Erinnerungskultur.

Schwarz: Nein, in Frankreich hat man sich zwar sehr bemüht, an die Verbrechen der Vichy-Führung zu erinnern, aber man hat sich weniger für die Haltung des Einzelnen interessiert. In Österreich und Italien hat die Erinnerungsarbeit viel zu spät angefangen. In der DDR bemühte man den Mythos, die Ostdeutschen seien nie Nazis gewesen, sondern immer schon Kommunisten. Also gab es keinen Grund, eine historische Verantwortung für die Gräueltaten des Dritten Reiches zu übernehmen. In Osteuropa herrschte das Narrativ vor, die Bevölkerung sei immer aufseiten der Sowjetunion gewesen, obwohl während des Krieges viele Länder mit Nazi-Deutschland verbündet waren. Das war ein Diktat der Sowjetunion, die Völker wurden gezwungen, der sowjetischen Soldaten zu gedenken. Diese Schizophrenie erklärt teilweise, warum nach dem Mauerfall ein Teil dieser Menschen aus Protest genau an das Gegenteil erinnert hat: den Faschismus. In Ungarn, in den baltischen Staaten, in Kroatien werden heute faschistische "Helden" rehabilitiert.

Familie im Jahr 1955: "Irgendwann kann man nicht mehr nur mit negativen Erinnerungen umgehen"
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Familie im Jahr 1955: "Irgendwann kann man nicht mehr nur mit negativen Erinnerungen umgehen"

SPIEGEL ONLINE: Ungarn hat sich erst 2015 zur Mitschuld an der Schoah bekannt.

Schwarz: Ja, viele Länder Osteuropas haben sich dafür entschuldigt und Holocaust-Denkmäler gebaut. Aber auch, weil die EU es von ihnen erwartete. Wenn Erinnern erzwungen wird, hat es wenig Einfluss auf die Gesellschaft. Es gibt keine Formel für gelungenes Erinnern. Was ich allerdings sagen kann: Das deutsche Erinnerungsmodell wird im Ausland bewundert.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Besondere daran?

Schwarz: Deutschland hat schrittweise anerkannt, dass weite Teile der Gesellschaft eine Verantwortung an den Verbrechen des Dritten Reichs tragen - sei es als Täter, als Mitläufer oder als apathischer Zuschauer. Man hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie soziopsychologische Mechanismen so viele Menschen dazu bewegen, einen verbrecherischen Staat zu unterstützen. So konnten Werte verbreitet, ein Sinn für individuelle Verantwortung und kritisches Denken gefördert und die Demokratie befestigt werden. Deutschland hat außerdem eine Erinnerungsarbeit gepflegt, die auf dem Negativen basiert, und auf dieser Basis etwas Positives aufgebaut, das hat kein Land vorher gemacht. Im Gegenteil: Man glorifiziert meistens die Vergangenheit. Aber um aus der zu lernen, muss man natürlich die eigenen Fehler anerkennen - nicht nur die der Staatsführung, sondern auch der Bürger.

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Géraldine Schwarz:
Die Gedächtnislosen

Erinnerungen einer Europäerin

Aus dem Französischen von Christian Ruzicska

Secession Verlag für Literatur; 445 Seiten; 28 Euro

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem erstarkt rechtes Gedankengut hierzulande.

Schwarz: Die Erinnerungsarbeit muss ständig genährt werden. Wir erleben gerade einen Perspektivbruch, auch aufgrund des Generationenwechsels. Wir befinden uns jetzt in der Ära des Post-Antifaschismus. Der Antifaschismus, der Europa seit der Nachkriegszeit prägt, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Für jüngere Generationen rücken der Krieg und der Holocaust immer weiter in die Ferne. Man kann sich nicht vorstellen, dass es sich wiederholen könnte, und so lässt die Wachsamkeit nach. Wenn es aber keine Erinnerung gibt, entsteht ein Vakuum, das mit jeglichen Mythen gefüllt werden kann. Ohne Erinnerung ist die Demokratie gefährdet.

SPIEGEL ONLINE: Müssen wir die Erinnerung reformieren?

Schwarz: Irgendwann kann man nicht mehr nur mit negativen Erinnerungen umgehen. Wir sollten den Blick nicht nur auf die Schoah und die Kriegszeit richten, sondern auf die Nachkriegszeit erweitern, auf den Aufbau des demokratischen Deutschlands, worauf die Deutschen stolz sein können. Und wir sollten die europäische Identität fördern, indem wir an das erinnern, was uns verbindet und positiv ist: Der Sieg über zwei Totalitarismen.

SPIEGEL ONLINE: Kann es ein "Zu viel" an Vergangenheitsaufarbeitung geben?

Schwarz: Es gilt nicht "je mehr desto besser". Es geht vielmehr um die Frage, was man daraus für heute lernen kann. Zum Beispiel: Welche Mechanismen nutzt eine Partei, ein Regime, um Menschen zu verblenden und zu manipulieren? Denn diese Mechanismen wiederholen sich. Ein Teil der AfD-Führung verfolgt eine alte Methode: Ängste zu schüren, sie gegen Sündenböcke zu richten, das schmeichelhafte Gefühl zu vermitteln, einer besonderen "Volksgemeinschaft" anzugehören und die Trennung zwischen dem Wahren und dem Unwahren zu verwischen.

SPIEGEL ONLINE: Und sie lehnt Erinnerungsarbeit ab.

Schwarz: Genau. Denn Erinnerungsarbeit fördert kritisches Denken und den Sinn dafür, individuelle Verantwortung zu übernehmen. Und das kommt eben nicht den Rechtspopulisten zugute, denn sie spielen mit Irrationalität und einfachen Antworten. Aber es gibt keine einfachen Antworten in einer globalisierten Welt. Als Bürger in einer Demokratie hat man die Aufgabe, wachsam zu sein und kritisch zu reflektieren. Aber es ist ein langer Prozess, insbesondere für diejenigen, die lange in einer Diktatur gelebt haben, wie etwa in der DDR. Dort wurden die individuelle Verantwortung nicht gefördert, so entstand der Eindruck, dass der Staat alles für einen regeln soll. Wenn das nicht klappt, weil wir nun mal in einer Demokratie leben, in der man mithelfen muss, lehnen dann manche das System pauschal ab.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben das Gefühl der "Abgehängten".

Schwarz: Ja. Wo die Zivilgesellschaft immer sehr schwach war, ist es ein langer Prozess. Demokratie zu lernen, dauert länger, als ein neues Wirtschaftssystem aufzubauen.



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